Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Jeder ist seines Glückes Bäcker

Die chinesischen Glückskekse wurden in Kalifornien erfunden. Das muss ein kulturelles Versehen sein: Kaum ein Volk zelebriert abergläubische Späße mehr als die Chinesen.

Jetzt kann ich es ja sagen: Glückskekse waren mir schon immer zuwider. Wenn ich als Kind meine Großmutter besuchte und das traditionelle Sonntagsessen im Chinalokal „Mandarin“ anstand, freute ich mich zwar auf Knusperente und natürlich „Flühlingslolle“, aber das sinnige Plätzchen zum Abschied bot stets eine verlässliche Enttäuschung. Schon das Backwerk schmeckte wie Pappe, und die Zettelchen machten Versprechungen, die ich entweder nicht brauchte, noch nicht kannte oder mir nie zu erhoffen wagte. Einmal – ich muss acht oder neun gewesen sein – stellte mir das Orakelgebäck Erfüllung in der Liebe in Aussicht. Ich wurde schrecklich rot, mein Bruder plärrte den Namen meines Pausenhofschwarms durchs Restaurant und als ich die mir Versprochene nach den Sommerferien über die Unausweichlichkeit unser gemeinsamen Zukunft in Kenntnis setzte, lachte sie mich aus wie eh und je. Wie froh war ich deshalb, als ich später bei meiner ersten Chinareise entdeckte, dass dort noch nie jemand von Glückskeksen gehört hatte.

Denn das Nachtischritual, mit dem die Inhaber der „Mandarins“, „Shanghais“ und „Goldenen Drachen“ dieser Welt ihre Kunden an sich zu binden versuchen, stammt überhaupt nicht aus China, sondern aus Kalifornien. Es ist auch nicht Jahrtausende alt, sondern gerade mal hundert. Und es statt chinesischer Weisheiten wurden die Plätzchen zunächst mit biblischen Psalmen oder japanischen Zensprüchen gefüllt. Allerdings haben die Amerikaner wahrscheinlich nur nachgeholt, was die alten Chinesen irgendwo zwischen der Erfindung von Papier, Schießpulver und dritten Zähnen vergessen haben. Denn nicht ohne Grund haben sich die Glückskekse ausgerechnet die chinesische Kultur als Adoptivtradition ausgesucht. Wohl kein anderes Volk hat ein größeres Repertoire an Symbolen, Bräuchen und Zaubereien entwickelt, um den Gesetzen des Schicksals auf die Schliche zu kommen und den Lauf der Welt in die gewünschten Bahnen zu lenken. Die Idee, in Schleckereien frohe Botschaften zu verstecken und hinterher an diese zu glauben, passt da so gut ins Konzept, dass es geradezu unerklärlich ist, warum die alten Chinesen nicht selbst darauf gekommen sind.

Denn sie haben sich die Welt praktisch eingerichtet. Während wir christlich geprägten Abendländer tief in unserem Innern davon überzeugt sind, dass wir entweder ein Leben lang um die Liebe unseres Herrgotts kämpfen müssen oder als Atheisten ganz auf uns allein gestellt sind, sehen die Chinesen das Schicksal als einen großen Apparat, den man nur richtig einzustellen braucht, damit er verlässlich Glück produziert. Wobei Glück in China häufig ein Synonym für Wohlstand ist, was eine in einem traditionell armen Bauernvolk weniger ein Zeichen materialistischer Eindimensionalität als gesunden Menschenverstands ist. Das Zubehör, mit dem man die kosmische Glücksmaschine bedient, ist nicht kompliziert, sondern verbindet oft das Nützliche mit dem Angenehmen. So essen die Chinesen zum Beispiel mit Vorliebe glückbringende Speisen. Weil das chinesische Wort für Fisch („Yu“) so ähnlich klingt wie der Ausdruck für Überfluss, isst man sich mit jedem Fischgericht gleichzeitig Wohlstand an. Wird danach Gebäck gereicht, verbessert sich der Lebensstandard gleich doppelt, denn Kuchen („Gao“) ist ein Teekesselchen für „hoch“, und oben zu sein, ist schließlich immer gut. Zu Neujahr werden in China ganze Glücksmenüs zusammengestellt: Schildkrötensuppe für Unverwundbarkeit, Gänsefleisch für eine harmonische Ehe, Granatäpfel für reichen Kindersegen und Kamillenschnaps für ein langes Leben. Damit erzielen die Chinesen den gleichen Effekt wie ein Katholik bei der Messe, nur haben sie dabei deutlich mehr Spaß.

Auch chinesische Wohnungseinrichtungen sind häufig schicksalsmechanisch durchdacht. Haustüren haben hohe Schwellen, denn chinesische Dämonen können zwar Tod und Feuer bringen oder kleine Kinder klauen, aber nicht über Hindernisse steigen. Wer die Schwelle zu lästig findet, kann auch einfach einen Spiegel neben die Tür hängen, denn wenn chinesische Geister sich darin sehen, bekommen sie selbst einen Schreck und suchen das Weite. Außerdem kleben an Türen oft umgekehrte Glücks-Schriftzeichen, ein weiteres der unzähligen Wortspiele, aus denen die Chinesen quasi ihren gesamten Humor bestreiten: „Glück fällt um“ klingt wie „Glück kommt.“ Mit ähnlichem Sachverstand sind die Motive von Bilder ausgewählt: Lilien vertreiben alle Sorgen, Felsen stehen für Stabilität und Bambus verspricht Unversehrtheit. Kinder tragen kleine Jadeschlösser um den Hals, denn diese sperren Unheil aus, und wenn sie Drachen steigen lassen, schneiden die Erwachsenen ihnen manchmal die Schnur durch, damit der Wind die Papierflieger davon trägt wie alles Pech. Warum sollte man Glücksbotschaften da nicht auch als Backwerk zu reichen?

