Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Japans langer Lauf zu den Grünen

Nach der Katastrophe von Fukushima formiert sich in Japan eine Anti-AKW-Bewegung. Von politischem Einfluss ist sie weit entfernt.

Von ihrem alten Leben ist Chikako Matsumoto nicht mehr geblieben als das, was in den Kofferraum ihres Kleinwagens passte: ein paar Schachteln mit Schnellheftern, Fotos und persönlichen Gegenständen, einige Taschen mit Winterkleidung, die ihr jetzt im Sommer nichts nützen. „Wer hätte ahnen können, dass die Katastrophe ein solches Ausmaß annehmen würde?“, sinniert die Krankenschwester. Jahrzehntelang lebte sie in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks Fukushima-Daichi. Und wie alle ihre Nachbarn glaubte sie den Beteuerungen der Regierung und der Betreiber, dass Kernenergie sicher sei.

Knapp ein halbes Jahr nach dem GAU, ausgelöst durch das Erdbeben vom 11. März, steht Matsumoto vor dem Wohncontainer, der bis auf weiteres ihr Zuhause sein wird. Zusammen mit hundert anderen Familien aus der Evakuierungszone lebt die Mittfünfzigerin in der Behelfssiedlung auf einem Parkplatz in der Stadt Fukushima, 60 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Die karge Einrichtung ihrer beiden kleinen Zimmer stammt größtenteils aus Spenden, ebenso ihr gestreiftes T-Shirt und die helle Sommerhose.

Vor ihrer Tür hat Matsumoto ein paar Pflanzkübel mit Kräutern aufgestellt, was ihre Nachbarn verrückt finden, weil auch hier noch erhöhte Radioaktivität gemessen wird. „Ich habe wahrscheinlich ohnehin schon eine Menge Strahlung abbekommen, weil ich erst drei Tage nach dem Beben geflohen bin“, sagt sie. „Wir konnten ja die Patienten in unserer Klinik nicht allein lassen.“

Wie es weitergehen soll, weiß Matsumoto nicht. Bisher lebt ihre Familie von der Nothilfe, die Kraftwerksbetreiber Tepco und die lokale Regierung verteilt haben. Aber wie die Strahlenflüchtlinge entschädigt werden sollen, ist völlig unklar. „Natürlich sind wir alle noch sehr aufgewühlt und wütend, aber ich bin sicher, dass es für uns irgendwann eine Lösung geben wird“, sagt sie. Jetzt sei erstmal das Wichtigste, dass die Regierung aus der Katastrophe die richtigen Lehren zieht. „Es darf in Japan nicht noch einmal zu einem GAU kommen“, sagt Matsumoto. „Alle Atomkraftwerke gehören abgeschaltet.“

Nicht nur die Betroffenen sind dieser Meinung. War Atomkraft in Japan vor dem 11. März weitgehend unumstritten, so geben in Umfragen heute 75 Prozent der Japaner an, dass sie sich eine Zukunft ohne Nuklearenergie wünschen.

Doch öffentliche Meinung und politische Umsetzung sind zweierlei – gerade in Japan, wo der Regierung seit Jahrzehnten keine große Reform mehr gelungen ist und gut gemeinte Erneuerungsversuche oft an der übermächtigen Bürokratie scheitern. Zwar hat inzwischen auch Premierminister Naoto Kan die Devise ausgegeben, Japan müsse auf einen Atomausstieg hinarbeiten. Doch nach dem desaströsen Krisenmanagement der Regierung wird Kans politische Restlaufzeit in Tokio nur noch auf wenige Tage geschätzt. Unter den potenziellen Nachfolgern hat sich bisher keiner als Kernkraftgegner geoutet.

Japans Anti-AKW-Aktivisten sehen sich deshalb keineswegs am Ziel, sondern vor der Aufgabe, aus ihrer jungen Bewegung eine echte politische Kraft zu schmieden. „Kan hat versucht, mit dem Thema Atomausstieg seine politische Karriere zu retten, aber in seinem Umfeld arbeiten viele in eine andere Richtung“, sagt Junichiro Sato, Leiter von Greenpeace in Japan. „Ich bin mir zwar sicher, dass der Ausstieg kommen wird, aber der Weg dorthin ist noch weit.“

