Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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In Chinas Goldgrube

Mao in GoldKein Land fördert mehr Gold als China. Doch auch in der Volksrepublik bekommen die Goldgräber vom Reichtum nur wenig ab. Ein Besuch in der Minenstadt Zhaoyuan.

Wenn Feng Jinmin seine Visitenkarte verteilt, erntet er ein bewunderndes Nicken. «Die Leute zeigen auf meinen Vornamen und sagen, meine Eltern hätten wohl gewusst, was aus mir werden würde», erzählt der 43-Jährige und schiebt schnell die Anekdote nach, dass ihm sein Vater den vor­gezeichneten Weg hatte verbieten wollen, weil er sich um seine Gesundheit sorgte. «Aber was soll einer mit meinem Namen anderes tun, als in einer Goldmine zu arbeiten?» sagt Feng Jinmin und lacht. «Jin» heisst Gold, «min» klug.

Die Kombination war gut gewählt: Fünfundzwanzig Jahre nachdem Feng Jinmin zum ersten Mal mit einem grossen Vorschlaghammer ausgerüstet in die ostchinesische Jinchilin-Mine einfuhr, um aus 400 Metern Tiefe Erzbrocken an die Oberfläche zu befördern, sitzt er in einem schweren Ledersessel hinter seinem Schreibtisch, auf dem ein Messingschild ihn als Produktionsleiter ausweist. Die blaue Arbeitskleidung mit dem Logo der Zhaojin-Gruppe, eines der grössten chinesischen Goldkonzerne, trägt er allerdings noch immer, und seine Frisur zeigt den Abdruck des gelben Schutz­helmes, mit dem Feng mehrmals am Tag seine Runde über das Gelände macht.

Vom Glanz und Glamour des Edelmetalls, von dem in keinem Land mehr abgebaut wird als in China, ist nichts zu sehen. «Gold ist ein dreckiges Geschäft», sagt einer von Fengs Begleitern, während er auf dem Weg über das Gelände den Schlammspritzern der schweren Lastwagen ausweicht. Der Kalauer spielt auf ein chinesisches Sprichwort an: «Gold und Silber leben mit Dreck zusammen, bis die Habgier sie trennt.» Am Ende der Strasse führt eine schmale Treppe zu einem altmodischen Förderturm, der an ächzenden Ketten alle paar Minuten eine verbeulte Lore mit groben Felsbrocken hinaufzieht. Aus jeder dieser Tonnenfuhren Gestein lässt sich nur gerade genug Gold für einen kleinen Ohrring gewinnen.

feng_jinmin«Das Erz in unserer Gegend enthält 4 Gramm Gold pro Tonne», erklärt Feng und betrachtet die Bruchstellen des Gesteins, wo sich an manchen Stellen ein feines Glimmern erkennen lässt. Dann zeigt er vom Hügel über den Komplex mit seinen Dutzenden Hallen und rauchenden Schornsteinen. «Dort machen wir aus den Steinen Gold», sagt er. Wie das genau vor sich geht, will er aber nicht im Detail zeigen. «Das ist unser Betriebsgeheimnis.» Allerdings dürfte es sich eher um ein schmutziges Geheimnis als um ein verstecktes Hightech-Wunder handeln.

Der Energieaufwand und die Umweltverschmutzung bei der Gewinnung könnten einem die Freude am Gold gründlich verderben: In riesigen Walzen werden die Felsen zertrümmert und von Stahlkugeln zermahlen. Das Pulver landet in grossen Sedimentbecken und durchläuft mehrere Chemikalienbäder, bis ein schwarz schimmernder Matsch entsteht, den Feng Goldschlamm nennt. «Da ist der Metallgehalt dann immerhin schon bei 60 Gramm pro Tonne», sagt er. Nach weiteren physikalischen und chemischen Trennungsverfahren gelangt das immer konzentriertere Gemisch schliesslich zu einem kleinen Hochofen, in dem es aufgeschmolzen wird und das Gold sich endlich von seiner schnöden Trägersubstanz löst. Rund 1000 Tonnen Gestein machen täglich diesen Weg und hinterlassen am Ende auf einen 250 000stel reduziert einen Barren von der Grösse eines Taschenbuchs.

