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Insel des Unmuts

Wie ein umstrittener US-Stützpunkt Japans Regierung zu Fall brachte.

Den USA gilt sie als “unsinkbarer Flugzeugträger”, aber für Japans Premier Yukio Hatoyama bedeutete sie den Untergang: Die kleine Insel Okinawa ist zum Schauplatz eines politischen Machtkampfes geworden. Weil Hatoyama sein Wahlkampfversprechen nicht halten konnte, einen umstrittenen US-Luftwaffenstützpunkt von der Insel – und am besten ganz aus Japans – zu verbannen, musste er zurücktreten. Dabei hatte er mit seiner Demokratischen Partei (DPJ) erst im August das 54-jährige Herrschaftsmonopol der Liberaldemokraten (LDP) gebrochen und als “japanischer Kennedy” einen Systemwechsel starten wollen. Doch der Fall Okinawa zeigt, wie kurzlebig politischer Erfolg in Japan ist, wie wenig Spielraum das System seinen Akteuren lässt und wie schwer sich die ehemalige Opposition damit tut, ihren Idealen auch als Regierung treu zu bleiben.

Das Politikum Okinawa geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Der Verlust der strategisch günstig gelegenen Inselgruppe an die US-Truppen war damals eine Vorentscheidung für Japans Kriegsniederlage, die viele bis heute als schmählich empfinden. Die Amerikaner bauten Okinawa zu einem ihrer Hauptstützpunkt im pazifischen Raum aus, und gaben die zivile Verwaltung er 1972 an die Japaner zurück – nicht ohne sich zuvor ein langfristiges Bleiberecht zusichern zu lassen. Bis heute sind rund 27.000 US-Soldaten in Okinawa stationiert.

Ihre Präsenz bescherte der lokalen Bevölkerung einen schnellen Wirtschaftsaufschwung, doch immer wieder kam es zu Konflikten, insbesondere um den Luftwaffenstützpunkt Futenma, der mitten in der Stadt Ginowan liegt und für die Bewohner eine hohe Lärmbelästigung darstellt. Als 1995 zwei in Futenma stationierte US-Soldaten ein 12-jähriges Mädchen vergewaltigten, wurde aus Unmut offener Protest, der sich nur verschärfte, als einige Jahre später ein Helikopter in eine Schule stürzte. Tokio sah sich gezwungen, mit Washington über eine Verlegung von Futenma zu verhandeln, doch obwohl man sich darauf einigte, die Fliegerbasis mit ihren 4000 Soldaten an einen anderen Ort auf der Insel umzuziehen, wurden die Pläne nie verwirklicht. Für die Opposition ein gefundenes Fressen: Die DPJ verlangte, die Interessen des Volkes vor die Bündnistreue zu den USA zu stellen und versprach, nach einem Wahlsieg Futenma gleich ganz von der Insel zu verbannen.

Doch was populistisch ein großer Wurf war, wurde zum Bumerang. Als Hatoyama nach seinem Wahlsieg im vergangenen Herbst im Pentagon vorstellig wurde, erhielt er eine rüde Abfuhr. Verteidigungsminister Robert Gates erklärte das Thema zum Testfall der Bündnistreue. So konnte Hatoyama seinem Volk schließlich nicht mehr als eine Entschuldigung und eine möglichst umweltfreundliche Umzugslösung anbieten. Auf Okinawa fühlte man sich betrogen, und auch der Rest der Japaner stimmte in den Unmut über Hatoyamas vollmundige Versprechungen ein. Dabei gibt es sonst in Japan nur wenig Solidarität mit der Stützpunktinsel: Das Eiland, das nur 0,6 Prozent der Landesfläche ausmacht, muss 75 Prozent des Geländes stellen, das Tokio den USA für Militärbasen und Manöverplätze zugesteht. Auf die Bitten der DPJ an andere Lokalregierungen, Okinawa zu entlasten, hat bisher keine japanische Präfektur reagiert. Das unliebsame Thema bleibt Hatoyamas Nachfolger Naoto Kan damit erhalten.

Bernhard Bartsch | 03. Juni 2010 um 07:18 Uhr

 

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