Bernhard Bartsch

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Im Osten viel Neues

Auf der Autoshow in Peking scheuen deutsche Autobauer keine Kosten, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Was wäre die Autoindustrie ohne den Absatzmarkt China? Bei der Automesse in Peking scheuen die Hersteller deshalb keinen Aufwand, um ihr Engagement zum größten Automarkt der Welt zu demonstrieren. 36 Neuheiten präsentieren ausländische Marken bei der am Montag eröffneten Autoschau. Chinas Fachpresse verfolgt genau, welche Weltpremieren in der Volksrepublik stattfinden, denn die chinesischen Kunden wollen nicht länger das Gefühl haben, ihnen würde bevorzugt Technologie der letzten Generation verkauft.

Die größte Aufmerksamkeit zieht diesmal Daimler auf sich. Die Stuttgarter stellten ein gemeinsam mit ihrem chinesischen Jointventure-Partner BYD entwickeltes Elektroauto vor, das in China ab 2013 unter der Marke „Denza“ auf den Markt kommen soll. Das Fahrzeug soll mit einer Batterieladung bis zu 250 Kilometern fahren und an einer normalen Steckdose in fünf Stunden voll aufgeladen werden können, an einer Schnellladestation in einer Stunde. Daimler-Chef Dieter Zetsche verknüpfte die Präsentation des „Denza“ mit einem Bekenntnis zu Pekings ehrgeiziger E-Mobil-Strategie, derzufolge bis 2020 fünf Millionen Fahrzeuge mit alternativen Antrieben auf Chinas Straßen sein sollen. „Wir glauben, dass die Rahmenbedingungen für das Voranbringen der Elektromobilität in China besser sind als in anderen Ländern“, sagte Zetsche. Zu Absatzerwartungen für den „Denza“ wollte er sich nicht äußern, gestand allerdings ein, dass Elektromobile in der Volksrepublik bisher vorwiegend von staatlichen Fuhrparks gekauft würden, nicht von Privatkunden.

Zwar versichert man bei Daimler, dass die Entwicklung des „Denza“ aus eigener Initiative erfolgt sei. Doch hinter den Kulissen tauscht man sich in der Branche darüber aus, dass die chinesische Regierung ausländische Hersteller quasi zwingt, in China E-Autos zu entwickeln. Lizenzen für den Bau und Betrieb von neuen Werken sind nämlich an die Bedingung gekoppelt, in der Volksrepublik ein E-Auto auf den Markt zu bringen, bei dem die Patente für mindestens eine der drei Schlüsseltechnologien Batterie, Getriebe und Steuerung bei einem in China ansässigen Unternehmen liegen.

Da die deutschen Marken in der Volksrepublik alle weiterhin mit starkem Wachstum rechnen und ihre Produktionskapazitäten entsprechend ausweiten müssen, haben sie keine andere Wahl, als sich den Forderungen zu beugen. So arbeitet BMW mit seinem Partner Brilliance ebenso an einem chinesischen E-Auto wie Volkswagen. Die Wolfsburger haben sogar gleich zwei Projekte mit ihren beiden chinesischen Partnern. „Das sind vorrangig Gefälligkeitsentwicklungen“, sagt ein gut informierter VW-Mitarbeiter. „Keiner erwartet, dass diese Autos sich wirklich verkaufen.“ Mit First Automotive Works (FAW) ist ein Fahrzeug in Entwicklung, das unter der Marke „Kaili“ auf den Markt kommen soll. Ein zweites Auto, das in Kooperation mit der Shanghai Automotiv Industry Corp. (SAIC) entsteht, soll voraussichtlich unter dem Namen „Tantus“ verkauft werden. „Dass für die Autos eine neue Marke geschaffen wird, hat maßgeblich den Zweck, die Marke Volkswagen nicht zu beschädigen“, sagt der VW-Mitarbeiter. „Diese Autos werden zunächst nicht den Qualitätsstandards entsprechen, mit denen VW seinen Kunden ein E-Mobil vorstellen wollen würde.“ Das liege unter anderem auch an dem hohen Zeitdruck, den die chinesische Regierung aufbaue. Nur zwei Jahre hatten die Ingenieure von Daimler und BYD, um den „Denza“ zu entwickeln. Beim Thema Elektromobilität gehe es für Daimler auch darum, für China „ein attraktiver Partner zu sein“, gestand Zetsche ein.

Bernhard Bartsch | 24. April 2012 um 05:29 Uhr

 

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