Feng braucht nur über die flache Landschaft zu blicken, um auf dem Weg zum Horizont ein knappes Dutzend weiterer Fördertürme zu sehen, aus denen täglich ähnliche Goldmengen ans Tageslicht befördert werden. Nicht umsonst nennt sich die Stadt Zhaoyuan, an deren Rand Fengs Jinchilin-Mine liegt, die Goldhauptstadt Chinas. Mit seinen 580 000 Einwohnern gilt der Ort in der Küstenprovinz Shandong nach chinesischen Vorstellungen als Kleinstadt, doch wenn es um Gold geht, ist er eine Weltmetropole. 66 Goldminen operieren hier und fräsen sich durch Gestein, in dem geschätzte 300 Tonnen Gold lagern. Und viele Goldvorräte sind noch unberührt. «Wir haben hier noch mindestens 1000 Tonnen Gold, mit deren Abbau wir noch gar nicht begonnen haben», heisst es in der Stadtverwaltung.

1000 Tonnen, das entspricht einem Siebtel der nachgewiesenen chinesischen Goldreserven. Und China macht alle Anstalten, seinen Edelmetallvorräten zu Leibe zu rücken. Weltweit hat sich der Abbau von Gold in den vergangenen Jahren rapide beschleunigt, doch kein Land hat dabei ein höheres Tempo vorgelegt als die Volksrepublik. 2007 überholte sie Südafrika als grösstes Goldförderland der Welt. Fast 300 Tonnen Gold wurden vergangenes Jahr in China aus der Tiefe geholt, das entspricht einem Marktanteil von knapp zehn Prozent, schätzt der staatliche Goldminenverband – eine gewaltige Menge, wenn man bedenkt, dass in der Geschichte der Menschheit nur gerade gut 160 000 Tonnen Gold gefördert wurden, was knapp dem Volumen von zwei olympischen Schwimmbecken entspricht.

Chinas Goldhunger kommt nicht von ungefähr. Wie viele Völker legen auch die Chinesen ihr Geld mit Vorliebe in der härtesten aller Währungen an. Der Wirtschaftsboom der vergangenen drei Jahrzehnte wirkte dabei wie ein Konjunkturprogramm für die Goldbranche. Gut hundert Millionen Chinesen zählen heute zur Mittelschicht. Sie versuchen ihren neuen Wohlstand mit Gold abzusichern. Die niedrigen Löhne erlauben den Chinesen, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Kosten für aufwendig verarbeiteten Schmuck liegen nur wenig über dem Goldpreis. Wo vor kurzem noch Mangelwirtschaft herrschte, konkurrieren nun Juweliere um Kundschaft – mit spektakulären Ausstellungsstücken von massivgoldenen Kloschüsseln bis zu Statuen von Mao Zedong.

«Gold lässt sich mit Feuer überprüfen und ein Mensch mit Gold», lautet eine alte chinesische Weisheit, und wenn sie stimmt, dann sind die Menschen in Zhaoyuan dem Edelmetall hoffnungslos verfallen. Seit je gibt «Jin» der ostchinesischen Stadt ihre Identität. Schon vor 4000 Jahren fanden Bauern in der Gegend glitzernde Felsbrocken, die ­wegen ihrer Grösse den Namen «Hundekopfgold» bekamen und bis heute als repräsentativer Zimmerschmuck aufgestellt werden. Die prächtigsten Exemplare hätten eher die Bezeichnung Drachenhaupt verdient, bringen sie doch über eine Tonne auf die Waage. Zur Zeit des chinesischen Kaiserreichs wurde von Zhaoyuan aus der Hof beliefert. Das Gold, aus dem die imperialen Siegel gefertigt wurden, stammte ebenso aus der Region wie das Edelmetall für den Thron des Himmelssohnes.

