Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kim der Fröhliche

Nordkoreas junger Diktator Kim Jong-un etabliert seinen eigenen Personenkult. Er wirkt moderner als sein Vater, doch politisch zeigt er noch immer kein Profil.

Kürzlich hatte Nordkoreas Diktator Kim Jong-un mal wieder seinen Spaß. Zusammen mit seiner Frau besuchte er Pjöngjangs Volkspark. Fotos der offiziellen Nachrichtenagentur KCNA zeigen das junge Paar lachend in einem Elektrowagen über die Anlage fahren, er mit zurückgegelten Haaren im dunklen Anzug, sie im schicken schwarzen Hosenensemble und Handtasche. Dass sie von zugeknöpften älteren Herren in grünen Armeeuniformen umgeben sind, scheint sie nicht zu stören, und auf einigen Aufnahmen scheinen sie die Militärs mit ihrer guten Laune sogar anzustecken.

Solche Wohlfühlbilder bekommen die Nordkoreaner neuerdings fast täglich zu sehen. Neun Monate, nachdem Kim Jong-un das Machterbe seines im vergangenen Dezember gestorbenen Vaters Kim Jong-il angetreten hat, kristallisiert sich ein neuer Personenkult heraus. Der neue Kim gibt sich modern, fröhlich und verliebt, offenbar in der Hoffnung, damit im Volk Optimismus und Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Während der Vater bevorzugt Betriebe, Farmen und Armeestellungen inspizierte, legt sein Sohn den Schwerpunkt auf Freizeiteinrichtungen. Gleich dreimal besuchte er bereits einen neuen Vergnügungspark und probierte strahlend die neuen Karussells und Achterbahnen aus. Vergangene Woche eröffnete er ein neues Fitnessstudio in Pjöngjangs zentraler Thongil-Straße, das angeblich nach seinen Plänen gebaut wurde.

Immer wieder wird er mit Kindern auf Spielplätzen ablichtet und statt sich Revolutionsopern anzusehen, lässt er Disney-Figuren für sich tanzen. Immer mit dabei ist seine stets elegant gekleidete Frau Ri Sol-ju, auch das ein Bruch mit den Gepflogenheiten seines Vaters. Der Alte hatte zwar zahlreiche Frauen, aber trat nie mit einer First Lady an seiner Seite auf. Der Junge trägt dagegen sogar die gleiche Uhr wie seine Frau, ein Modell einer Schweizer Luxusmarke Movado, wie südkoreanische Medien beobachteten.

Dass die Bilder sorgfältig inszenierte Propaganda sind, liegt auf der Hand. Doch Diplomaten und Experten rätseln, ob sie mehr signalisieren sollen als gute Stimmung. Könnte es sein, dass Kim Jong-un nicht nur moderner daherkommt als sein Vater, sondern es tatsächlich auch ist? So vertraut der vor einem Jahr noch weitgehend Unbekannte der Öffentlichkeit inzwischen geworden ist, so wenig hat er an politischem Profil gewonnen. Über die Mechanismen des Regimes ist nur wenig bekannt, und es ist nicht einmal klar, ob der etwa 30-Jährige selbst echte Entscheidungsmacht hat, oder nur eine Marionette anderer Einflussgruppen ist.

Bisher hat sich für die Nordkoreaner wenig geändert. Die Versorgungslage ist unverändert kritisch. Nach Trockenheit und Überschwemmungen droht eine magere Herbsternte, so dass Nordkorea im kommenden Frühjahr erneut auf umfangreiche Lebensmittelhilfen angewiesen sein könnte. Die wohl spürbarste Neuerung ist die Aufhebung eines Fahrradfahrverbots für Frauen in Städten, eine obskure Regelung, die Kim Jong-il Mitte der Neunziger eingeführt hatte, nachdem die Tochter eines hohen Generals bei einem Fahrradunfall ums Leben kommen war.

Immerhin lassen sich vorsichtige wirtschaftliche Experimente feststellen. Mitte August reiste Kims Onkel und politischer Mentor Jang Song-thaek nach Peking, um eine Reihe von wirtschaftlichen Kooperationsprojekten anzuschieben. Unter anderem sollen zwei seit Jahren geplante Industriezonen an der chinesisch-koreanischen Grenze nun endlich entwickelt werden.

Auch der Tourismus soll ausgebaut werden. Ob das allerdings Schritte in Richtung einer marktwirtschaftlichen Öffnungspolitik sind, oder nur Versuche, mehr Devisen einzutreiben, bleibt abzuwarten. Denn gleichzeitig hält Kim auch an den militärischen Drohgebärden fest, mit denen sein Vater Südkorea und die USA provozierte und sein Land in die Isolation trieb.

Ob Kim auch anders kann, werde sich wohl erst nach der südkoreanischen Präsidentschaftswahl im Dezember zeigen, glauben ausländische Diplomaten in Pjöngjang. Nordkorea hoffe inständig auf einen Regierungswechsel in Seoul und eine Rückkehr zur Sonnenscheinpolitik, mit der die Vorgänger des scheidenden Präsidenten Lee Myung-bak dem Norden jahrelang Zugeständnisse machten.

Grundsätzlich wäre dem jungen Kim zuzutrauen, dass er weniger Angst vor dem Ausland hat als sein Vater und Großvater, Staatsgründer Kim Il-sung. Immerhin soll er einen Teil seiner Jugend in der Schweiz verbracht und dort unter falschem Namen eine internationale Schule besucht haben. Sogar Englisch und Deutsch soll er sprechen. Ob die Gerüchte stimmen ist allerdings ungewiss. Verlässliche Informationen gibt es über Kim Jong-un so gut wie keine. Nur eines ist sicher: Er lacht gerne, zumindest auf Fotos.

Bernhard Bartsch | 16. September 2012 um 03:37 Uhr

 

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