Die erste Herausforderung sei die, das Thema im öffentlichen Bewusstsein zu halten und ein Umfeld zu schaffen, in dem es sich für Politiker lohnt, gegen Atomkraft zu sein, meint Sato. „Wenn das gelingt, kann ich mir durchaus vorstellen, dass aus der japanischen Anti-Atomkraftbewegung einmal eine ähnliche Partei entsteht wie die Grünen in Deutschland“, sagt Sato. Dass es seit März in Tokio regelmäßig Demonstrationen gibt, wertet er als großen Erfolg, selbst wenn sich selten mehr als einige tausend Menschen beteiligen. „Japan hat keine Demonstrationskultur. Deshalb bekommen auch kleine Kundgebungen große Aufmerksamkeit.“

Aileen Mioko Smith, Gründerin der Organisation Green Action, die in Japan seit mehr als zwanzig Jahren gegen Kernenergie mobil macht, sieht die Chancen für eine japanische Anti-Atom-Partei zwar skeptischer. Sie glaubt aber, dass die bestehenden Parteien das Thema künftig ernster nehmen müssen. „Auf nationaler Ebene war Atomkraft bisher zwar nie umstritten, aber auf lokaler Ebene gibt es seit vielen Jahren sehr aktive Gegner“, sagt Smith, die halb Japanerin, halb Amerikanerin ist. „Hätte es nicht vielerorts Proteste gegeben, hätten wir in Japan heute nicht 54 Reaktoren, sondern über 80.“

Andere AKW-Gegner sind pessimistischer. „Nach der Katastrophe war das öffentliche Interesse natürlich gewaltig, aber inzwischen lässt es schon wieder nach“, sagt der Journalist und Aktivist Ryuichi Hirokawa, der mit seiner Organisation rund um Fukushima unabhängige Messungen vornimmt, um die Angaben der Regierung zu überprüfen. „Die Hauptsorge der meisten Japaner ist nicht die Sicherheit der Reaktoren, sondern die, ob belastete Lebensmittel aus Fukushima auf den Markt kommen.“ Wenn das nicht in großem Maßstab passiert, wird die Unterstützung für einen Atomausstieg schnell sinken, fürchtet Hirokawa. Da in Politik und Bürokratie Kernkraftbefürworter das Sagen haben und die Verbindungen zur Atomindustrie eng sind, könnte das Thema bald wieder von der Agenda verschwinden.

Wie groß die Kluft zwischen Kernkraftgegnern und Regierung ist, zeigt sich bei einer Veranstaltung Mitte August, mit der die Aktivisten auf die Gefahren für Kinder aufmerksam machen wollen. Im holzgetäfelten Sitzungssaal des Repräsentantenhauses drängt sich das Who-is-who der Anti-AKW-Szene. Es kursiert das Gerücht, Premier Kan wolle persönlich erscheinen. Doch dann kommen nur rangniedrige Beamte verschiedener Ministerien, zehn Herren in dunklen Anzügen, die sich höflich verbeugen und mit betretenen Gesichtern hinter einem langen Tisch Platz nehmen. Ihnen gegenüber sitzen fünf Kinder, deren Familien aus der Umgebung des Kraftwerks Fukushima evakuiert werden mussten.

„Wir wollen im Freien spielen, ohne Angst haben zu müssen“, sagt ein kleines Mädchen ins Mikrofon. „Ich habe von meinen Eltern gehört, dass man von radioaktiver Strahlung Krebs bekommen kann“, erklärt ein Junge, „aber ich will nicht als Krebskranker aufwachsen.“ Ein anderes Mädchen äußert die Sorge, später einmal ein krankes Kind zu bekommen. Die Erwachsenen applaudieren, die Beamten schreiben emsig mit.

Schließlich ist es an ihnen, zu antworten. „Wir danken euch für eure Worte und werden intern darüber beraten“, sagt der erste. „Wir werden weiter unermüdlich arbeiten.“ Der zweite sagt fast wörtlich das Gleiche, der dritte und vierte auch. „Sagt mal, habt ihr überhaupt zugehört“, ruft ein Erwachsener. Auch andere schreien jetzt und die Stimmung steigert sich zum Tumult – bis die zehn Beamten schließlich unter Verbeugungen den Raum verlassen. „Es sind Bürokraten wie die hier, die Japan die Atomenergie eingebrockt haben“, sagt eine Aktivistin frustriert. „Leider sind wir jetzt auf sie angewiesen, um die Atomenergie wieder loszuwerden.“

Bernhard Bartsch | 26. August 2011 um 07:01 Uhr

 

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