Wie alle Mächtigen der Welt machten auch Chinas Herrscher grosszügigen Gebrauch von goldhaltigen Metaphern: «Goldhalle» hiess der Audienzsaal in Pekings Verbotener Stadt, in dem der Kaiser seine Beamten empfing, und was er zu ihnen sprach, bezeichnete man als «Jadewörter aus dem Goldmund». Nach ihrem Tod wurden die Herrscher in Goldgewänder gehüllt, um im Jenseits vor dunklen Mächten beschützt zu sein, so wie sie zum Schutz vor bösen Geistern schon nach der Geburt mit Goldschmuck behängt worden waren. Heute bedienen sich wohlhabende Chinesen des gleichen Aberglaubens, um ihre Neugeborenen standesgemäss in die Welt einzuführen.

In den Strassen von Zhaoyuan lässt sich all das nur erahnen. Die Stadt gleicht den unzähligen chinesischen Boomstädten aus der zweiten und dritten Reihe, in denen zwar ein gewisser Wohlstand vorhanden ist, aber weder Geschmack noch Konzepte, um aus Geld Lebensqualität zu machen. Die Gebäude sind gross und schmucklos, in den ungeheizten Restaurants sitzen die Menschen im Winter im Mantel, erste Ableger amerikanischer Fastfoodketten gelten noch als modern. Aber entlang den Strassen findet sich kaum ein Geschäftsschild, auf dem nicht das chinesische Schriftzeichen für Gold prangt.

Zhaoyuans Flüsschen heisst «Goldquellenstrom», die ­Hotels «Goldmeer», «Goldpagode» oder «Golddrachen». Restaurants und Karaoke-Salons tragen ähnliche Namen und verzichten untereinander auf Urheberrechtsdispute, weil ohnehin niemand mehr nachvollziehen kann, wer ­eigentlich der erste war, der sich den Schriftzug «Gold­phönix», «Goldpalast» oder «Goldgipfel» über die Tür gehängt hat. Auch Strassenkioske, Autowerkstätten und Coiffeursalons versuchen durch ihren Namen ein wenig vom Goldglanz abzubekommen und heissen «Goldpresse», «Goldreparaturen» oder «Goldhaar». Selbst die Zugverbindung in die Hauptstadt hat offiziell die Genehmigung, sich «Goldexpress» zu nennen.

Arbeiter Jinchilin-MineGold ist die dominierende Industrie am Ort. Neben den 66 Minenunternehmen gibt es 98 Fabriken, in denen den grossen Erzbrocken Schritt für Schritt ihr wertvoller Inhalt entzogen wird, bis am Ende Gold mit einem Reinheitsgrad von bis zu 99,99 Prozent entsteht. Weitere 50 Unternehmen stellen dafür die Maschinen her, von den riesigen Crush­ern, in denen das grobe Steinmaterial in kleinere Brocken zermalmt und schliesslich zu einem feinen Pulver gemahlen wird, über die chemischen Anlagen, die schrittweise die feinen Goldpartikeln vom Gesteinsstaub trennen, bis zu den feinen Instrumenten, mit denen sich Zhaoyuans Juweliere über das Edelmetall hermachen. Fünf Betriebe sind damit beschäftigt, Rohgold in Schmuck, Vitrinenfiguren oder verzierte Barren zu verwandeln. Darüber hinaus gibt es eine Goldbörse, mehrere Grossmärkte und zwei geologische Institute, die die Erschliessung neuer Vorkommen vorantreiben.

Einmal im Jahr findet in Zhaoyuan eine der weltweit grössten Goldmessen statt, und natürlich gibt es auch eine Tourismusindustrie, die im Sommer mit Bergmannsspektakeln und Grubengeistfesten die neureiche Klientel der nahen Stranddomizile nach Zhaoyuan zu locken versucht. Es gibt ein Minenmuseum, Schnaps mit Blattgold und Automaten, an denen man sich selbst eine vergoldete Er­innerungsmünze pressen kann. Gesichert wird all das von einer besonderen Abteilung der lokalen Polizei, der «Einsatzgruppe Gold».

