Bernhard Bartsch

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Kim der Ewige

Nordkorea zelebriert seine toten Diktatoren.Zur Feier soll eine Langstreckenrakete starten – auch um den Preis einer weiteren Isolation.

Alle Macht will Ewigkeit: Nordkoreas im Dezember verstorbener Diktator Kim Jong Il ist zum „ewigen Generalsekretär“ der Arbeiterpartei ernannt worden – und damit zum Auftakt der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung ähnlich geehrt worden wie sein Vater, der auch 18 Jahre nach seinem Tod noch als „ewiger Präsident“ amtiert. Die Entscheidung sei bei einem Sonderparteitag gefallen, meldete die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Gleichzeitig wurde ein weiterer dereinst womöglich ewiger Kim in Stellung gebracht: Kim Jong Un, Sohn und Nachfolger Kim Jong Ils, ist als 1. Sekretär künftig Parteichef. Ob der schätzungsweise 30-Jährige damit tatsächlich der mächtigste Mann im Staat ist oder nur als Marionette erfahrenerer Strippenzieher dient, ist zwar unklar, doch Pjöngjangs Propagandaapparat zieht derzeit alle Register, um ihn in die Nähe seines Großvaters zu rücken, mit dessen 100. Geburtstag am 15. April in Nordkorea ein „blühendes Zeitalter“ beginnen soll.

Um das seit Jahren heraufbeschworene Ereignis angemessen zu zelebrieren, scheint das Regime fest entschlossen, in den kommenden Tagen eine Langstreckenrakete zu zünden, ungeachtet internationaler Proteste, die darin eine unverhohlene militärische Provokation sehen. Nach nordkoreanischen Angaben handelt es sich dabei um den Start eines zivilen Wettersatelliten. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die Regierungen in Seoul und Washington, werfen Pjöngjang allerdings vor, seine Raketentechnik weiterentwickeln zu wollen, mit dem Ziel, eine Trägerrakete für Nuklearwaffen zu entwickeln. Sollte der Start glücken, hätte Nordkorea womöglich erstmals eine Rakete, welche die USA erreichen könnte. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte, der Test würde gegen UN-Sanktionen verstoßen. Südkorea und Japan haben angekündigt, die Rakete abzuschießen, sollte sie ihrem Luftraum nahe kommen. China forderte alle Seiten zu „Zurückhaltung“ auf. Die Volksrepublik gilt als Nordkoreas einziger Verbündeter und gewährt dem kleinen Nachbarn immer wieder wirtschaftliche und politische Unterstützung.

Doch womöglich ist der seit Wochen angekündigte Raketenstart nicht die eigentliche Geburtstagsüberraschung. In Seoul und Washington spricht man von Anzeichen dass Pjöngjang zu Kim Il Sungs Geburtstag einen dritten Nuklearwaffentest planen könnte. Das Land hatte 2006 und 2009 unterirdisch Atombomben gezündet. Nach Expertenansicht ist es aber noch nicht in der Lage, einen einsatzfähigen Sprengkopf zu bauen.

Mit seinem provokativen Auftreten scheint Nordkoreas Regime Kim Jong Ils Kurs fortzusetzen. Der „Geliebte Führer“ hatte sich immer wieder allein gegen den Rest der Welt gestellt und bewusst das Image kultiviert, unberechenbar zu sein und sein Regime notfalls mit dem Einsatz von Atomwaffen verteidigen zu wollen. Zwar hatte Kim Jong Un Anfang März signalisiert, sein Atomwaffenprogramm einfrieren zu wollen, im Gegenzug für umfangreiche Lebensmittellieferungen. Doch als Reaktion auf den geplanten Raketentest zog US-Präsident Barack Obama seine Zusagen zurück. Dabei wäre das verarmte und isolierte Land dringend auf Hilfslieferungen angewiesen.

Südkoreanische Analysten glauben, hinter den Provokationen könnte der Versuch stecken, Einfluss auf die südkoreanische Innenpolitik zu nehmen. Denn womöglich hofft Pjöngjang darauf, dass die Südkoreaner die Probleme mit dem Norden zum Teil ihrem Präsidenten Lee Myung-bak in die Schuhe schieben – und bei der Präsidentschaftswahl Ende des Jahres für einen Kandidaten stimmen, der wieder einen versöhnlichen Kurs gegenüber dem Norden verspricht. Lee hatte die zehn Jahre währende Sonnenschein-Politik seiner beiden Vorgänger beendet und wirtschaftliche Unterstützung für Nordkorea an weitreichende Zugeständnisse gekoppelt zu denen Pjöngjang nicht bereit war. Einen Stimmungstest für die Präsidentenkür gab die Parlamentswahl am Mittwoch, bei der Lees bisher dominierende konservative New Frontier Party mit herben Sitzverlusten rechnen muss. Ob sie allerdings auch ihre Mehrheit verliert, wird erst in der Nacht zum Donnerstag bekannt werden.

Bernhard Bartsch | 11. April 2012 um 06:21 Uhr

 

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