Bernhard Bartsch

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Japan sieht rot

Der drittgrößten Wirtschaftsmacht droht die Rezession.

Japan droht in die Rezession zu rutschen. Am Montag präsentierte die Regierung Besorgnis erregende Zahlen: Im dritten Quartal lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 0,9 Prozent unter dem Vorquartal. Das ist der stärkste Rückgang seit der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe im März 2011. In Tokio scheint man damit zu rechnen, dass das Wachstum auch für den Rest des Jahres negativ sein wird und damit zwei Quartale in Folge, womit Japan offiziell in einer Rezession stecken würde. „Ich kann die Wahrscheinlichkeit nicht leugnen, dass die Wirtschaft ins Stadium der Rezession getreten ist“, sagte Finanzminister Seiji Maehara. Regierungschef Yoshihiko Noda sprach von einer „ernsten“ Lage.

Ein Hauptgrund ist die weltweit sinkende Nachfrage nach japanischen Exportwaren, insbesondere bei Automobilen und Computerchips. Die wichtigen Absatzmärkte Europa und die USA haben selbst Konjunkturprobleme, und mit dem großen Nachbarn China befindet sich Japan seit Monaten in einem erbitterten Territorialstreit. Beide Länder erheben Anspruch auf eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, die auf Chinesisch „Diaoyu“ und auf Japanisch „Senkaku“ heißt. Um Tokio mit wirtschaftlichem Druck zum Einlenken zu zwingen, erlaubte Peking im September Zehntausenden von Menschen, gegen Japan zu demonstrierten. Staatsmedien riefen zum Boykott japanischer Waren auf.

Japans Exporte nach China, die rund ein Fünftel der japanischen Gesamtausfuhren ausmachen, sanken daraufhin im September um 14,1 Prozent. Japanische Firmen, die in der Volksrepublik produzieren, verzeichneten ebenfalls schwere Einbußen. Einige mussten sogar vorübergehend ihre Werke schließen. Japanische Versuche, den Konflikt diplomatisch zu entschärfen, blockte China bisher ab.

Ein weiterer Faktor für Japans Schwäche ist der schlechte Binnenkonsum, der rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht. Zwischen Juli und September gaben die Japaner 0,5 Prozent weniger Geld aus als in den drei Monaten zuvor. Dabei hatte es noch im Frühjahr positive Signale gegeben, die den Japanern Hoffnung auf einen Aufschwung gemacht hatten. Im ersten Quartal profitierte die Konjunktur von den staatlich finanzierten Wiederaufbaumaßnahmen nach dem Erdbeben, und auch von April bis Juni wuchs die Wirtschaft immerhin noch mit 0,7 Prozent.

Doch inzwischen scheint die Wachstumsschätzung der Regierung, die für 2012 ein Plus von zwei Prozent prognostiziert hat, Makulatur zu sein. Denn Anzeichen für eine schnelle Genesung gibt es derzeit nicht. Die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen und Anlagen, ein wichtiger Indikator für die Konjunkturaussichten, gingen im dritten Quartal um 3,2 Prozent zurück.

Angesichts der Krise wird in Tokio nun wieder einmal über baldige Neuwahlen spekuliert. Die Zustimmungswerte für Premier Noda sind inzwischen unter die Marke von zwanzig Prozent gefallen. Seiner Demokratischen Partei (DPJ) droht eine schwere Wahlniederlage. Noda, der spätestens im kommenden Sommer ohnehin Wahlen abhalten lassen muss, scheint deshalb nun bei den Wählern auf volles Risiko gehen zu wollen. Am Samstag kündigte er an, seine Partei werde Japans Beitritt zu dem von den USA initiierten regionalen Freihandelskommen Trans-Pacific Partnership in ihr Wahlprogramm aufnehmen. In Japan wird dies seit Langem kontrovers diskutiert. Industrie- und Verbraucherverbände unterstützen einen Beitritt. Japans Bauern, die stark von Subventionen abhängen, sind allerdings dagegen. Im Sommer hatte Noda außerdem erklärt, seine Partei werde einen vollständigen Atomausstieg anstreben. Auch das ist in Japan trotz der Nuklearkatastrophe von Fukushima ein umstrittenes Thema, von dem sich die DPJ aber Wählerstimmen erhofft.

Bernhard Bartsch | 12. November 2012 um 09:07 Uhr

 

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