So sehr Zhaoyuan sich bemüht, sein Goldgeschäft in Szene zu setzen, so zurückhaltend ist die Stadt allerdings, wenn es darum geht, den Umfang der Industrie in Zahlen zu fassen. 4 Milliarden Yuan, rund 680 Millionen Franken, würden jährlich mit Gold umgesetzt, heisst es in der Stadtverwaltung. Doch selbst die Beamten gestehen ein, dass die Angaben kaum stimmen können. Der Grund ist offensichtlich: Zhaoyuan hat kein Interesse, seinen Reichtum mit anderen Städten oder der Provinzregierung zu teilen, weshalb ein Grossteil des Geschäfts nicht über die offiziellen Bücher läuft.

Kaum ein Thema diskutieren die Bürger der Stadt deshalb angeregter als die Frage: Wo bleibt der Reichtum? Theorien gibt es viele, doch Genaues wissen wohl nur diejenigen, die aus gutem Grund schweigen. «Einige Leute sagten, dass die Minen an ihre Manager verpachtet seien, die eine kleine Benutzungsgebühr bezahlten und sich den Rest mit den Kadern teilten», sagt ein alter Zhaoyuaner. «Dabei sollte in einer Volksrepublik doch eigentlich alles dem Volk gehören!»

Mit dem Volk und dem Gold ist es so eine Sache. Seit je wird um den Reichtum unter der Erde gekämpft. Wer sich nicht mit Waffen, Dekreten oder Geld Anrechte auf Vorkommen sichern kann, kann nur davon träumen, dass auch ihm einmal eine der berühmten Goldsuchergeschichten widerfährt: das grosse Nugget, das nach jahrelangem Schlammwaschen im Fluss plötzlich im Sieb liegt, oder der glitzernde Klumpen, der den Bauern beim Pflügen unvermittelt aus der Ackerfurche anstrahlt.

Die Wahrheit kann mit diesen Legenden nicht mithalten. Zwar liegen die erzhaltigen Gesteinsschichten in einigen Gegenden der Erde so dicht unter der Oberfläche, dass man dort direkt auf Gold stossen oder im Tagebau danach graben kann. Doch in der Regel hält unser Planet seinen Schatz tiefer verborgen und verlangt gewaltige Erschliessungsinvestitionen. In einigen der fortschrittlichsten Minen der Welt, in Südafrika zum Beispiel, gehen die Schächte zum Teil mehrere Kilometer weit in die Tiefe. In China hat bisher keine Mine die Kilometergrenze erreicht, sagt Feng Jinmin. «Dafür fehlt es uns noch an Technologie.» Zwar hat es in der Volksrepublik China eine Reihe von internationalen Kooperationen gegeben. Doch die Regierung ist misstrauisch, wenn es darum geht, Ausländer an Chinas Ressourcen zu lassen. So sind die meisten Minen fest und ­allein in der Hand von Staatsbetrieben.

Das entspricht zwar sozialistischer Tradition. Doch in Wirklichkeit ist die pro forma kommunistische Volksrepublik dem gnadenlosen Kapitalismus näher als dem marxistischen Ideal der klassenlosen Gesellschaft. In Zhaoyuans Minen gehören nicht nur Betreiber und Arbeiter zu unterschiedlichen Welten, auch unter den Kumpeln herrscht eine klare Zweiklassengesellschaft: Wer zur Stammbelegschaft der Staatsbetriebe gehört, kann vom Reichtum der Mine etwas abbekommen. Wer als Auswärtiger angeheuert ist, wird als Verschleisskumpel eingesetzt, solange er fit und arbeitswillig ist, und abgestossen, sobald seine Gesundheit oder Belastbarkeit nachlassen.

Guo ZongGuo Zong und seine Familie gehören zu den Glücklichen. Der 66-Jährige wurde mit Anfang zwanzig im Rahmen von Mao Zedongs landesweiten Massenumsiedlungen von seinem armen Heimatdorf in der Provinz Hebei nach Zhao­yuan in die Linglong-Mine geschickt. «Als Bergwerksarbeiter genoss man damals eine Menge Privilegien», erzählt er. «Das Ansehen war besser, und auch die Versorgung.» So gab es für die Kumpel besseres Essen und grössere Wohnungen als für die meisten anderen Chinesen, und gelegentlich durfte Guo in einem staatlichen Erholungsheim Ferien machen. Zehn Jahre arbeitete Guo in der Mine. Später bekam er einen oberirdischen Job zugewiesen. «Ich hatte Lungenprobleme wie viele Kumpel», sagt Guo, «aber ich wurde im Betriebskrankenhaus gut versorgt, so dass die Krankheit nicht schlimmer geworden ist.»

