Bernhard Bartsch

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Japan ringt um Atomausstieg

Ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind in Japan nur noch zwei der 54 Kernreaktoren am Netz. Über die Wiederinbetriebnahme wird gestritten.

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima ringt Japans Politik mit einem Automausstieg. Während sich in Umfragen mehr als drei Viertel der Japaner ein Ende der Kernkraftära wünschen, drängen Stromkonzerne und Industrieverbände auf eine schnelle Wiederinbetriebnahme der heruntergefahrenen AKWs. Im Sommer will die Regierung ein neues Energiekonzept vorstellen, doch inwiefern sie sich darin zu einem vollständigen Ausstieg bekennen wird, ist bisher unklar. Vor dem Fukushima-Unfall bezog Japan rund ein Drittel seines Stroms aus Kernkraft und plante den Anteil bis 2030 auf mehr als die Hälfte erhöhen.

Zwar hatte der ehemalige Premier Naoto Kan nach dem Desaster erklärt, Japan müsse eine Zukunft ohne Kernenergie anstreben. Sein seit September amtierender Nachfolger Yoshihiko Noda hat bisher aber noch keine klare Position bezogen. Industrieminister Yukio Edano, zu dessen Portfolio die Energiepolitik gehört, will sich bisher auf nicht mehr festlegen als eine „Reduzierung von Japans Abhängigkeit von Kernkraft in einem mittleren bis längeren Zeitrahmen“.

Atomkraftgegner sehen es allerdings als erwiesen an, dass Japan auch ohne Atomkraft auskommen könne – und das sogar sofort. Denn von den 54 Reaktoren sind derzeit nur noch zwei am Netz. Die anderen wurden entweder als Reaktion auf die Fukushima-Katastrophe oder im Rahmen regelmäßiger Wartungsarbeiten abgeschaltet. Wieder hochgefahren wurde bisher keiner, um zunächst Stresstests durchführen zu können. Außerdem müssen für die Wiederinbetriebnahme sowohl die Regierung in Tokio als auch die lokalen Regierungen zustimmen. Vor allem letztere sind bisher zögerlich.

Auch die beiden noch aktiven Meiler müssen bis Mai für Routineüberprüfung vom Netz genommen werden. „Womöglich werden wir im Sommer ganz ohne Atomstrom sein“, sagt Junichi Sato von Greenpeace Japan. „Das ist eine große Chance, weil die Menschen dann merken werden, dass wir die Atomkraft gar nicht brauchen.“ Japan verfüge über genügend andere Stromerzeugungskapazitäten, unter anderem weil jedes AKW über gas- oder ölbetriebene Backup-Systeme verfüge.

Deren Einsatz ist allerdings teuer, weil Japan seine Energierohstoffe fast vollständig importieren muss. „Natürlich sind die Kosten für Gas und Öl hoch, aber die Katastrophe von Fukushima hat gezeigt, dass Atomkraft letztlich noch viel teurer ist“, sagt Sato. „Beim Ausbau von erneuerbaren Energien hat Japan aber gewaltiges Potential, das bisher noch gar nicht genutzt wird, weil die Regierung sich ganz auf Kernkraft verlassen hat.“

Bernhard Bartsch | 11. März 2012 um 15:33 Uhr

 

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