Und doch brauchten die Chinesen ausgerechnet in dieser Frage Beistand aus Übersee. Wer genau sich als Vater des Glückskekses bezeichnen darf, ist wild umstritten und beschäftigte in den USA sogar die Gerichte. Stimmt das Urteil, das Richter Daniel M. Hanlon im Oktober 1983 fällte, dann ist das Plätzchen mit dem Spruch die Erfindung des frommen Bäckers David Jung aus Los Angeles. 1919, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, wollte Jung seinen Kunden mit seinen Leckereien auch noch eine frohe Botschaft mit auf den Weg geben und füllte seine Backwaren mit biblischen Psalmen, die sein Pastor für ihn aussuchte. Einer anderen Legende zufolge sollen die Presbyterianer mit Jungs Gebäck sogar Missionsarbeit gemacht haben, indem sie es an nichts ahnende Arme verteilten, die dann plötzlich auf das Wort dessen bissen, dem sie für ihr Brot danken sollten. Später brachten Kunden Jung auf die Idee, in seine Kekse alles einzubacken, was der Markt verlangte, von flotten Anzüglichkeiten über Sammelbildchen bis zu exotischen China-Bonmots. Diese setzten sich als Werbegeschenk von chinesischen Imbisslokalen schließlich durch und wurden in industriellem Maßstab kopiert. Jung verdiente daran nicht mehr viel, denn seine Idee ließ sich nicht patentieren. So blieb seinen Nachkommen nichts anderes übrig, als sich wenigstens seinen Ruhm juristisch bestätigen zu lassen.

Ob Jung diesen tatsächlich verdient, bestreiten jedoch die Erben eines anderen Bäckers, Makoto Hagiwara, einem japanischen Auswanderer, der in einem Teehaus in San Francisco schon in den 1890ern – drei Jahrzehnte vor Jung – Glückskekse serviert haben soll. Seine Inspiration kam angeblich von einem bestimmten Tempelgebäck seiner Heimat, das aus Waffelteig bestand, der noch in heißem Zustand in die unverkennbare Form geknickt wurde. Den entstehenden Hohlraum habe man schon seit Jahrhunderten gefüllt, behaupten die Japaner, meistens zwar mit roter Bohnenpaste, aber manchmal auch mit Zetteln. Tatsächlich gibt es heute in Tempeln in Kyoto Orakelwaffeln zu kaufen, aber ob deren Bäcker tatsächlich die Erben einer jahrhundertealten Tradition sind, die in den USA nur ihren prominentesten Spross trieb, bleibt strittig. Zumal inzwischen selbst die Chinesen in ihrer Vergangenheit Hinweise darauf ausgemacht haben, dass der Glückskeks eventuell doch von ihnen stammt. Denn die zum Herbstfest beliebten Mondkuchen, in die traditionell ein ganzes Eigelb eingebacken wird, sollen in der Geschichte zeitweise benutzt worden sein, um heimlich Botschaften zu übermitteln.

Vielleicht haben die Chinesen den Mondkuchen-Trick nur so lange vergessen, weil sie ganz andere Möglichkeiten haben, um dem Glück auf die Sprünge zu helfen. Denn was sind schon geschmuggelte Mitteilungen zwischen Menschen, wenn man gleich mit den Kräften des Universums in Kontakt treten und diese für seinen eigenen Vorteil nutzen kann. Die Chinesen tun dies durch die über 2000 Jahre alte Lehre vom Feng Shui, wörtlich: Wind und Wasser. Je nachdem, wie viel Einblicke in das, was die Welt im innersten zusammenhält, man den Feng-Shui-Meistern zutraut, kann man damit günstige Zeitpunkte für Hochzeiten oder Geschäftsabschlüsse festlegen oder auch ganze Karrieren darauf aufbauen. Die Olympischen Spiele in Peking begannen am Gutes verheißenden 8.8.2008, und die fünf offiziellen Maskottchen – genannt Fuwa, wörtlich: Glückspuppe – waren den fünf Elementen zugeordnet. Der aus chinesischer Sicht gewaltige Erfolg der Spiele spricht für sich.

Freilich: So ganz ernst nehmen auch viele Chinesen ihr Feng Shui und andere Bräuche nicht mehr. Doch Einfluss haben die Lehren noch immer. So kam 2007 eine Studie der Nationalen Universität für Verwaltungswesen, eine führende Kaderakademie, zu dem Ergebnis, dass 54 Prozent der mittleren und höheren Beamten auf die eine oder andere Weise abergläubisch seien und Wahrsagerei auch bei ihrer Amtsführung benutzen. So zog etwa der Parteisekretär des Kreises Tai’an in der Provinz Shandong bei allen wichtigen Fragen einen Feng-Shui-Experten zu Rat, der ihm unter anderem riet, für eine neue Autobahn nicht die kürzeste Strecke zu wählen, sondern sie in einem weiten Bogen über einen Stausee zu führen. Der Bau einer großen Brücke über ein breites Wasser sei nämlich das einzige, was seiner Beförderung zum Vizepremierminister im Wege stehe. Der Kader befolgte den Rat, doch statt eines Rufs in die Hauptstadt ereilte ihn die Todesstrafe wegen Korruption und Verschwendung von Steuergeldern. In chinesischen Medien machte man sich über ihn lustig – und erinnerte an das alte Sprichwort: „Das Glück verschenkt nichts, es verleiht nur.“ Wenn sich das nicht bestens in einem Glückskeks machen würde!

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 13.September 2008

Bernhard Bartsch | 13. September 2008 um 15:13 Uhr

 

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