Mit 45 wurde Guo in den Ruhestand geschickt. Er ist als altgedienter Arbeiter aber noch immer Teil des Betriebs. Als die Mine vor einigen Jahren neue Wohnblocks baute, gehörte Guo zu den ersten, die dort einziehen durften. Mit der Familie seines Sohnes teilt er sich eine Drei-Zimmer-Wohnung, die allen chinesischen Vorstellungen von einem «kleinen Wohlstand» entspricht: Im Wohnzimmer stehen auf einer Anrichte ein grosser Fernseher und ein DVD-Spieler, darüber ein Bild mit einer holländischen Tulpenlandschaft, in dessen Ecke Guo einen Hundert-Yuan-Schein geklemmt hat.

Die Küche dominiert eine grosse Tiefkühltruhe, in der Guo kiloweise Fisch aufbewahrt, den er gerne isst, aber sich nur selten zubereitet, weil er lieber in die Kantine geht. «Dort treffe ich meine alten Freunde, und wir spielen zusammen Poker oder Mah-Jongg.» Alle paar Jahre fährt er zurück in sein Heimatdorf, doch abgesehen von seinen Verwandten hat er das Leben dort nie vermisst. «In Zhao­yuan hat meine Familie am Fortschritt teilhaben können», sagt er. «Dafür beneiden uns die Menschen im Dorf.»

Wenige Häuser von Guos Wohnblock entfernt sieht die ­Situation ganz anders aus: Hier leben die angeheuerten Teilzeitkräfte, sogenannte Nongmingong, wörtlich «Bauern­arbeiter». In den engen Gängen herrscht ein strenger Geruch nach Essen, Schweiss und dreckiger Wäsche. Über den Treppengeländern hängt Grubenkleidung zum Trocknen. «Es gibt schlimmere Wohnheime», sagt einer der Bewohner grinsend und stösst die Tür zu seinem Zimmer auf, einem 14-Quadratmeter-Raum, den er mit vier Kollegen teilt. An der Wand steht ein Holzgestell, auf dem die fünf Männer nebeneinander ihre Decken ausgerollt haben. Der Rest des Raumes ist vollgestellt mit Kochgeschirr, Essensvorräten, vollen und leeren Bierflaschen. Von ein paar Leinen unter der Decke hängt tropfende Wäsche.

Arbeiter Yingezhuang-MineDie fünf waren schon Freunde, bevor sie Kumpel waren, sie kommen alle aus dem gleichen Dorf, wo sie ein Arbeitsvermittler angeheuert und nach Zhaoyuan mitgenommen hat. «Wir sind nicht bei der Mine angestellt, sondern beim Vermittler», sagt einer der Männer. «Deswegen sind unsere Bedingungen viel schlechter als die der festen Arbeiter.» Rund 3000 Yuan, etwa 510 Franken, erhalten sie im Monat. Wie viel ihr Vermittler vom Minenmanagement für ihre Arbeit erhält, wissen sie nicht. «Dafür, dass wir unsere Gesundheit ruinieren und er in einem gemütlichen Büro sitzt, ist es auf jeden Fall zu viel», lautet der gängige Spott. Einen Vertrag haben sie ebenso wenig wie eine Kranken- oder Unfallversicherung. «Wenn einer sich ein Bein bricht, kann er nach Hause gehen und froh sein, wenn er von ­seinem Lohn noch einen Teil bekommt», sagt einer der Männer.

