Bernhard Bartsch

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Kein neuer Sonnenschein

Nach Südkoreas Parlamentswahl gilt die Tochter des ehemaligen Diktators Park Chung-hee als mögliche nächste Präsidentin. Für Nordkorea ist das keine gute Aussicht.

Südkoreas Wähler haben Nordkorea kein Geschenk zum 100. Geburtstag seines Staatsgründers Kim Il Sung gemacht. Bei den Parlamentswahlen am Mittwoch hat die konservative Saenuri-Partei des in Pjöngjang verhassten Präsidenten Lee Myun Bak einen überraschenden Sieg errungen. Das Regime im Norden hatte dagegen auf einen Machtwechsel und eine Wiederaufnahme der versöhnlichen Sonnenscheinpolitik gehofft, die Nordkorea unter Lees Vorgängern zehn Jahre lang Zugang zu umfangreicher Wirtschaftshilfe sicherte. Nordkoreas jüngste militärische Provokationen, insbesondere der für die nächsten Tage geplante Start einer Langstreckenrakete, waren wohl ein Versuch, die Wähler in die Arme der Opposition zu treiben – eine Strategie, die offenbar das Gegenteil bewirkt hat.

Nach dem am Donnerstag vorgelegten Wahlergebnis ist die Mehrheit der Konservativen in Südkoreas 300-köpfigem Parlament zwar von 165 Sitzen auf 152 geschrumpft. Noch vor wenigen Wochen hatten Demoskopen der Regierungspartei eine krachende Niederlage prophezeit. Ihre Prognosen stützten sich maßgeblich auf die Unbeliebtheit von Präsident Lee, dessen Zustimmungswerte von fast 80 Prozent bei seinem Amtsantritt 2012 auf weniger als ein Drittel abgestürzt waren.

Die Parlamentswahl gilt als Stimmungstest für die Präsidentschaftswahl im Dezember. Weil Lee nach fünfjähriger Amtszeit nicht wieder antreten darf, gilt dessen Parteifreundin Park Geun Hye nun als Favoritin für die Abstimmung. Offensichtlich ist es ihr gelungen, sich von dem Negativimage des Präsidenten abzusetzen. Dabei ist die 60-Jährige selbst eine umstrittene Figur. Ihr Vater ist Südkoreas ehemaliger Militärherrscher Park Chung Hee, der das Land von 1963 bis zu seiner Ermordung 1979 regierte. Er gilt als Architekt des südkoreanischen Wirtschaftsaufschwungs, aber auch als grausamer Diktator, der brutal gegen Demokratieaktivisten vorging. Nachdem seine Frau 1974 bei einem Attentatsversuch auf Park ums Leben kam, übernahm seine Tochter die Rolle der First Lady. Ende der 1990er-Jahre ging sie in die Politik und galt bei den Konservativen lange als Lees Widersacherin. Bei der letzten Präsidentschaftswahl musste sie dem Ex-Manager den Vortritt lassen. 2012 scheint nun ihre Stunde geschlagen zu haben.

Wie sich Park im innerkoreanischen Konflikt positionieren wird, lässt sie noch offen. Eine Rückkehr zur Sonnenscheinpolitik gilt als unwahrscheinlich. Seoul koppelt seine Hilfsbereitschaft an Zugeständnisse, zu denen Pjöngjang nicht bereit ist. Stattdessen versucht Nordkoreas junger Diktator Kim Jong Un, Enkel des Staatsgründers und Sohn des im Dezember verstorbenen „Geliebten Führers“ Kim Jong Il, sein militärisches Drohpotenzial auszuspielen. Das Regime will zwischen Donnerstag und Sonntag eine Langstreckenrakete starten. Angeblich soll damit ein Wettersatellit ins All geschossen werden. Die internationale Gemeinschaft sieht darin jedoch einen verkappten Test für eine Trägerrakete, die atomare Sprengköpfe theoretisch bis in die USA transportieren könnte.

Bernhard Bartsch | 12. April 2012 um 06:17 Uhr

 

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