Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Illegal? Egal!

Braucht eine funktionierende Wirtschaft ein Urheberrecht? Die Chinesen lernen gerade: ja.

Der Diebstahl geschieht am helllichten Tage, auf offener Straße. Alle wissen es, viele schauen hin. Manche machen mit. Aber niemand stößt sich daran: Auf der Gepäckfläche seines Dreirades hat ein Händler mitten im Gewimmel einer schmalen Straße, durch die wohlhabende Pekinger zum Ausgehviertel Sanlitun strömen, ein kleines Sortiment DVDs für umgerechnet ein Euro das Stück ausgelegt – Kopien chinesischer Action-Filme, aktueller Hollywood-Hits sowie Boxen populärer Fernsehserien.

Eine größere Auswahl bieten zwei Läden, die nur wenige Schritte entfernt sind und locker zehntausend Filme und Musik-CDs in ihren Regalen liegen haben. Die neuesten Blockbuster werden im Schaufenster beworben. Auch hier bekommen die Urheber von den Erlösen nichts ab. An Wochenenden kommt noch ein Buchhändler mit seinem Stand in die Gasse und verkauft Nachdrucke chinesischer Romane oder Übersetzungen amerikanischer Ratgeber. Fragen wir einmal nach: Hat er auch die populäre und überaus kritische Mao-Zedong-Biografie der chinesisch-britischen Autorin Jung Chang im Angebot? „Ich könnte sie vielleicht besorgen“, antwortet er vielsagend, „aber offen verkaufen kann man sie hier natürlich nicht.“ Natürlich nicht! Die nächste Polizeistation ist schließlich gleich um die Ecke.

Der Diebstahl geistigen Eigentums ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Wirtschaft. Das Spektrum der Copyright-Verstöße reicht von nachgemachten Markenhandtaschen bis zu abgekupferter Technik, doch nirgends sind Kopien so verbreitet wie in der Kultur- und Unterhaltungsbranche. Per Gesetz sind Urheberrechte zwar auch in China geschützt, doch mit der Einhaltung ist es den Behörden offensichtlich nicht besonders ernst. Eine verbotene Mao-Biografie würde womöglich die Polizei auf den Plan rufen. Tausende offen verkaufte Raubkopien scheren die Beamten nicht weiter.

Ähnlich wie auf der Straße läuft es auch in Chinas virtuellen Räumen: Was als politisch sensibel gilt, wird gelöscht oder blockiert. Tausende Zensoren und aufwendige Software sorgen dafür, dass sich keine „gefährlichen Ideen“ verbreiten (siehe auch Seite 126). Als etwa am 4. Juni, dem Jahrestag des Tiananmen-Massakers von 1989, der Schanghaier Aktienindex um 64,89 Punkte abrutschte – was der chinesischen Schreibweise des tabuisierten Datums entspricht -, waren Chinas Börsendienste innerhalb von Minuten offline. Die Internetgemeinde sollte keine Gelegenheit bekommen, sich in den Chat-Räumen zwischen den Zeilen auch über die dunkle Vergangenheit zu unterhalten.

Bei der Kontrolle von illegalen Downloads ist die Cyberpolizei dagegen weniger gründlich: Filme, Fernsehserien und Musik lassen sich leicht finden und herunterladen. Die meisten Titel, die etwa Anfang Juni in den Charts des deutschen iTunes-Store standen, wie etwa die jüngste Folge des Films „Mission Impossible“ oder die Abba-Kollektion „Gold“, gab es auf chinesischen Websites kostenlos, sogar die gesammelten Werke der Toten Hosen sind erhältlich.

Warum greift Peking beim Copyright nicht konsequenter durch? Diese Frage ist seit Jahren einer der zentralen Vorwürfe, der im Westen Vorbehalte gegen Chinas Wirtschaftsaufschwung schürt. Angesichts der aktuellen Debatten darüber, inwieweit das Urheberrecht im digitalen Zeitalter neu geschrieben werden muss, könnte man aber auch andersherum fragen: Wenn das Internet zum urheberrechtsfreien Raum wird, drohen uns dann chinesische Verhältnisse?

