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Kein Frieden mit Konfuzius

Chinas Regierung streicht den umstrittenen Friedenspreis. Zu den Nominierten gehörte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel bleibt dieser Tage wenig erspart, doch zumindest die Gefahr einer diplomatischen Peinlichkeit in China ist aus der Welt. Die deutsche Bundeskanzlerin muss nicht mehr befürchten, den umstrittenen Konfuzius-Friedenspreis verliehen zu bekommen, für den sie kürzlich nominiert worden war, zusammen mit Kandidaten wie Russlands Premier Wladimir Putin oder dem Panchen Lama, dem von Peking gesteuerten zweithöchsten tibetischen Mönch. Die Auszeichnung, die nationalistische Chinesen vergangenes Jahr als Protest gegen die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratieaktivisten Liu Xiaobo ins Leben gerufen hatten, wurde auf Anweisung der Parteispitze abgeschafft. Eigentlich sollte der Gewinner kommenden Donnerstag, einen Tag vor Bekanntgabe des diesjährigen Friedensnobelpreises, gekürt werden, doch die Pekinger Regierung möchte offenbar vermeiden, erneut in eine Kontroverse über den Umgang mit Regimekritikern hineingezogen zu werden.

Die Veröffentlichung der Kandidaten-Shortlist, in die Merkel wegen ihrer „Verdienste um den Frieden in Europa“ aufgenommen wurde, hatte China international Spott eingebracht. Die Verantwortung muss nun der Sponsor des mit 100.000 Yuan (11.300 Euro) dotierten Preises übernehmen, eine obskure Einrichtung unter dem Dach des Kulturministeriums, die sich „Chinesischer Verband zum Schutz traditioneller Dorfkultur“ nennt. In einer Pressemitteilung erklärte der Verband, das Preiskomitee habe „ohne Zustimmung übergeordneter Stellen“ gehandelt und sei aufgelöst worden.

Schon bei der erstmaligen Verleihung im vergangenen Dezember herrschte Unklarheit, inwiefern der Konfuzius-Friedenspreis die Unterstützung der Parteiführung hatte. Zwar durfte die Zeremonie im Pekinger „Haus der Nachrichten“ stattfinden, dem offiziellen Sitz der staatlichen Hauptstadtpresse, doch gleichzeitig wurde chinesischen Medien untersagt, darüber zu berichten. Im Internet monierten Parteikritiker, dass sich die Volksrepublik mit der Auszeichnung im Namen von Chinas Nationalphilosophen auf das Niveau der Nazis herabgelassen habe: Als der Friedensnobelpreis 1936 dem inhaftierten deutschen Pazifisten Carl von Ossietzky zugesprochen wurde, stiftete Adolf Hitler per Führererlass den „Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft“. Der erste und nunmehr einzige Empfänger des Konfuzius-Preises, der taiwanesische Politiker Lien Chan, nahm die Ehrung nicht entgegen.

Obwohl der Friedensnobelpreis dieses Jahr sicher nicht noch einmal an einen Chinesen gehen wird, wollen Aktivisten die Bekanntgabe am Freitag kommender Woche nutzen, um für die Freilassung Liu Xiaobos zu demonstrieren. Der 56-Jährige Mitinitiator des Demokratiemanifests „Charta 08“ sitzt derzeit eine elfjährige Haftstrafe wegen angeblicher „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ ab. Seine Ehefrau Liu Xia ist seit vergangenem Oktober verschwunden.

Bernhard Bartsch | 29. September 2011 um 04:19 Uhr

 

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