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Kim in der Kiste

Nordkorea beweint seinen verstorbenen Diktator Kim Jong-il. Der Süden bemüht sich um versöhnliche Signale.

Die Nachricht fand nicht viel Aufmerksamkeit: Am vergangenen Freitag berichtete das chinesische Staatsfernsehen CCTV, das Pekinger Wachsfigurenmuseum habe für Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il eine Statue seiner Mutter angefertigt. Mehr als 200 Würdenträger seien aus Pjöngjang angereist, um die Skulptur abzuholen. „Aber wer war wirklich in der Kiste?“, fragt ein chinesischer Blogger. „Vielleicht ist Kim gar nicht in seinem Zug gestorben, sondern in einem chinesischen Krankenhaus.“

Das Gerücht ist einer von zahllosen Spötteleien, mit denen Internetbenutzer aller Welt den Tod des exzentrischen Tyrannen kommentieren, der am Montag bekannt geworden war. Millionenfach wird derzeit ein Clip aus dem Film „Team America“ verlinkt, in dem eine Kim-Marionette ihre Einsamkeit besingt. Verschwörungstheoretiker malen sich aus, ob Kim ermordet worden sei oder womöglich noch lebe. Mystiker sinnieren darüber, was es bedeutet, dass Kim im gleichen Alter gestorben ist wie Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi und Iraks Saddam Hussein: mit 69 Jahren.

So wenig die Welt dem Kim nachweint, so sehr tun es seine Landsleute. Bis zum 29. Dezember sollen die Nordkoreaner um den „Geliebten Führers“ trauern, hat die Regierung angeordnet. Kims Leichnam wurde am Dienstag in einem Glassarg aufgebahrt. Sein jüngster Sohn und Nachfolger Kim Jong Un machte dem Toten dort als erster seine Aufwartung, begleitet von ranghohen Funktionären der Arbeiterpartei. Der Propagandaapparat, der dem jungen Kim bisher wenig Beachtung geschenkt hatte, scheint um den neuen Herrscher nun einen ähnlichen Persönlichkeitskult aufbauen zu wollen wie um seinen Vater und Großvater, Staatsgründer Kim Il Sung. Kim Jong Un sei „als großartige Persönlichkeit vom Himmel geboren“, berichtete die Nachrichtenagentur KCNA. Wie sein Vater soll er am heiligen Berg Paekdu das Licht der Welt erblickt haben. Die Parteizeitung „Rodong Sinmun“ bezeichnete ihn als „geistigen Pfeiler und Leuchtturm der Hoffnung“ für Militär und Volk.

Was Kims Tod tatsächlich für die Machtverhältnisse in Nordkorea bedeutet, ist für Außenstehende bisher rätselhaft. Nachdem das nordkoreanische Militär am Montag wenige Stunden nach der Bekanntgabe von Kims Tod zwei Kurzstreckenraketen ins Meer geschossen hatte, kam es am Dienstag nicht zu erneuten Provokationen. Südkorea, das sich mit dem Norden seit dem Koreakrieg (1950 – 1953) formell noch immer im Kriegszustand befindet, zeigte sich seinerseits bemüht, aggressive Signale zu vermeiden. Die Regierung sprach den Nordkoreanern ihr Mitgefühl aus.

Zwar will Seoul keine offizielle Delegation zum Staatsbegräbnis am 28. Dezember schicken. Als versöhnliche Geste sollen aber Angehörigen des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, der sich im Rahmen der Sonnenschein-Politik um eine Annäherung der beiden Koreas bemüht hatte, nach Pjöngjang reisen dürfen. Südkoreas Verteidigungsminister Kim Kwan Jin erklärte außerdem, man werde christliche Gruppierungen, die an der innerkoreanischen Grenze große Leuchtinstallationen in Form von Weihnachtsbäumen aufbauen wollten, von ihrem Vorhaben abzubringen versuchen. Der Norden hatte dies als „psychologische Kriegsführung“ verurteilt.

Nichtsdestotrotz hat der Süden eine Reihe von Notfallplänen aktiviert. Neben dem Militär wurden auch Energieunternehmen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Sie sollen Szenarien für einen möglichen Angriff auf Südkoreas Energieinfrastruktur durchspielen. Gleichzeitig wappnen sich südkoreanische Internetspezialisten für mögliche Hackerangriffe aus dem Norden.

Bernhard Bartsch | 20. Dezember 2011 um 16:18 Uhr

 

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