Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kim flirtet mit Reformen

Nordkorea entwickelt neue Industriezonen mit China. Will der junge Diktator Kim Jong Un das verarmte Land endlich auf den Weg marktwirtschaftlicher Reformen führen?

Kürzlich erreichte Park Too Jin wieder einmal eine Nachricht von seinem Neffen in Nordkorea. Er werde sich sicher erinnern, wie er vor einiger Zeit begonnen habe, ein kleines Geschäft aufzuziehen, berichtete dieser seinem in Japan lebenden Onkel. Leider sei daraus nichts geworden, inzwischen sei er pleite. Allerdings habe er eine neue Idee und diesmal auch bessere Kontakte. Nur eines fehle ihm noch: Startkapital. Ob er seinen grosszügigen Onkel noch einmal um 100 000 Yen (1020 Euro) bitten dürfe?

Park verfolgt die Aktivitäten seines Neffen nicht nur mit persönlichem Interesse. «In Nordkorea ist derzeit eine Menge in Bewegung», sagt der Leiter des Korea International Research Institute, eines privaten Think-Tanks in Tokio. «Alle versuchen an ausländisches Geld zu gelangen und Geschäfte zu machen, vor allem natürlich auf dem Schwarzmarkt.» Weil das sozialistische Versorgungssystem weitgehend zusammengebrochen sei, bleibe vielen Menschen nichts anderes übrig, als sich mit Tauschhandel zu versorgen oder auf Märkte zu gehen, die im ganzen Land mit stiller Genehmigung der Behörden entstanden seien. Den Kampf gegen die Marktkräfte habe das dem Namen nach kommunistische Regime längst aufgegeben, und es versuche nun, diese für den eigenen Machterhalt zu nutzen. «Wenn mein Neffe mir Briefe schickt und ich ihm durch Mittelsleute Geld zukommen lasse, bekommen das natürlich die Beamten mit und wollen ihren Teil haben», erklärt Park.

«Auch in Nordkorea regiert inzwischen das Geld.» Die Frage sei nun, ob die Regierung dies auch offiziell einzugestehen bereit sei und die Fähigkeit habe, die Entwicklung in einen geregelten Reformprozess überzuleiten. Die Frage stellen sich Nordkorea-Experten schon lange, und obwohl die Hoffnungen bisher immer enttäuscht wurden, gibt es nun neue Signale, dass der verarmte Staat dem Reformdruck nachgeben könnte. Vergangene Woche reiste Jang Song Thaek, Onkel und politischer Mentor des jungen Diktators Kim Jong Un, nach Peking, um eine Reihe von wirtschaftlichen Kooperationsprojekten anzuschieben.

Zwei seit Jahren geplante, aber infolge des Konflikts um Nordkoreas Atomprogramm und militärische Provokationen verzögerte Industriezonen sollen nun endlich entwickelt werden. Die eine entsteht in der nordkoreanischen Hafenstadt Rason, von der aus nordchinesische Unternehmen Zugang zum Meer bekommen sollen. Die andere ist auf den Inseln Hwanggumphyong und Wihwado geplant, die am Grenzfluss Yalu liegen. Dort sollen wohl vor allem Fabriken entstehen, in denen chinesische Firmen Nordkoreas billige Arbeitskräfte nutzen können. China hat bereits begonnen, Strassen und Elektrizitätsleitungen zu den Industriezonen zu legen.

Darüber hinaus wurde auch ein Ausbau des chinesischen Tourismus nach Nordkorea vereinbart. Ausserdem beschleunigt China den Abbau von Rohstoffen in Nordkorea, wodurch der Handel der beiden Nachbarn im ersten Halbjahr 2012 rund einen Viertel über dem Vorjahreswert lag, wie chinesische Medien berichteten. Der Warenaustausch mit China wird auf rund 80% des nordkoreanischen Aussenhandels geschätzt und ist eine der wichtigsten Devisenquellen des Regimes.

Doch wirtschaftliche Kooperationsprojekte alleine machen noch keine Öffnungspolitik. Obwohl Nordkorea bereits seit Jahren auch eine Sonderwirtschaftszone mit Südkorea betreibt, wo 120 südkoreanische Unternehmen produzieren, hat dies kaum zu einer Annäherung zwischen den beiden zerstrittenen Staaten geführt. Chinas Premier Wen Jiabao nutzte Jangs Besuch deshalb, um Nordkorea einmal mehr aufzufordern, sich an den chinesischen Reformen Anfang der 1980er zu orientieren. Dafür müsse Pjongjang nicht nur Marktmechanismen nutzen, sondern auch den Marktzugang lockern und seine Gesetzes-, Regulierungs- und Zollvorgaben verbessern.

Nordkoreas Interesse an Reformen nach chinesischem Vorbild ist nicht neu. Der im Dezember verstorbene Diktator Kim Jong Il sei zuletzt mehrfach nach China gereist und habe diverse Wirtschaftsprojekte besichtigt, ohne sich jedoch zu einer Abkehr von seiner Isolationspolitik bewegen zu lassen, erklärt ein europäischer Diplomat in Pjongjang: «Es herrscht grosse Angst, die Kontrolle zu verlieren.» Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong Un habe den chinesischen Erfahrungen jüngst allerdings in ungewohnt deutlicher Weise Respekt gezollt. Anfang August lobte er gegenüber einer Pekinger Delegation den chinesischen Fünfjahresplan und die Vision, eine Gesellschaft mit einem mittleren Wohlstand aufzubauen. Allerdings müsse man in Nordkorea stets auch damit rechnen, dass Reformsignale benutzt würden, um in Verhandlungen mit dem Westen Zugeständnisse zu bekommen: «Kim Jong Un hat zwar seit seinem Amtsantritt für einige Überraschungen gesorgt, aber handfeste Belege, dass in Pjongjang ein neuer Wind wehen würde, haben wir bis jetzt nicht.»

Nordkorea-Experte Park in Tokio ist ebenfalls skeptisch. «Ich habe grosse Zweifel, dass sich Nordkorea reformieren lässt, ohne dass es einen Regimewechsel gibt», sagt er. Seinen Neffen werde er aber auch bei seinem nächsten Geschäftsvorhaben unterstützen. Denn der Macht des Marktes, glaubt er, werde sich letztlich auch Nordkorea beugen müssen.

Bernhard Bartsch | 22. August 2012 um 11:33 Uhr

 

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