Die Tage unter Tage sind hart. Wie die meisten chinesischen Minen hat auch das Linglong-Bergwerk von den Fortschritten der Fördertechnik nur einen kleinen Teil abbekommen. Während in den modernsten Gruben der Welt unterirdisch Lastwagen, Frontlader und Bagger durch die Schächte fahren, ist der Abbau in China noch grösstenteils Handarbeit. «Meistens sind wir in Trupps von fünf oder sechs eingeteilt», sagt einer der Arbeiter. «Wenn wir unten ankommen, müssen wir einen Fussmarsch von einem Kilometer machen, bevor wir am Ende des Stollens sind.» Dort bohren sie mit Presslufthämmern Löcher ins Gestein, bestücken sie mit Dynamit und ziehen ein Zündkabel bis zum Ende des Tunnels.

Der schwerste Teil der Arbeit kommt nach der Explosion, wenn das gelockerte Gestein in Stücke zerschlagen und von Hand auf die Loren geladen werden muss. Als Pausenverpflegung haben die Arbeiter Plastictüten mit gedämpften Klössen und eingeschweissten Würstchen dabei. Bezahlt werden sie nach Leistung: Für eine Achtstundenschicht gibt es rund 100 Yuan, 17 Franken, plus Zuschläge, wenn ein Trupp besonders viel Gestein am Lift abliefert. Ein Wochenende gibt es nicht – frei haben die Arbeiter nur am chinesischen Neujahrsfest.

Trotzdem ist der Minenjob für sie eine der besten Arbeitsmöglichkeiten, denn mehr als einen einfachen Schulabschluss hat keiner von ihnen, und ein Berufsschulsystem, in dem sie ein Handwerk erlernen könnten, existiert in China nicht. Besser verdienen könnten sie nur noch in einer Kohlemine, denn die Gehälter für Minenarbeiter steigen mit der Gefährlichkeit ihrer Arbeit. Grubenunglücke gelten seit langem als Indikator für die häufig miserablen chinesischen Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards. 2008 starben nach offiziellen Angaben über 3200 Kumpel unter Tag, die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen. Obwohl vergangenes Jahr über 1000 gefährliche Minen geschlossen wurden, geht die Regierung davon aus, dass 80 Prozent der insgesamt 16 000 Gruben illegal betrieben werden – Korruption macht’s möglich.

In Goldgruben wurden in den vergangenen Jahren keine Todesfälle bekannt, und die Gefahr gilt allgemein als geringer, weil das Gestein, in das die Stollen getrieben werden, stabiler und nicht brennbar ist. In Kohlegruben besteht stets das Risiko, dass sich Grubengas entzündet oder Kohlestaub durch Hitze in Brand gerät. «Ich bin seit drei Jahren in Zhaoyuan und habe noch nie von einem tödlichen Unfall gehört», sagt ein Kumpel. Er ist sich allerdings auch sicher, dass die Minenchefs alles tun würden, um eine unterirdische Katastrophe vor der Öffentlichkeit zu verbergen. «Aber ein grösserer Unfall würde sich zumindest bei uns Minenarbeitern herumsprechen», glaubt er.

Trotzdem ist die Gesundheitsgefahr beträchtlich. Viele Goldkumpel leiden an Staublungen, im Fachjargon Silikose genannt. Die scharfen Mineralpartikeln führen in der Lunge zu winzigen Verletzungen, die knotenartig vernarben. Bemerkbar werden die Auswirkungen meist erst nach Jahren: Was als schleimiger Husten beginnt, wächst sich oft zu einer chronischen Bronchitis aus, die im schlimmsten Fall zum Tod durch Ersticken führt.

Zwar lässt sich das Einatmen von Staub durch Atemschutzgeräte minimieren, doch die meisten Minenbetreiber scheuen deren hohe Kosten und geben ihren Arbeitern stattdessen dünne Krankenhausmasken, die aber nur einen Teil der Partikelwelle stoppen, die mit jedem Atemzug in die Lunge gelangt. Gesprochen wird über das Problem nicht, so dass viele Kumpel sich der Gefahren nicht einmal bewusst sind und selbst ihre unzulänglichen Masken meist abnehmen, weil sich ohne leichter atmen lässt.

