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Japan fürchtet den Super-GAU

Nach dem verheerenden Erdbeben droht in Atomkraftwerken der Austritt von großen Mengen Radioaktivität. Die Zahl der Tsunamiopfer geht in die Tausende.

Jahrzehntelang haben japanische Kernkraftgegner davor gewarnt, nun droht der größtmögliche Nuklearunfall einzutreten. Das verheerende Erdbeben, das am Freitag Japan erschütterte, hat im Atomkraftwerk Fukushima eine Kernschmelze ausgelöst. Ob der mit einem Super-GAU verbundene Austritt von großen Mengen Radioaktivität verhindert werden kann, war anderthalb Tage nach der Naturkatastrophe noch ungewiss. Regierungschef Naoto Kan bezeichnete die Lage als „sehr ernst“.

Die Entwicklungen in Fukushima waren das dominierende Thema eines von Rettungsbemühungen, Trümmerschau und Nachbeben geprägten Tages. Nach Angaben japanischer Medien sind bisher 1700 Tote geborgen worden, viele Menschen werden noch vermisst. In den ersten 24 Stunden nach dem Beben gingen über 45.000 Vermisstenmeldungen ein. Die Mehrheit wurden Opfer des über zehn Meter hohen Tsunamis, den das Beben der Stärke 8,9 auf der Richterskala ausgelöst hatte.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo stand die Küstenstädte Rikuzentakata, Miyako und Yamada fast vollständig unter Wasser. Allein in dem Ort Minamisanriku sollen 10.000 Menschen vermisst werden, mehr als die Hälfte der Bevölkerung. In einigen Städten brannten am Samstag noch immer Feuer. 5,57 Millionen Haushalte mussten die erste Nacht nach dem Beben ohne Strom verbringen, über eine Millionen ohne Wasser. Vier Züge, die entlang der Küstenlinie fuhren, wurden am Samstag noch vermisst. Da aufgrund heftiger Nachbeben weitere Flutwellen drohen, konnten die Helfer noch nicht in alle betroffenen Regionen vordringen. Neben den zivilen Rettungskräften wurden auch 50.000 Soldaten für Bergungseinsätze abgestellt.

Doch noch größer als das Zerstörungspotential des Tsunamis erscheint die Bedrohung durch einen Atomunfall. Durch das Beben war das Kühlsystem des Reaktors ausgefallen. Die von Batterien betriebenen Notaggregate reichten offenbar nicht aus, um eine Überhitzung zu verhindern. Gegen Samstagmittag Ortszeit, rund 24 Stunden nach dem Beben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo, dass im Umfeld des Reaktors Cäsium gemessen worden sei, ein Zeichen dafür, dass die Kernschmelze begonnen habe. Wenig später ereignete sich eine Explosion, bei der das Dach des Reaktorgebäudes einstürzte. Fernsehbilder des japanischen Senders NHK zeigten weiße Rauchwolken aus dem AKW aufsteigen.
Die Regierung erklärte, es handle sich um eine Wasserstoffexplosion, die bei der Verpuffung von Gasen zwischen Reaktor und Reaktorhülle entstanden sei. Vier Arbeiter sollen dabei verletzt worden sein. Die innere Reaktorhülle soll aber nicht beschädigt worden sein, versicherte die Betreiberfirma, der Tokyo Electric Power Company (Tepco). Kabinetts-Chef Yukio Edano bestätigte zwar, dass aus dem Kraftwerk Radioaktivität entwichen sei, nicht jedoch direkt aus dem Reaktorinneren.

Regierungschef Kan versicherte, seine Regierung tue alles, um eine Strahlenbelastung der Bevölkerung zu verhindern. Im Umkreis von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk wurden alle Menschen evakuiert. 300.000 Menschen sind davon betroffen. Die Menschen in der Umgebung wurden angewiesen, nur mit Atemschutzmasken ins Freie zu gehen oder sich feuchte Tücher vors Gesicht zu halten. Einigen Berichten zufolge wurde die Bevölkerung außerdem dazu aufgerufen, Kaliumjodid-Tabletten einzunehmen, um zu verhindern, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anlagert. „Nicht eine einzige Person wird wegen radioaktiver Strahlung gesundheitlich zu Schaden kommen“, versprach ein Regierungssprecher. Für die Arbeiter im Kraftwerk wurde in fünf Kilometern Entfernung ein Krisenzentrum mit Ärzten, Pflegepersonal und Fachleuten eingerichtet. Katastrophenschutzmannschaften lieferten zusätzliche Geräte, die bei der Abkühlung des Reaktors helfen sollen.

Schon in der Vergangenheit hat es in Japan nach Erdbeben Unfälle bei Atomkraftwerken gegeben, die von der Betreiberfirma jedoch häufig vertuscht wurden. Umso skeptischer stehen viele Japaner nun den Informationen zu den Entwicklungen in Fukushima gegenüber. In Tokio begannen am Samstag erste besorgte Bürger, in den Süden des Landes zu flüchten. Vor einigen Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Auch von vereinzelten Hamsterkäufen wurde berichtet.

Das größte je in Japan gemessene Erdbeben hat das Land in einem Moment politischer Schwäche getroffen. Die Regierung der Demokratischen Partei, die vor anderthalb Jahren mit großen Reformprojekten angetreten war, erreicht in Umfragen derzeit nur noch Zustimmungswerte von unter 20-Prozent. Noch am Freitag, wenige Stunden vor der Katastrophe, hatte Regierungschef Naoto Kan sich gegen Rücktrittsforderungen wehren müssen, weil er eine illegale Wahlkampfspende angenommen haben soll. Erst am vergangenen Wochenende hatte sein Außenminister Seiji Maehara sein Amt niederlegen müssen, weil er unerlaubter Weise 50.000 Yen (438 Euro) von einem südkoreanischen Unterstützer angenommen hatte. Der Regierungschef dürfte nun versuchen, den nationalen Schulterschluss bei der Krisenbewältigung auch politisch zu nutzen. „Es ist unsere Mission, das Leben und den Wohlstand der Menschen zu schützen und ich werde nichts unversucht lassen“, erklärte er am Samstag nach einem Helikopterflug über das Katastrophengebiet.

Bernhard Bartsch | 12. März 2011 um 16:39 Uhr

 

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