Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kein Mauerfall in China

Das Jubiläum des Mauerfalls wird China weitgehend verschwiegen – von einer friedlicher Revolution will die Parteiführung bis heute nichts wissen.

Mauerfall oder kein Mauerfall? Was für eine Frage! Die Deutschlektorin an einer chinesischen Universität, in der DDR geboren und derzeit als Dozentin tätig, ringt seit Wochen mit dieser Frage. „Es würde mich natürlich sehr reizen, den Mauerfall zum Anlass zu nehmen, um mit meinen Studenten eine richtig heiße Diskussion über das Ende des Kommunismus zu führen“, sagt sie. „Aber ich werde es mir verkneifen müssen.“ Die Regeln der Universität sind eindeutig: Politische Debatten sind im Unterricht tabu. Und es sind nicht die Zeiten, in denen man leichtfertig aus Idealismus seinen Job riskiert.

„Es gibt keine konkreten Anweisungen, das Thema totzuschweigen, aber jeder weiß, wo die Grenzen sind“, sagt die Lektorin. „Ein wenig Geschichtsunterricht ist bestimmt kein Problem, aber alles, was darüber hinausgeht, ist in China sehr heikel.“ Schließlich hat die Kommunistische Partei das Jahr 1989 in schlechtester Erinnerung: Als in Osteuropa die sozialistischen Regime eines nach dem anderen zusammenbrachen, fürchteten auch Pekings Herrscher um ihre Macht. Leicht hätten sie selbst Opfer einer friedlichen Revolution werden können. Doch die Studentenbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens – gewissermaßen das Pekinger Pendant zu den Leipziger Montagsdemonstrationen – wurde blutig niedergeschlagen. Sie dürfen bis heute nicht öffentlich erwähnt werden.

Es ist als kein Wunder, dass Peking den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls in die Reihe der „sensiblen Jahrestage“ aufgenommen hat, die es zu überstehen gilt, ohne dass sich daran Proteste oder Unmutsbekundungen entzünden. Die Staatspresse beschränkt ihre Berichterstattung auf ein Minimum und orientiert sich strikt an den Vorgaben der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Wochenzeitung Nanfang Zhoumo nutzt den Mauerfall etwa, um auf die von der Volksrepublik angestrebte Wiedervereinigung mit Taiwan anzuspielen. „Zwei zusammengehörende Länder mit ganz verschiedenen Systemen und großen Unterschieden lassen sich nur schwer vereinigen“, schreibt das Blatt. „Vielleicht wird Deutschlands Erfahrung für China eines Tages hilfreich sein.“ Im Internet nimmt die Zensurpolizei alle Erwähnungen des Begriffs „Bolin Qiang“ – Berliner Mauer – unter die Lupe. Die vom Land Berlin geschaltete Seite Berlintwitterwall.com wurde Ende Oktober gesperrt. Das Forum hatte dazu eingeladen, sich auf einer virtuellen Mauer zu verewigen, was mehr als1 500 chinesische Benutzer getan hatten. „Herr Hu, reißen sie diese Mauer ein“, hieß es dort in Anspielung auf Chinas sogenannte „Great Firewall“, wie der Zensurapparat allgemein genannt wird. Ein anderer Blogger schrieb: „Die Mauer ist nicht gefallen, sondern nur von Deutschland nach China verlegt worden. Aus der physischen Mauer ist die Great Firewall geworden, die statt der körperlichen Freiheit die Gedankenfreiheit behindert.“ Pekings Paranoia beschränkt auch den Handlungsspielraum der Deutschen. Während Botschaften, Goethe-Institute und Stiftungen rund um die Welt den Jahrestag mit Ausstellungen, Filmabenden und Zeitzeugenvorträgen feiern, gibt es in China nur ein abgespecktes Angebot. Zwar lässt es sich die Botschaft nicht nehmen, auf ihrem Gelände zahlreiche Veranstaltungen abzuhalten und dazu chinesische Gäste einzuladen. Doch deren Reaktionen sind verhalten. So kamen im August zahlreiche chinesische Journalisten zu einer Präsentation des weltweit durchgeführten Kunstprojekts „Mauerreise“. Doch kaum einer der Pressevertreter traute sich hinterher, über die Veranstaltung zu berichten.

Außerhalb des „deutschen Sektors“ gibt es so gut wie kein Programm. Chinesische Universitäten, denen die Deutschen eine Mauer-Ausstellung anboten, winkten ab. Auch im zentralchinesischen Wuhan, wo derzeit das von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft mit großem finanziellen Aufwand durchgeführte Öffentlichkeitsprojekt „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ stattfindet, ist der Mauerfall kein Thema. Das deutsche Erinnerungsangebot ist nicht erwünscht. Der 9. November soll in China ebenso wenig Teil des kollektiven Bewusstseins werden wie der 4. Juni im eigenen Land, als auf dem Tiananmen-Platz die Reformbestrebungen vereitelt wurden. Doch da die historischen Parallelen zwischen den beiden Ereignissen unübersehbar sind, ist der Mauerfall bei chinesischen Regimekritikern und Dissidenten umso präsenter.

„1989 war das Jahr, in dem der Kommunismus hätte begraben werden sollen“, sagt Ding Zilin. „Leider ist er in China dem Tod von der Schippe gesprungen.“ Die 73-jährige ehemalige Professorin verlor beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ihren Sohn und gründete daraufhin die Organisation „Tiananmen Mütter“, die von der Partei eine öffentliche Debatte und Entschuldigung verlangt. In ihrer Wohnung liegt vor einem Ölgemälde ihres Sohnes auch ein Stück Berliner Mauer, das ihr ein Bekannter aus einem Souvenirladen am Brandenburger Tor mitgebracht hat. „Wir Chinesen sind um unseren Mauerfall betrogen worden“, meint sie. „Aber jede Mauer wird einmal überwunden – auch die chinesische“.

Bernhard Bartsch | 06. November 2009 um 05:13 Uhr

 

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