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Japans gezwungene Helden

Die Arbeiter im Unglückskraftwerk Fukushima riskieren ihr Leben, um einen GAU zu verhindern. Doch viele sind offenbar nicht freiwillig im Einsatz.

Der Volksmund nennt sie die „Samurai von Fukushima“. Doch zwei Wochen nach Beginn des Rettungseinsatzes im havarierten Atomkraftwerk kursieren in Japan immer beunruhigendere Meldungen über die Männer, die das Land vor einem GAU bewahren sollen. Einige von ihnen sollen unfreiwillig im Einsatz sein, anderen fehlt offenbar die nötige Ausbildung oder eine klare Vorstellung von den Gefahren, denen sie sich aussetzen. 

Erst am Freitag erklärte der Kraftwerksbetreiber Tepco, dass drei Arbeiter, die sich am Vortag akute Strahlenvergiftungen zugezogen hatten, ohne Sicherheitsschuhe in schwer verseuchtem Wasser gestanden hätten, um elektrische Leitungen zu reparieren. Die Warnsignale ihrer Geigerzähler sollen sie ignoriert haben. Kompetente Rettungskräfte stellt man sich anders vor, Helden ohnehin.

Ob stimmt, was die Kraftwerkbetreiber verbreiten, ist ungewiss, doch gerade weil verlässliche Informationen rar sind, treiben Spekulationen wilde Blüten. Eine davon ist die Geschichte, das Schicksal der vier Unglücksreaktoren liege in den Händen von nur noch 50 Arbeitern, die in einer Art Kamikaze-Aktion den Strahlentod auf sich nähmen, um das Land vor einer Katastrophe zu beschützen. Doch in Wahrheit sind die „Fukushima 50 “ eine Legende, das Ergebnis bruchstückhafter Informationen und eines unheilvollen medialen Bedürfnisses nach dramatischer Zuspitzung.

Tatsächlich hatte die japanische Zeitung Yomiuri Shimbun am 21. März berichtet, dass nun noch 50 Männer im Einsatz seien, doch damit war nur die Besetzung einzelner Schichten gemeint. Insgesamt wechseln sich mehrere hundert Arbeiter mit kurzen Einsätzen ab, denn die Rettungskräfte dürfen sich nur kurz an den Reaktoren aufhalten, um eine schwere Strahlenvergiftung zu vermeiden, die nicht nur ihr Leben akut gefährden, sondern sie auch für weitere Missionen unbrauchbar machen würden. 

Zu den Symptomen einer Strahlenvergiftung gehören Schwächeanfälle und Erbrechen kein Mensch kann unter solchen Umständen noch schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Inzwischen sind bei mindestens neun Arbeitern starke Verstrahlungen bestätigt worden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, die eingesetzten Schutzanzüge seinen „nicht besonders effektiv wenn es darum geht, Verstrahlung zu vermeiden“. Doch die Anzüge müssten dünn genug sein, damit die Arbeiter darin handwerkliche Tätigkeiten verrichten können.

Wie viel Rücksicht die Einsatzzentrale, die von Premierminister Naoto Kan geführt wird, auf sie Sicherheit der Arbeiter nimmt, ist zunehmend unklar. Als Tepcos Manager dem Regierungschef vier Tage nach dem Beben mitteilte, dass sie ihre Angestellten abziehen wollten, soll Kan von ihnen verlangt haben „sich zusammenzureißen“ und die Bemühungen fortzusetzen, berichtete die Agentur Kyodo. Inzwischen soll Tepco Arbeiter aus anderen Kraftwerken zum Dienst nach Fukushima geschickt haben. Mehreren Medienberichten zufolge wurden auch Arbeits- oder Obdachlose für den Kraftwerksdienst rekrutiert – eine offenbar seit Jahren übliche Praxis. Nach Recherchen der ARD sollen sie nur unzureichend über die Gefahren aufgeklärt worden sein. 

Auch Tokioter Feuerwehrleute sind offenbar unter großen Druck gesetzt worden, sich an den Arbeiten zu beteiligen. Japanischen Medienberichten zufolge soll ihnen der stellvertretende Einsatzleiter, Wirtschaftsminister Banri Kaieda, unverhohlen mit Strafen gedroht haben, falls sie den Einsatz in Fukushima verweigern sollten. Zwar entschuldigte sich Kaieda später für den Fall, dass seine Bemerkungen „als beleidigend aufgefasst“ worden seien, doch nichts weist darauf hin, dass damit der Druck auf die Feuerwehrleute nachgelassen hat.

Einigen Medien ist es gelungen, einzelne Arbeiter zu identifizieren. So berichtet die „Yomiuri Shimbun“, über einen Mann, der seit vielen Jahren als Leihkraft im Kraftwerk Fukushima tätig gewesen sei und nach dem Beben einen Anruf erhielt, um für drei Tage zu Hilfsarbeiten zu kommen. Entgegen dem Wunsch seiner Familie, die aus der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks evakuiert worden war, sagte der Mittfünfziger zu. Zwar seien ihm die Gefahren bewusst gewesen, aber er habe sie verdrängt, sagte er der Zeitung. „Ich hatte eine Mission und die bestand darin, die Temperatur in den Speicherbecken zu reduzieren.“ Offenbar überstand er seinen Einsatz unbeschädigt. 

Der britische „Independent“ berichtete von einem anderen Arbeiter, der sich in einem kurzen Brief von seiner Familie verabschiedet habe, um ebenfalls einer Anfrage Folge zu leisten. „Lebt bitte weiterhin gut, ich werde für eine Weilen nicht nach Hause kommen können“, soll er in einem Abschiedsbrief geschrieben und sich seitdem nicht gemeldet haben. Auf Twitter berichtet eine japanische Benutzerin unter dem Namen „@nekkonekonyaa“, auch ihr Vater habe sich zum Einsatz gemeldet. „Die Menschen im Kraftwerk kämpfen und opfern sich dafür auf, um euch zu beschützen“, schreibt sie. „Bitte, Papa, komm lebend zurück.“

Die vier Reaktoren des Kraftwerks sind noch immer nicht unter Kontrolle. Immer wieder zeigen japanische Fernsehsender Rauch- oder Dampfwolken, hervorgerufen durch Feuer und Wasserstoffexplosionen. Laut Tepco seien die Schäden unterschätzt worden. Herumliegende Trümmer behindern die Arbeiten. Da zur Kühlung hunderte Tonnen Meerwasser über die Reaktoren gesprüht wurden, sind viele der Geräte beschädigt und Kabelschächte geflutet. Diese müssen erst trockengelegt werden, bevor an eine Reaktivierung der Kühlsysteme zu denken ist.

Bernhard Bartsch | 25. März 2011 um 14:24 Uhr

 

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