Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Japans Firmen büßen für Inselstreit

Boykott in China: Absatz von Toyota und Mazda bricht nach politischen Spannungen ein.

Im Lexus-Autohaus an Pekings nördlicher Ausfallstraße herrscht gähnende Leere. Obwohl die Chinesen diese Woche Nationalferien haben und die Besichtigung von Neuwagen für wohlhabende Hauptstädter eine beliebte Freizeitbeschäftigung ist, zeigen sie an den japanischen Luxuskarossen aus dem Hause Toyota nur wenig Interesse. „Die Politik macht uns das Geschäft kaputt“, sagt ein sichtlich frustrierter Händler. „Niemand will derzeit mit einem japanischen Auto gesehen werden.“

Die japanischen Marken zahlen den Preis für die Eskalation im Territorialstreit um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, der in der Volksrepublik Mitte September eine Welle antijapanischer Proteste und Boykottaufrufe ausgelöst hatte. Allmählich lassen sich die Schäden für Japans Unternehmen bemessen: Toyota habe in China im September nur noch halb so viele Autos verkauft wie im August, berichtet die japanische Zeitung „Yomiuri“ unter Berufung auf Firmeninsider. Reuters will aus ähnlichen Kreisen von einem Einbruch von einem Drittel erfahren haben. Nach 75000 verkauften Fahrzeugen im August seien es im September nur noch 50000 gewesen, meldete die Nachrichtenagentur. Offiziell will Toyota seine Septemberzahlen am kommenden Dienstag vorstellen. Toyota besitzt 26 Werke in China.

Bei Mazda klagt man ebenfalls über Einbußen. Nach Unternehmensangaben lagen die Verkäufe im September rund 20 Prozent unter dem Absatz im August. Neben Toyota und Mazda sahen sich auch Honda und Nissan gezwungen, die Produktion in ihren chinesischen Fabriken zu drosseln. Und das, obwohl der weltgrößte Automarkt weiterhin kräftiges Wachstum aufweist. Die Abkehr der chinesischen Kunden von japanischen Marken nutzt der Konkurrenz. Der koreanische Hersteller Hyundai legte im September um 15 Prozent zu, die chinesische Marke Brilliance immerhin um fast sechs Prozent. Auch deutsche Marken verzeichnen Rekordabsätze. Die Verkäufe von BMW lagen im September 55 Prozent über dem Vorjahresniveau. Audi verzeichnete einen Zuwachs von 20 Prozent und Mercedes-Benz ein Plus von zehn Prozent.

Japans Autoindustrie ist nicht die einzige japanische Branche, welche für die politischen Spannungen einen hohen Preis bezahlt. Die Fluglinie All Nippon Airways (ANA) berichtet, auf ihren Chinaflügen für die Monate September bis November 40000 Stornierungen erhalten zu haben. Chinas staatlicher Tourismusverband hatte chinesische Reisebüros angewiesen, Touren nach Japan abzusagen. Medienberichten zufolge sinkt auch der Absatz von japanischen Kameras und anderen elektronischen Geräten rapide.

Mit dem wirtschaftlichen Druck versucht Peking, die japanische Regierung zu zwingen, im Konflikt um die unbewohnten Inseln, die auf Chinesisch Diaoyu und auf Japanisch Senkaku heißen, Zugeständnisse zu machen. Die Gewässer um die Inseln sind reich an Fischen, zudem werden in der Region umfangreiche Erdgasvorkommen vermutet. Chinas stellvertretender Handelsminister hatte im Zusammenhang mit dem Konflikt öffentlich erklärt, er habe Verständnis für Boykottaufrufe. Chinesische Staatsmedien verstanden dies als Freibrief, offen zu fordern, japanischen Produkten die kalte Schulter zu zeigen.

Eskaliert war der Streit, als die japanische Regierung die Inseln im September von privaten japanischen Besitzern gekauft hatte. China sah darin einen Angriff auf seine Souveränität. In mehr als 180 Städten kam es zu Protesten und an einigen Orten auch zu Vandalismus. In Qingdao wurde etwa ein japanisches Autohaus angezündet. Japanische Restaurants und Unternehmen mussten aus Sorge um ihre Sicherheit mehrere Tage schließen. Viele chinesische Besitzer japanischer Autos überkleben seitdem die Logos ihrer Fahrzeuge mit chinesischen Flaggen.

Bernhard Bartsch | 06. Oktober 2012 um 14:42 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.