Kritische Stimmen glauben, dass die Regierung Copyright-Verletzungen vorsätzlich dulde, um ihrem Volk billigen Zugang zu modernen Produkten zu sichern und die Aufholjagd ihrer Wirtschaft zu beschleunigen. Europäische und amerikanische Unternehmen beschweren sich nicht nur über unfairen Wettbewerb und verlorene Einnahmen in Milliardenhöhe, sondern auch über ein Zweiklassen-Patentrecht. Das Copyright chinesischer Firmen sei weitaus besser geschützt als das internationaler Konzerne. Während etwa nachgebaute iPhones in China offen verkauft werden, verhängte ein chinesisches Gericht ein wochenlanges Verkaufsverbot gegen iPads, weil eine einheimische Firma ihre Markenrechte verletzt sah (Das Unternehmen hatte Apple vor Jahren die chinesischen Rechte an dem Namen iPad verkauft und wollte den Preis nachträglich erhöhen).

Wohlmeinende Experten halten der Volksrepublik dagegen zugute, dass der Wandel vom planwirtschaftlichen Sozialismus zur marktwirtschaftlichen Wissensgesellschaft Zeit brauche und China bereits beachtliche Fortschritte gemacht habe. Tatsächlich nimmt die Zahl der vor chinesischen Gerichten verhandelten Copyright-Fälle jährlich zu. Allein in Peking waren es vergangenes Jahr mehr als 6000. Optimisten glauben, das Problem werde sich von selbst lösen, wenn chinesische Unternehmen eigene Entwicklungen hätten, die sie schützen wollten. Beharrlich hält sich auch die Theorie, das Kopieren sei eine seit Jahrtausenden gepflegte Kultur, die den Meistern Ehre erweise – mit historischen Quellen ließe sich allerdings genauso gut das Gegenteil beweisen. Eine offizielle Begründung für die Copyright-Probleme gibt es nicht. Auf das Thema angesprochen, wiederholen chinesische Politiker seit Jahren das Mantra, Gesetze würden in China getreulich umgesetzt.

Sicher ist nur, dass China und die Industrienationen aus völlig verschiedenen Richtungen auf die Copyright-Debatte gestoßen sind. Während man außerhalb Chinas darüber diskutiert, wie die seit Jahrzehnten bestehenden Vorschriften des Urheberrechtsschutzes im digitalen Zeitalter ausgehöhlt werden, hat geistiges Eigentum in der Geschichte der Volksrepublik keine Rolle gespielt. „Immateriellen Werten wird in China keine große Bedeutung zugeschrieben“, sagt der in China lebende amerikanische Anwalt Steve Dickinson, Betreiber des einflussreichen China Law Blog. Für Maschinen oder Autos bezahlten Chinesen gern, für geistige Leistungen dagegen nicht.

Warum sollten sie auch? Schließlich wurden sie in der Vergangenheit nie dazu aufgefordert. Zu Maos Zeiten standen Medien und Unterhaltung unter der Verwaltung der Parteizentrale. Jahrelang wurden nur streng kontrollierte Zeitungen gedruckt und ein kleines Repertoire von revolutionären Musikstücken gespielt. In den Achtzigern öffnete sich das Land, und es entstand ein Schwarzmarkt für importierte Unterhaltung. Wer Zentralfernsehen und Staatsradio zu langweilig fand, konnte sich mit eingeschmuggelten Raubkopien behelfen: Popmusik aus Taiwan, Fernsehserien aus Hongkong, Filme aus Amerika. Der Staat drückte bei den grauen Importen ein Auge zu.

In den Neunzigern entdeckten dann auch die Propagandabehörden, dass mit Medien und Unterhaltung Geld verdient werden kann, und kopierten die Erfolgsrezepte der Schmuggler. Fernsehsender zeigten ausländische Filme, ohne dafür zu bezahlen. Das Radio peppte sein Programm mit ausländischen Songs auf, und die Presse druckte Texte und Bilder aus internationalen Medien nach. Bis heute besteht „Cankao Xiaoxi“, eine der auflagenstärksten chinesischen Zeitungen des Landes, ausschließlich aus Übersetzungen aus der ausländischen Presse, ohne je für einen einzigen Text bezahlt zu haben.

