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Japan ist vorerst keine Exportnation mehr

Handelsbilanz im Januar erstmals seit 13 Jahren negativ. Nikkei fällt auf 26-Jahres-Tief.

Die Finanzkrise hat Japans Handelsbilanz das Vorzeichen umgekehrt: Die große Exportnation ist seit Anfang des Jahres ein Nettoimporteur. Aufgrund der dramatisch gefallenen Nachfrage nach „Made in Japan“ lag der Wert der Einfuhren im Januar erstmals seit 13 Jahren über dem der Ausfuhren. Wie das Finanzministerium am Montag mitteilte, belief sich das Handelsbilanzdefizit des ersten Monats auf 172,8 Milliarden Yen (1,4 Milliarden Euro), höher als je zuvor. Die Ausfuhren, die seit vergangenem Oktober sinken, lagen im Januar 46,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau; die Importe brachen um 31,7 Prozent ein. Japans Exportindustrie, die rund 15 Prozent der Wirtschaftskraft ausmacht, leidet wegen des hohen Yen-Kurses besonders stark unter der Krise.

Wie derzeit üblich zog eine schlechte Nachricht am Montag schnell die nächste nach sich. Der Nikkei reagierte auf die Handelsdaten mit einem Sturz von 1,21 Prozent auf 7086,03 Punkte. Das ist der tiefste Stand seit 26 Jahren. Vor allem die Aktien der stark vom internationalen Geschäft abhängigen japanischen Autohersteller gerieten in den Abwärtssog; die Anteile von Toyota, Honda und Nissan verloren bis zu zwei Prozent. Auch die Bankaktien gerieten erneut unter Druck. Seit Anfang des Jahres hat der Index 20 Prozent verloren. Gegenüber dem Nikkei-Allzeithoch von 38.915 Punkten im Jahr 1989 hat Japans Leitindex 80 Prozent eingebüßt.

Nach einem neuen Bericht der Marktforschungsfirma Tokyo Shoko Research stieg die Zahl der Insolvenzen japanischer Firmen im Februar zum neunten Mal in Folge an. 1318 Unternehmen wurden zahlungsunfähig, gut zehn Prozent mehr als noch im Januar. Auch sieben börsennotierte Unternehmen mussten Insolvenz anmelden. Eine Studie des Finanzministeriums hatte kürzlich gezeigt, dass die Vorsteuergewinne japanischer Unternehmen im letzten Quartal 2008 um zwei Drittel eingebrochen waren. Im produzierenden Gewerbe fiel der Profit sogar um 94,3 Prozent.

Zu den unter Druck geratenen Unternehmen gehören selbst Japans größte und bisher gesündeste Konzerne. Der Autohersteller Toyota, der im vergangenen Geschäftsjahr noch 14 Milliarden Euro Gewinn einstrich, erwartet für dieses Jahr ein Minus von über drei Milliarden Euro und will japanischen Medienberichten zufolge beim Staat Überbrückungskredite beantragen. Im für Toyota wichtigen US-Markt waren die Autoverkäufe im letzten Quartal 2008 um fast ein Drittel eingebrochen. Tokios Finanzministerium hat angekündigt, japanischen Firmen auf internationalen Märkten mit einem Griff in die Devisenreserven helfen zu wollen. In einem ersten Schritt sollen vier Milliarden Euro bereitgestellt werden.

Hoffnungsschimmer gibt es bei Japans Konjunkturmeldungen derzeit kaum. Zwar lassen sich erste Anzeichen für eine Entspannung der Kreditmärkte erkennen, nachdem die Ausgabe kurzfristiger Firmenanleihen im Februar weniger schnell zurückging als noch im Januar. Auch die Dienstleistungsbranche verkündete am Montag, dass die Talsohle womöglich erreicht sein könnte, nachdem ihr Stimmungsindex im Februar leicht anstieg, womit er allerdings noch immer nah an seinem Allzeittief liegt. Außerdem hat der Yen seit seinem 13-Jahreshoch gegenüber dem Dollar im Januar rund 11 Prozent an Wert verloren. Doch all das reicht noch lange nicht, um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt aus ihrer stärksten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Die Kontraktion für 2009 könnte Experten zufolge über drei Prozent hinausschießen.

Premierminister Taro Aso hatte vergangene Woche eingestanden, dass bei Japans Abwärtstrend derzeit „kein Boden in Sicht“ sei. Um den Konsum anzukurbeln, begann die Regierung mit der Ausgabe von rund zwei Billionen Yen (16 Milliarden Euro) Bargeld begonnen. Jeder Japaner soll umgerechnet 95 Euro erhalten. Kritiker werfen Aso vor, die Krise populistisch ausschlachten zu wollen. Der Regierungschef von der Liberaldemokratischen Partei (LDP), dessen Zustimmungswerte bei nur noch zehn Prozent liegen, muss bis September Neuwahlen anberaumen. Derzeit ist allerdings auch die Opposition aufgrund eines Spendenskandals in Aufruhr. Statt Krisenmanagement betreibt Tokio derzeit vor allem politischer Stellungskrieg

Bernhard Bartsch | 10. März 2009 um 01:31 Uhr

 

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