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Kim in China – aber welcher?

Nordkoreas Diktator besucht seinen engsten Verbündeten. Womöglich ist die Reise auch der Antrittsbesuch seines jüngsten Sohnes und designierten Nachfolgers.

Wie immer ist alles höchst geheimnisvoll: Kim Jong-il, Nordkoreas undurchschaubarer Diktator, soll erneut nach China gereist sein. Es wäre das dritte Mal seit Mai vergangenen Jahres, dass der „Geliebte Führer“ seinen engsten Verbündeten besucht. Über die Visite, die bisher weder von nordkoreanischer noch von chinesischer Seite bestätigt worden ist, kursieren unterschiedliche Angaben. Vergangenen Freitag hatten südkoreanische Medien zunächst unter Berufung auf Regierungsquellen in Seoul berichtet, Kims jüngster Sohn und Wunschnachfolger Kim Jong-un sei zu seinem seit langem erwarteten Antrittsbesuch in China aufgebrochen. Einen Tag später hieß es dann jedoch, Kim Jong-il selbst reise in dem im Grenzort Tumen gesichteten Sonderzug. Bisher sei unklar, ob sein Sohn mit von der Partie sei, meldete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap am Sonntag.

Dennoch will man in Seoul Details über Kims Reiseroute in Erfahrung gebracht haben. Demnach habe der 69-Jährige zunächst im nordchinesischen Changchun ein Werk des Autoherstellers First Automotive Works (FAW) besichtigt, der in der Stadt auch Gemeinschaftsunternehmen mit Volkswagen und Audi betreibt. Am Sonntag reiste Kim dann offenbar mit dem Zug nach Südchina, wo er unter anderem in der Industriestadt Yangzhou Station machen soll, die er bereits vor zehn Jahren besucht hatte. Die Tour könnte ein weiterer Versuch der Pekinger Regierung sein, Kim von ihrem wirtschaftlichen Modernisierungskurs zu überzeugen. Gleichzeitig steht China unter hohem internationalem Druck, seinen Verbündeten zu neuen Verhandlungen über den Abbau seines Atomprogramms zu drängen.

In erster Linie interessiert Beobachter allerdings die Frage, ob Kim Jong-un seinen Vater diesmal begleitet. Kim Jong-un war im vergangenen Herbst zum Vier-Sterne-General und zum stellvertretenden Vorsitzenden der zentralen Militärkommission ernannt worden, was Nordkoreaexperten als Signal werten, dass er die Herrschaft des Kim-Klans über das verarmte und isolierte Land in dritter Generation weiterführen soll. Weil er dazu maßgeblich auf die Unterstützung von China, Nordkoreas engstem Verbündeten, angewiesen ist, wird seit Monaten mit einem Antrittsbesuch gerechnet worden. Seit Jahren sorgt die Volksrepublik mit Lieferungen von Lebensmitteln, Treibstoff und Technologie dafür, dass der kommunistische Bruderstaat nicht an seinen dramatischen Versorgungsnotstand zugrunde geht.

Kommende Woche soll der US-Menschenrechtsgesandte Robert King nach Pjöngjang reisen und unter anderem die Frage erörtern, unter welchen Bedingungen Nordkorea neue Lebensmittellieferungen bekommen könnte. Dem isolierten und abgewirtschaftetem Land drohen in den kommenden Monaten akute Versorgungsengpässe, prognostiziert ein Bericht des World Food Program. Angesichts des Streits um Nordkoreas Atomwaffenprogramm und der wiederholten Aggressionen gegenüber Südkorea ist die internationale Hilfsbereitschaft allerdings gering, zumal Lieferungen den Machterhalt des tyrannischen Regimes unterstützen.

Bernhard Bartsch | 22. Mai 2011 um 03:16 Uhr

 

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