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Karadzics Richter

Der Südkoreaner O-gon Kwon leitet den Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer.

Der Gerechtigkeit eine Bühne geben, nicht Radovan Karadzic – das ist die Vorgabe, an der O-Gon Kwon im wichtigsten Prozess seines Lebens gemessen werden wird. Der südkoreanische Richter leitet beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag das Verfahren gegen den früheren Führer der bosnischen Serben. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher will die Verhandlung sabotieren und blieb dem Prozessauftakt kurzerhand fern. Doch Kwon ließ sich nicht auf Karadzics Finten ein. Gestern ließ er dem Angeklagten ausrichten, er werde das Recht auf die Führung seiner eigenen Verteidigung verlieren und einen juristischen Pflichtbeistand erhalten, wenn er nicht zur Sitzung erscheine. Karadzic kündigte dem Gericht daraufhin an, heute vor Gericht zu erscheinen.

Der erste Punktsieg geht an Kwon. Doch dem Tribunal stehen noch zahlreiche weitere Schlagabtausche bevor, und von Kwons Verhandlungsführung wird abhängen, ob das Uno-Tribunal seinem Anspruch gerecht werden kann, „Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen und Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. Eine heikle Aufgabe, auf die selbst ein erfahrender Spitzenjurist wie Kwon nur bedingt vorbereitet ist.

1953 in der Stadt Cheongju geboren, studierte Kwon Recht an der Seoul National University, Südkoreas führender Eliteschmiede, und später in Harvard. Seine berufliche Laufbahn begann Kwon 1979 beim Bezirksgericht in Seoul. Ein Jahr später wechselte er in den juristischen Beraterstab des Präsidenten. Von da an hielt er abwechselnd Posten an Gerichten und in der Verwaltung. Unter anderem war er Planungsdirektor des Justizministeriums und Mitglied von Südkoreas Oberstem Gerichtshof. Im Jahr 2001 wurde er nach Den Haag geschickt.

Seitdem ist Kwon mit der juristischen Aufarbeitung des Balkankrieges beschäftigt. So gehörte er zu den Richtern, die den Prozess gegen Karadzics alten Gegenspieler Slobodan Milosevic führten. Das Verfahren wurde für das Tribunal zum Stresstest. Ein ums andere Mal gelang es Milosevic, den Prozess als Bühne für eine letzte Abrechnung mit seinen Gegnern zu nutzen. Im Jahr 2006 starb er in seiner Zelle, noch ehe das Urteil gesprochen werden konnte. Kwon, der während des Prozesses Morddrohungen erhielt, wurde zwei Monate lang unter Polizeischutz gestellt. Doch statt sich zum Rückzug zwingen zu lassen, übernahm Kwon im vergangenen Jahr das Amt des Vizepräsidenten des Tribunals. Im Prozess gegen Karadzic will er im Gespann mit dem britischen Richter Howard Morrison und Melville Baird aus Trinidad und Tobago aus den Fehlern der Milosevic-Verhandlungen lernen und sich nicht noch einmal vorführen lassen. Um das Verfahren schnell vorantreiben zu können, haben sie die Anklagebehörde aufgefordert, nicht allzu viele Zeugen vorzuladen. Dennoch werden die Ankläger wohl mehr als 500 Zeugen vernehmen. Kwon geht davon aus, dass der Prozess frühestens im Jahr 2012 enden wird.

Bernhard Bartsch | 03. November 2009 um 04:19 Uhr

 

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