Bernhard Bartsch

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IWF warnt vor Chinas Kreditblase

Der Internationale Währungsfonds sieht Risiken im chinesischen Finanzsystem und fordert Reformen. Ein prominenter Ökonom fürchtet, dass es dafür schon zu spät ist.

China gilt vielen als wirtschaftlicher Stabilitätsanker in turbulenten Zeiten. Doch ein neuer Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) warnt vor übertriebenen Erwartungen an die chinesische Krisenresistenz. Der zweitgrößten Wirtschaftsmacht drohe eine Kreditblase, auf die seine Banken schlecht vorbereitet seien, warnt das 130-seitige Gutachten.

Zwar attestiert der IWF China „bemerkenswerte Fortschritte“ auf dem Weg zu einem marktwirtschaftlicheren und solideren Finanzsystem. Doch bei der Frage, ob die Reformen schnell genug vorangehen, um den wachsenden Gefahren vorzubeugen, sind die Experten skeptisch. „Trotz der aktuellen Reformen und der finanziellen Stärke, steht China vor einer stetigen Ausweitung von Gefahren für den Finanzsektor“, urteilen die IWF-Ökonomen.

Vor allem vier Risiken machen ihnen Sorge. Erstens ist die Kreditvergabe im Zuge der Finanzkrise stark ausgeweitet worden. Das hat zwar die Konjunktur am Laufen gehalten, doch ein großer Teil des Geldes ist in unprofitable Projekte geflossen und muss von den Banken abgeschrieben werden. Zweitens wuchert in China der inoffizielle Finanzsektor.

Schattenbanken verleihen Geld zu Wucherzinsen von bis zu 100 Prozent und unterwandern so die Versuche der Regierung, ihre Märkte effektiv zu regulieren. Drittens schießen die Immobilienpreise in die Höhe, und viertens führt Chinas gegenwärtiges Wachstumsmodell zu wachsender Ungleichheit. Zwar drohe kein unmittelbarer Kollaps. Gegen Schocks auf den Kredit-, Immobilien- und Devisenmärkten seien die Geschäftsbanken gewappnet. Doch sollte es an mehreren Fronten zu Problemen kommen, wäre das Finanzsystem den Belastungen nicht mehr gewachsen.

Um die Risiken einzudämmen brauche China grundlegende Reformen, so der IWF. Vor allem bräuchten die Finanzmärkte eine größere Unabhängigkeit von der chinesischen Regierung – eine Empfehlung, mit der man sich in Peking schwer tun wird. Zuletzt haben die Ministerien in vielen Branchen ihren Einfluss auf die Wirtschaft wieder ausgedehnt. Auf größere Zustimmung dürfte dagegen der Hinweis stoßen, China müsse seine Abhängigkeit von der Exportwirtschaft überwinden und die Binnennachfrage stärker fördern. Dies ist seit Jahren das erklärte Ziel der Pekinger Regierung, ihre Erfolge sind bisher allerdings mäßig.

Während der IWF Peking nach Kräften das Vertrauen ausspricht, äußerte einer der prominentesten Ökonomen des Landes kürzlich die Befürchtung, dass die Volksrepublik sich wirtschaftlich in eine Sackgasse manövriert habe, auf der es nur durch einen schmerzhaften Korrekturprozess wieder herauskomme. In einem auf YouTube veröffentlichten Tonmitschnitt eines Vortrags in der nordostchinesischen Stadt Shenyang erklärt Larry Lang, Professor an der Chinese University of Hongkong und Moderator einer populären Fernsehsendung, in jeder chinesischen Provinz gebe es dramatische Parallelen zu Griechenland.

Die addierten Schulden von Regierungen und staatseigenen Betrieben hätten die astronomische Summer von umgerechnet 5,68 Billionen Dollar erreicht und damit fast die Marke von hundert Prozent des BIP. Die damit verbundene Zinslast sei bedrohlich. In der chinesischen Wirtschaft herrschten Überkapazitäten von rund 30 Prozent, und der Immobilienboom mache rund 70 Prozent des BIP aus. Beides müsse über kurz oder lang zu einem scharfen Konjunktureinbruch führen. Außerdem sei die Inflationsrate weitaus höher als die offiziellen sechs Prozent, sondern bewege sich eher in der Größenordnung von 16 Prozent.

Bernhard Bartsch | 16. November 2011 um 02:59 Uhr

 

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