Allerdings stieß das System des ungehemmten Kopierens bald an seine Grenzen. Als China 2001 der Welthandelsorganisation WTO beitrat, musste es seine Gesetze internationalen Standards anpassen. Auch die chinesischen Konsumenten wurden anspruchsvoller, und mit dem Wirtschaftswunder entstand ein riesiger Werbemarkt, der Hunderte neue Medien entstehen ließ. 2011 hatte Chinas Werbewirtschaft ein Volumen von mehr als 40 Milliarden Euro, und das Angebot an Presse, Funk und Fernsehen ist inzwischen groß: 18 Kanäle hat allein der zentrale TV-Sender CCTV. Hinzu kommen 270 Regionalprogramme und mehr als 700 städtische Sender, außerdem gibt es mehr als 500 Zeitungen und rund 9500 Zeitschriften.

Doch die Vielfalt ist trügerisch, denn sie beruht auf nur zwei Geschäftsmodellen: Kultur und Medien sind entweder staatlich subventioniert oder dienen als Werbeträger. Was dafür nicht taugt, kann nur schwer bestehen. Musiker etwa können kaum auf Erlöse durch Plattenverkäufe hoffen, es bleiben ihnen nur die Gagen für Live-Auftritte. Nach Angaben des Weltverbandes der Phonoindustrie IFPI nahmen Musik-Labels in China 2010 nur rund 53 Millionen Euro ein, allein in den USA wurde mit Musik im selben Jahr 66-mal mehr umgesetzt.

Schriftsteller haben es ähnlich schwer. Selbst wenn ihre Bücher Erfolg haben, verdienen die Autoren wegen illegaler Nachdrucke oder unrechtmäßig kopierter eBooks nur wenig. Für die Kunden ist der Kauf von Kopien gefahrlos, bislang ist kein Fall bekannt, in dem jemand für den Besitz von Fälschungen bestraft worden wäre.

Kann eine moderne Volkswirtschaft entstehen, solange das Urheberrecht de facto nicht existiert? Inzwischen ist man sich auch in China des Problems bewusst: Eine Gesellschaft, die den Wert geistiger Arbeit nicht schätzt, kann sich kaum von der Rolle als Werkbank der Welt emanzipieren. Viele drängen deshalb darauf, dass geistige Werke besser geschützt werden. So verklagen Autoren Internetplattformen (darunter Apples chinesische Dependance) wegen der unerlaubten Bereitstellung von eBooks. Die Musikindustrie versucht derzeit, ihre eigene Verwertungsgesellschaft zu gründen. Und Chinas führende Suchmaschine Baidu, die in den USA börsengelistet ist und damit Rücksicht auf internationale Bestimmungen nehmen muss, ging eine Partnerschaft mit führenden Musik-Labels ein. Diese werden damit zumindest an den Werbeeinnahmen beteiligt, die auf kostenlosen Downloadsites entstehen.

Einige wetten sogar ihr Geld darauf, dass der Copyright-Schutz eines Tages in China richtig funktionieren wird. Carsten Maschmeyer, Gründer des Finanzdienstleisters AWD, beteiligte sich im Mai mit einem Millionen-Euro-Betrag an dem chinesischen Online-Musikdienst 88tc88. Das Portal, dessen Macher in Peking und Berlin sitzen, bietet westliche Musik, elektronische Bücher und andere Programme gegen Bezahlung zum Herunterladen an und hat den Ehrgeiz, zum chinesischen iTunes zu werden. Visionen muss man haben! Sollte Chinas Polize i gegen Urheberrechtsdiebe eines Tages genauso konsequent vorgehen wie gegen politische Kritiker, könnte sich Maschmeyers Investition auszahlen. Bis dahin kann sie nur als Wagniskapital gelten.

Bernhard Bartsch | 23. März 2013 um 08:30 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Bernd Brot

    23. März 2013 um 09:15

    „Doch die Vielfalt ist trügerisch, denn sie beruht auf nur zwei Geschäftsmodellen: Kultur und Medien sind entweder staatlich subventioniert oder dienen als Werbeträger“ —
    Um welches Land geht es hier? ROFL.
    Wo kommt denn Ihr Gehalt letztlich her?