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Japans stahlharte Landung

Exportkollaps, Produktionseinbruch, Jobabbau: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt rutscht immer tiefer in die Rezession. Regierung und Opposition suchen in der Krise den schnellen politischen Profit – 2009 wird schließlich gewählt.

Als Toyota-Chef Katsuaki Watanabe vergangene Woche vor die Presse trat, sprach er nicht nur für sein Unternehmen, sondern für das ganze Land. Der Autohersteller gilt seit Jahrzehnten als Symbol der japanischen Wirtschaftskraft, denn er bewältigte alle Krisen der letzten siebzig Jahre, ohne auch nur einmal in die roten Zahlen zu rutschen. Doch der Nimbus der Abschwungsresistenz ist dahin, seitdem Watanabe ankündigen musste, Toyota erwarte im Geschäftsjahr 2008 zum ersten Mal seit 1938, dem Jahr nach der Firmengründung, einen operativen Verlust. Hatte der weltgrößte Fahrzeugkonzern vergangenes Jahr noch einen Rekordprofit von 1,7 Billionen Yen (18,8 Mrd. Dollar) vorweisen können, rechnet er aufgrund der Finanzkrise mit einem Minus von 150 Milliarden Yen (1,7 Mrd. Dollar). Daraus könnte durch eine Steuergutschrift am Ende zwar doch noch ein kleines Plus werden, aber die Probleme lassen sich davon nicht kaschieren. „Dies ist eine Notsituation ohne Beispiel“, erklärte Watanabe. „Die Weltwirtschaft ist derzeit in einer so kritischen Weise angeschlagen, wie es nur einmal in hundert Jahren passiert.“
Seit dem „Toyota-Schock“, wie Japans Medien Watanabes Verlustmeldung nannten, scheint in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt kein konjuntkurelles Horrorszenario mehr unmöglich. Keiner will mehr ausschließen, dass die Krise das Land noch härter treffen wird als der große Crash von 1989, von dem Japan sich erst in den vergangenen Jahren langsam wieder erholt hatte. Die Statistiken sind verheerend. Im November lagen die Exporte, eine der Säulen der Wirtschaft, mehr als ein Viertel unter dem Vorjahreswert. Die Ausfuhren Richtung USA, dem wichtigsten Handelspartner, sanken sogar um ein Drittel. Auch asiatische Länder, von denen viele noch positives Wachstum haben, kauften ein Viertel weniger japanische Autos, Kameras, Elektronikartikeln und Computerzubehör. Dabei ist „Made in Japan“ gleich doppelt unter Druck: Nicht nur die gesunkene Weltmarktnachfrage lässt die Exporte einbrechen, sondern auch der in den vergangenen Wochen stark gestiegene Yen.
Die Auswirkungen auf Japans Industrie sind verheerend. Im November stürzte die Produktion innerhalb eines einzigen Monats um 8,1 Prozent ab, stärker als je zuvor. Im Vergleich zum Vorjahr lag der Einbruch sogar bei 16,2 Prozent. Allein die Stahlproduktion, so eine Prognose der Regierung, dürfte bis Anfang 2009 um ein Drittel zurückgehen und den tiefsten Stand seit 40 Jahren erreichen werde.
Noch versuchen Japans Unternehmen, die Krise ohne größeren Stellenabbau zu meistern. Kündigungen gelten in großen japanischen Konzernen als tabu. Doch nach Regierungsangaben werden die derzeit auslaufenden Verträge von über 80.000 Teilzeit- und Leiharbeitern nicht verlängert. So zum Beispiel in Toyota City, dem nahe Nagoya gelegenen Hauptsitz des Autoherstellers, wo mittlerweile Kurzarbeit herrscht. Man zahle den in die Arbeitslosigkeit entlassenen Angestellten Abgangsentschädigungen und erlaube ihnen, noch einen Monat in den Firmenwohnungen zu bleiben, erklärte Toyotas Finanzvorstand Mitsuo Kinoshita. „Wir möchten, dass sie wiederkommen, wenn wir sie brauchen.“ Die Stadtverwaltung hat angekündigt, Notunterkünfte und Übergangsjobs bereitzustellen. Doch ihr Handlungsspielraum wird immer kleiner. Da die 400.000-Einwohner-Stadt fast vollständig von Toyota und seinen Zulieferern lebt und deren Steuerzahlungen eingebrochen sind, sah ich die Lokalregierung gezwungen, ihr Budget kurzerhand in allen Bereichen um 15 Prozent zu kappen.
Der einzige Hoffnungsschimmer ist derzeit das 500 Milliarden Dollar schwere Konjunkturprogramm, mit dem sich die Regierung in Tokio gegen die Rezession stemmen will. Da die Notenbank die Leitzinsen bereits auf nahezu null Prozent gesenkt hat, kann sie die Krise nicht mehr mit billigem Geld bekämpfen, sondern muss selbst Kapital in den Kreislauf pumpen. Vergangenen Mittwoch verabschiedete das Kabinett für das im April beginnende Haushaltsjahr ein Rekordbudget, das einen Anstieg von 6,6 Prozent auf insgesamt 88,5 Billionen Yen (978 Milliarden Dollar) vorsieht. Dabei ist Japans Staatsverschuldung schon heute im Vergleich zu anderen Industriestaaten eine der höchsten. Ob sich der Abwärtstrend damit stoppen lässt, dürfte sich allerdings nicht vor dem Frühsommer zeigen.
Wirtschaftsminister Kaoru Yosano kündigte an, die Regierung werde zur Not auch noch weitere Maßnahmen ergreifen. Dabei hat sie allerdings nicht nur die langfristige Gesundung der japanischen Wirtschaft, sondern vor allem ihren eigenen kurzfristigen politischen Profit vor Augen.  Spätestens im September muss Premierminister Taro Aso Wahlen abhalten. Die Regierung seiner Liberaldemokratische Partei (LDP) erreicht derzeit in Umfragen nur noch eine Popularität von 20 Prozent. Keine guten Vorraussetzungen für ein Kabinett, das den Mut für harte und unpopuläre Entscheidungen bräuchte.

Bernhard Bartsch | 27. Dezember 2008 um 12:25 Uhr

 

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