Bernhard Bartsch

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Im Land der Tugenden

Fast eine Millionen Chinesen besuchen jährlich Deutschland, auf der Suche nach Marx, Bier und Autobahn.

Als politischer Vordenker hat Karl Marx schon lange ausgedient, aber die Kapitalisten brauchen ihn trotzdem noch. Sein Geburtshaus in Trier ist ein lukrativer Besuchermagnet, vor allem für Touristen aus China. In chinesischen Reisebüchern wird das Marx-Haus als einer der Höhepunkte einer Deutschlandreise empfohlen. Bei Europareisen (Motto: „8 Länder in 8 Tagen“) gehört Trier sogar oft zu den zwei oder drei Sehenswürdigkeiten, für die bei der deutschen Etappe Zeit ist. 3,8 Millionen Chinesen flogen 2011 als Touristen nach Europa, knapp ein Viertel kam auch nach Deutschland. Wenn der Trend anhält, dürften 2012 erstmals mehr als eine Million chinesische Urlauber „Deguo“, das „Land der Tugenden“, wie Chinesen Deutschland nennen, besuchen.

Wie Touristen in aller Welt reisen die Chinesen nicht nur, um etwas Neues zu entdecken, sondern auch, um ihre Erwartungen und Klischees bestätigt zu finden. „Zärtlichkeit in einem harten Land“ lautet der Titel eines Deutschlandreiseführers, den das Reiseportal „Mafengwo“ kürzlich auf den Markt gebracht hat. In den dazugehörigen Webforen können sich Individualreisende über ihre Erfahrungen austauschen. Zu den meistdiskutierten Stichworten gehören neben wenig überraschenden Einträgen wie „Oktoberfest“, „Berliner Mauer“ oder „Schloss Neuschwanstein“ auch abseitigere Ziele wie das Goethe-Haus, die BWM-Zentrale oder die Lindenstraße. In einem Forum diskutieren Reisende über Deutschlands bestes Bier: Die einen plädieren für Weißbier, andere für Pils. Köln-Besucher erinnern sich belustigt an die langen Kölsch-Tabletts.

Eine andere Diskussionsgruppe tauscht Tipps über die Autovermietungen. „Die Autobahn in Deutschland ist kostenlos, und man kann fahren, so schnell man will“, schreibt ein Tourist. „Ein Schlagloch sieht man seltener als ein Ufo.“ Ein weiteres Forum sammelt Charaktereigenschaften: „Die Deutschen gehen sehr selten bei Rot über die Ampel“, hat ein Besucher beobachtet. „Am Zebrastreifen halten die Autos für die Fußgänger an, Kleinwagen ebenso wie Audis, BMWs oder Ferraris.“ Dass in der U-Bahn nicht die Fahrkarten kontrolliert werden, überrascht ebenso wie die Lebensmittelpreise, die nicht höher seien als in China. Überhaupt deutsche Produkte. „Made in Germany“ gilt in China als Statussymbol: Mercedes, BMW und Porsche definieren den Goldstandard auf Chinas Straßen, und VW, die meistverkaufte Automarke der Volksrepublik, verkörpert das Aufstiegsglück des neuen Mittelstands. Auch Siemens-Waschmaschinen und Adidas-Turnschuhe sind beliebt. Die Seite „Qyer.com“ listet Produkte, die man in Deutschland gut kaufen kann: Kochtopfsets und Messer, Wein und Schokolade, Blutdruckmessgeräte und natürlich Würste – in den Augen der Chinesen sind die das deutsche Nationalgericht.

Bernhard Bartsch | 09. Juli 2012 um 10:08 Uhr

 

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