Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kader im Stressurlaub

China rätselt über den Verbleib von Korruptionsermittler Wang Lijun: Hat er politisches Asyl in den USA beantragt, oder ist das Opfer einer Rufmordkampagne?

Es klingt wie die Handlung eines Politthrillers: In einem amerikanischen Konsulat in China beantragt ein Spitzenkader der Kommunistischen Partei politisches Asyl. Seine Fahnenflucht bringt die beiden Großmächte auf Kollisionskurs. Peking verlangt die Herausgabe des Überläufers, doch Washington kann sich darauf nicht einlassen, weil der Geheimdienst auf sein Insiderwissen brennt und ihm im Falle einer Auslieferung die Todesstrafe droht. Das Konsulatsgebäude wird zum weltpolitischen Panikraum, in das die Chinesen nicht eindringen können, ohne eine Krieg zu provozieren, aus dem die Amerikaner ihren Schützling aber auch nicht in Sicherheit bringen können. Am Ende stehen ein fauler Deal oder die atomare Apokalypse.

Der Plot und seine Varianten beflügeln derzeit die Fantasie der chinesischen Internetgemeinde. Denn seit Mittwoch kursiert in Blogforen das Gerücht, dass tatsächlich ein ranghohes Parteimitglied Asyl im US-Konsulat in der südwestchinesischen Stadt Chengdu gesucht haben könnte: Wang Lijun, Vizebürgermeister der Jangtse-Metropole Chongqing und landesweit bekannter Korruptionsermittler. Zwar ist die Beweislage dünn, doch selbst wenn Wang nicht geflohen sein sollte, scheint er im Zentrum eines Machtkampfes zu stehen, der zeigt, mit welchen Methoden die unterschiedlichen Parteifraktionen kurz vor dem im Herbst anstehenden Generationenwechsel auf einander los gehen.

Das Gerücht nährt sich aus zwei Indizien: Zum wurde das US-Konsulat am Dienstag überraschend von der Polizei umstellt und stand auch am Mittwoch unter ungewöhnlich hoher Bewachung. Angebliche Augenzeugen wollen vor dem Gebäude eine Limousine mit Chongqings Behördenkennzeichen gesehen haben. US-Diplomaten in Peking bestätigten den Polizeieinsatz und erklärten, dieser sei nicht von ihnen veranlasst worden. Zu einem möglichen Überläufer äußerten sie sich nicht. Zum anderen ist Wang plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden, wofür Chongqings Regierung am Mittwoch eine ungewöhnliche Erklärung hatte: Der 52-Jährige habe unter enormem Stress gelitten und unterziehe sich nun einer „urlaubsähnlichen Behandlung“.

Egal ob ein Fluchtversuch, mangelnde Belastungsfähigkeit oder etwas ganz anderes hinter Wangs Verschwinden steckt: Seine Karriere dürfte beendet sein. Im politischen Peking sieht man hinter dem Fall jedoch noch eine viel wichtigere Personalie: Wang galt als engster Vertrauter von Chongqings charismatischem Parteichef Bo Xilai, der als eine Schlüsselfigur der nächsten Führungsmannschaft gilt und zu dem Lager des designierten Präsidenten Xi Jinping zugerechnet wird. Gemeinsam mit Wang, ehemals Chongqings Polizeichef, hatte Bo eine beispiellose Antikorruptionskampagne durchgeführt, über die dutzende hohe Parteifunktionäre stürzten. In Peking war man darüber nicht erfreut. Denn Bos Durchsetzungsfähigkeit düpierte Staats- und Parteichef Hu Jintao, der sich ebenfalls die Korruptionsbekämpfung auf die Fahnen geschrieben hat, zum Ende seiner zehnjährigen Amtszeit aber keine sichtbaren Erfolge vorweisen kann.

Bernhard Bartsch | 08. Februar 2012 um 17:17 Uhr

 

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