Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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In den Schwanz gebissen

Chinas Blogger organisieren Schuh-Attacke auf den Vater der chinesischen Internetzensur. Die öffentlichkeitswirksame Aktion ist auch eine Homage an Ai Weiwei.

Der Schuh traf Fang Binxing aus heiterem Himmel. Ein zweiter flog daneben, mehrere Eier zerplatzten zu seinen Füßen. Die Schrecksekunde, die der Informatikprofessor und seine Entourage benötigten, um die Situation zu erfassen, reichte dem Schuhschützen, um barfuß zu flüchten und im Wegrennen mit seinem Handy sogar noch ein Foto vom Ort des Geschehens zu machen. „Ich habe Fang getroffen“, jubilierte der Student wenig später per Twitter. „Es war nicht schwierig, ihn zu bewerfen, aber nicht ganz einfach, ihn richtig gut zu treffen.“

Die Attacke, die sich am Donnerstagnachmittag auf dem Campus der zentralchinesischen Wuhan Universität ereignete, ist aktuell eines der heißest diskutierten Themen im chinesischen Internet. Denn das Opfer zählt für Chinas regimekritische Onlinegemeinde zu den größten Hassfiguren: Fang Binxing, Dekan der Pekinger Universität für Post und Telekommunikation, ist der Chefarchitekt der sogenannten „Great Firewall“, Chinas aufwändiger Internetzensur, die es der Kommunistischen Partei ermöglicht, tausende Webseiten zu blockieren, das Netz nahezu in Echtzeit auf politisch sensible Inhalte zu durchforsten und deren Urheber zu identifizieren. Pekings Big-Brother-Maschine die Grenzen ihrer Kontrollmöglichkeiten vor Augen zu führen, ist für Chinas Internetfreigeister ein beliebter Sport, und selten haben sie so geglänzt wie am Donnerstag.

Geplant wurde die Attacke per Twitter. Zwar ist der Mikroblogdienst in der Volksrepublik blockiert, aber da internetgewandte Chinesen die große Firewall mit Umgehungssoftware überspringen können, hat sich Twitter zu einem Forum offener Regimekritik entwickelt. Am Mittwoch brachte ein Hongkonger Blogger die Nachricht in Umlauf, dass Fang am folgenden Tag einen Vortrag in Wuhan halten werde und rief scherzhaft dazu auf, in dort mit Schuhen, Tomaten, Eiern oder Pferdeäpfeln zu bewerfen. Aus dem Spaß wurde Ernst, als andere Twitterbenutzer begannen, Preise für einen Treffer auszuloben. „Wer sich das traut, bekommt von mir ein iPad2“, schrieb einer, ein anderer versprach ein Wochenende in einem teuren Wellnesshotel. Im Lauf weniger Stunden gingen über 50 Angebote ein, darunter Reisen nach Shanghai, Singapur und Kalifornien, aber auch Bordellbesuche und Pornofilme, ein augenzwinkernder Verweis auf die in China allgemein gesperrten Sexseiten.

Dennoch hatte wohl kaum einer gedacht, dass tatsächlich jemand die Preise gewinnen würde. Über den Gewinner ist bisher nur sein Twitter-Pseudonym bekannt: @hanunyi. Angeblich handelt es sich um einen Studenten an einer anderen technischen Hochschule in Wuhan. Als Twitterbild benutzt er ein Foto des inhaftierten Künstlers und regimekritischen Bloggers Ai Weiwei. „Wenn ihr Ai Weiwei nicht freilasst, verhaftet mich auch“, schreibt @hanunyi in seiner Selbstbeschreibung. Seine Aktion wäre sicher nach Ais Geschmack gewesen, der Chinas Zensoren in den vergangenen Jahren selbst immer wieder bloßgestellt hatte. Die Preisgeber versicherten am Donnerstag prompt, dass sie ihre Versprechen einhalten würden, andere boten @hanunyi sogar weitere Belohnungen an, darunter eine Luxuswohnung in Shanghai, in der er sich drei Monate lang verstecken könnte. Zwar hat die Polizei eine Suche nach dem Angreifer eingeleitet, doch bisher hat sie @hanunyi offenbar nicht gefunden.

Nicht nur via Twitter verbreitete sich die Nachricht von dem erfolgreichen Protestakt, sondern auch in innerchinesischen Mikroblogforen, sogenannten Weibo – und zwar schneller, als die Zensursoftware dies verhindern konnte. Um zu verhindern, dass zu viele Chinesen von dem Schuhwurf erfahren, musste die Cyberpolizei schließlich Fang Binxings Name selbst zum „sensiblen Wort“ erklären, wodurch Suchanfragen nach seiner Person auf allen großen Foren blockiert wurden. „Der Hund beißt sich in den Schwanz“, feixte der Blogger Isaac Mao, ein anderer kommentierte: „Das ist doch geradezu poetisch: Der Blockierer ist blockiert.“ Fang selbst soll sich bei der Universitätsleitung in Wuhan beschwert haben, dass keine Sicherheitsvorkehrungen für ihn getroffen worden seien, schließlich hätten die Angriffspläne ja bereits Stunden vorher in Twitter kursiert. „Aber auf Twitter haben wir doch gar keinen Zugriff“, rechtfertigten sich angeblich die Professoren.

Der öffentliche Spott dürfte Fang nicht egal sein. Schließlich hat sich der 50-Jährige stets gerne als Schützer der chinesischen Stabilität inszeniert. „Internetaktivisten aus dem Ausland versuchen mehr denn je, das Internet zu benutzen, um politisches Chaos nach China zu bringen“, sagte er kürzlich vor Informatikstudenten. „Wenn unser Land nicht enden soll wie Libyen oder Irak, muss es eine starke Verteidigung haben. Ich hoffe, euer Patriotismus ist stark genug, dass ihre euren Einfluss benutzt, euch für die Würde und den Wohlstand unseres Heimatlandes einzusetzen.“

An diesem Samstag will Fang erneut vor Studenten sprechen, diesmal an der Universität Chengdu. Per Twitter sind bereits neue Preise ausgelobt worden. „ Fang Binxing sollte auf eine Vortragstour durch ganz China gehen“, wünschte sich ein Blogger. „Wir erwarten ihn.“

Bernhard Bartsch | 21. Mai 2011 um 02:36 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. @baiwuya

    22. Mai 2011 um 12:52

    Ist dieser Artikel warscheinlich der einzigartige Bricht über den Groß-Schuh-Attacke auf Deutsch?

    Und dieser Bricht ist viel besser als die Brichte auf Chinesisch und English. Nämlich zeigt der den ganzen Prozess der Mobilisierung auf Twitter.

    Und man weiß schon, vielen Konrespondenten in China besucht nicht die Webseite Twitter, Sie haben gar keine Fähigkeit, direkt nützliche Informaitonen aus der chinesischen Twitter-Benuzer-Gruppe(推特中文圈) zu sammeln.

    Dieser Bricht ist einbißchen spät, aber gut.
    —— Kommentar aus China