«Bei unseren Arbeitern gibt es keine Silikose», versichert zwar Feng Jinmin aus der Jinchilin-Mine, und auch die lokale Verwaltung gibt an, dass in Zhaoyuan keine Fälle von Staublungen bekannt seien. Dabei zeigen selbst chinesische Studien, wie gross die Gefahr ist: In einer Goldmine in Liuyang in der zentralchinesischen Provinz Hunan wurde bei 52 Prozent der Minenarbeiter Silikose diagnostiziert. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 35 Jahren. Auch in der Goldmine Dongfang auf der südchinesischen Insel Hainan wurde bei über 40 Prozent der Arbeiter eine Staublunge festgestellt, wobei einige erst sieben Monate im Bergwerk gearbeitet hatten. Zwar müssen auch die grossen Minen in Zhaoyuan mit staatlichen Kontrollen rechnen. Doch sie lösen das Problem auf ihre Weise. So berichten Arbeiter der Linglong-Mine, dass sie zwar einmal im Jahr zum Arzt geschickt werden, aber die Untersuchungsergebnisse selbst nie zu sehen bekommen. «Wenn jemand gesundheitliche Probleme hat, wird er nach Hause geschickt», wissen die Kumpel.

Die Gefahren seiner Gewinnung sieht man dem Endprodukt nicht an, und so ist Gold auch in China zu einem ­beliebten Investitionsgut geworden, das keine ethischen Bedenken weckt. In Zhaoyuans «Goldentwicklungszone», einem schmucklosen Industriegebiet aus weissen Fertigbauhallen, kommen einmal pro Woche die Grosshändler aus dem ganzen Land, um sich mit Gold einzudecken. «An normalen Tagen gehen bei uns 500 Kilogramm über den Ladentisch», sagt Liu Bo, stellvertretender Finanzchef von Zhaojins eigener Schmuckmarke Lujinjiang. «Vor Feier­tagen wie dem Frühlingsfest verkaufen wir bis zu 800 Kilogramm.»

Goldmatsch Jinchilin-MineDas Angebot umfasst alles, was man aus Gold herstellen kann, von Fingerringen, Ketten und Broschen bis hin zu kiloschweren Skulpturen. Beliebt sind Drachen, Buddhas und Kohlköpfe – ein chinesisches Symbol für langes Leben. Auch für goldene Nachbildungen von Comicfiguren und Pekings Olympiamaskottchen gibt es Kunden. Einige kaufen goldene Statuen von Mao Zedong. «Man kann uns auch ein Bild geben und eine Goldbüste seiner Frau herstellen lassen», sagt eine der Frauen, die an diesem Tag als Verkäuferin ­arbeitet und den Rest des Monats in einer Werkstatt als Goldschmiedin tätig ist. «Wir möchten, dass unsere Kunsthandwerker Kontakt mit den Kunden haben», erklärt Finanzchef Liu Bo. «So sehen sie direkt, was auf dem Markt gut ankommt.» Die Artikel, die sich am besten verkaufen, sind indessen die einfachsten: kleine Goldbarren mit einer kleinen Schmuckgravur. «Die gefallen unseren Beamten», sagt Liu mit einem Augenzwinkern, das dem Besucher zu verstehen gibt, dass hier die Vitrinen voller Bestechungsgeschenke stehen.

So stolz die Protagonisten des Edelmetallbergbaus auf ihr Gewerbe sind – als Traumjob bezeichnet die Arbeit keiner. Selbst Minenchef Feng Jinmin, dem seine Eltern einst den Beruf mit dem Namen in die Wiege legten, hofft, dass seine Kinder einmal nicht im Bergwerk arbeiten müssen. «Sie sollen studieren und einen guten Job in einer grossen Stadt finden», sagt er. Allerdings hofft er, dass sie viel Gold besitzen werden. Glänzen tut Gold nur, wenn es seine Herkunft weit hinter sich gelassen hat.

Erschienen in: NZZ Folio 04/2009 – Thema: Gold

Bernhard Bartsch | 10. April 2009 um 08:58 Uhr

 

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