Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kalte Kameraden

China rätselt über ein Internetdokument, das den Führungsanspruch der Kommunisten anzweifelt. Wer kann sowas wagen?

Hüte dich vor Greisen, besagt eine alte Despotenweisheit, denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Auch Chinas Kommunistische Partei beherzigt diesen Vorsatz und hält ihre Veteranen mit viel Lob und strengem Tadel im Glied. Aber hin und wieder juckt es dennoch einen der Genossen, auf die alten Tage zu sagen, was er ein Leben lang eigentlich nicht einmal denken durfte: dass es nicht das gleiche ist, an der Macht zu sein und im Recht.Nun scheint wieder ein Ex-Funktionär gegen die Parteidisziplin verstoßen und mit „ungesunden Ideen“, wie ideologische Ketzerei in China offiziell genannt wird, die Öffentlichkeit gesucht zu haben. „Unterhaltungen mit einem alten Kameraden vor dem 60. Jubiläum der Volksrepublik“, heißt das anonyme Dokument, das seit einigen Tagen im Internet kursiert und die Zentrale kurz vor dem mit aller Kunst inszenierten Jahrestag am 1. Oktober an die Grenzen ihrer Legitimität erinnert.

„Es hat mehr Wahrheitsgehalt, zu sagen, die Nation gehöre der KP, als zu sagen, die KP sei die Partei der Nation“, moniert der alte Kamerad. Eine Trennung zwischen Partei, Regierung und Armee gebe es nicht. Die KP habe es in 60 Jahren nicht einmal für nötig gehalten, sich zumindest pro forma im Ministerium für zivile Angelegenheiten zu registrieren, das alle Parteien laut Verfassung genehmigen muss. „Unser Land hat bis heute kein politisches System im modernen Sinne“, folgert der Kader und wirft dem Regime vor, seine Macht mit den gleichen Unterdrückungsmethoden zu sichern wie seine Vorgänger, insbesondere die Kuomintang-Regierung, deren Schandtaten Pekings Propagandaapparat stets als Kontrastmittel benutzt, um die Errungenschaften des Kommunismus ins rechte Licht zu rücken. Läge der Führung wirklich Chinas Fortschritt und Wohlstand am Herzen, schließt der Alte, würde sie sich zu ihrem Herrschaftsjubiläum nicht mit Slogans wie „60 Jahre Glanz“ selbst zu gratulieren, sondern demokratische Reformen nach westlichem Vorbild einleiten – eine Forderung, die in China mit Haft geahndet wird.

Über die Identität des Urhebers wird nun heftig spekuliert. Denn die Liste derer, die ihre privilegierte Stellung in der Pekinger Veteranenhierarchie für liberale Zwischenrufe nutzen, ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Einige tippen auf den 84-jährigen Qiao Shi, einst die Nummer drei der Partei, der seinerzeit vergeblich den Aufbau eines echten Rechtsstaats einforderte. Auch Wan Li, 92, einem Architekten der Marktwirtschaftsreformen, wird derartiger Mut zur Dissonanz zugetraut, nachdem er schon 1989 mit den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens sympathisierte. Andere glauben, die Handschrift des 85-jährigen Du Daozheng erkannt zu haben, Chinas ehemaligem Chefzensor, der im Ruhestand das Reformmagazin Yanhuang Chunqiu gründete, das für eine historische Aufarbeitung der jüngeren Geschichte eintritt. Du hatte auch den wegen seines Widerstands gegen das Tiananmen-Massaker geschassten Parteichef Zhao Ziyang überredet, seine Memoiren auf Band zu sprechen, die im vergangenen Mai außerhalb der Volksrepublik posthum unter dem Namen „Gefangener des Staates“ erschienen.

Einige Intellektuelle halten es auch für möglich, dass die Unterhaltungen eine geschickte Fälschung junger Demokratieaktivisten ist, die in die Rolle des Altkaders schlüpfen, um ihre Ideen zu propagieren. Dies könnte gelungen sein: Das Rätselraten beschäftigt nicht nur die Webgemeinde, sondern auch die Parteispitze, die damit keine andere Wahl hat, als Argumente des „alten Kameraden“ selbst zu lesen. „Wie immer es auch ist“, kommentierte der in Hongkong lebende chinesische kritische Journalist Qian Gang, „glaube ich, dass dieser Artikel, der China und die KP drängt, das 60. Jubiläum der Volksrepublik als Anlass für tiefe Reflektionen statt für leere Selbstbeweihräucherung zu nutzen, die Ansichten derjenigen Parteimitglieder widerspiegelt, die ein Gewissen haben.“

Bernhard Bartsch | 10. August 2009 um 22:55 Uhr

 

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