Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Ich war wie James Bond“

Gwon Hyeok gehörte zu Nordkoreas Elite. Er beaufsichtigte Straflager, arbeitete im Ausland, eliminierte Deserteure. Dann floh er. Wegen einer Frauengeschichte.

Gwon Hyeok (Copyright: Martin Gottske)Sein Blick klebt an einem Paar langer Beine, das auf hohen Absätzen die Bar verlässt. „Mit Frauen hat man nichts als Ärger“, murmelt Gwon Hyeok. Er hat einiges getrunken, aber auch ohne Alkohol landet er über kurz oder lang bei seinem Lieblingsthema: Frauen. Während seine Augen den Raum nach weiblichen Rundungen absuchen, erzählt Gwon, dass er früher jede haben konnte, ob sie wollte oder nicht. Doch irgendwann landete er bei der Falschen. Und deswegen sitzt er jetzt hier, in einem Restaurant in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Viel lieber wäre er in seiner Heimat: in Nordkorea.

Gwon ist Ende 40, ein schmaler, aber kräftiger Mann, der in der Öffentlichkeit stets eine große Brille trägt, um sein Gesicht unkenntlich zu machen. „Es gibt in Seoul eine ganze Reihe nordkoreanischer Geheimagenten, die Deserteure wie mich liquidieren sollen“, erklärt er seine Verkleidung. „Ich stehe mit Sicherheit auf jeder ihrer Listen.“ Gwon kennt ihre Methoden – denn er war selbst einer von ihnen, bis er vor zehn Jahren in den Süden des geteilten Landes floh.

Gwons Lebensgeschichte vermittelt eine Ahnung davon, mit welchen Methoden sich das nordkoreanische Terrorregime seit Jahrzehnten an der Macht hält – auch wenn manches, was der Überläufer im Laufe dieses Abends erzählen wird, nicht zweifelsfrei zu überprüfen ist.

Immer wieder ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass nordkoreanische Flüchtlinge ausländischen Medien gegen Geld Horrorgeschichten über ihre Heimat verkaufen. Bei der Begegnung mit Gwon jedoch fließt kein Geld – lediglich ein paar Gin Tonics lässt sich der Überläufer bezahlen. Zudem sind seine Angaben zumindest in Teilen verbürgt. Das Treffen ist auf Vermittlung des südkoreanischen Menschenrechtsaktivisten Kim Sang-hun zustande gekommen, der seit über zehn Jahren Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen anhand von Flüchtlingsaussagen dokumentiert. Kim hofft, eines Tages genug Material für eine Klage vor dem internationalen Menschenrechtsgerichtshof sammeln zu können. Dafür hat er systematische Interviews mit über 400 Deserteuren geführt und ihre Angaben verglichen. Teile von Gwons Aussagen konnte Kim auf diese Weise durch Berichte anderer Überläufer verifizieren, die den Agenten teilweise schon in Nordkorea kannten.

Demnach gehört Gwon zu einer der privilegiertesten nordkoreanischen Familien. „Mein Großvater war ein Kampfgenosse von Kim Il Sung und später in Pjöngjang sein Nachbar“, erzählt der Überläufer. „Sie haben morgens zusammen Frühsport gemacht, und wenn ich als Kind zu Besuch war, hat der Große Führer mit mir gespielt.“ Auch den heutigen Herrscher Kim Jong Il habe er schon in seiner Jugend mehrmals getroffen, bevor er selbst zum Teil des Apparats wurde, mit dem die führenden Clans das 24-Millionen-Menschen-Volk daran hindern, gegen ihre Unterdrücker aufzubegehren.

„Meine Laufbahn begann mit einem Jungenstreich“, erzählt Gwon. Er war 13, als er eines Nachmittags die Schule schwänzte, um mit Freunden ins Kino zu gehen. Damals glaubte er, sich über Regeln hinwegsetzen zu können, weil sein Vater in der Heimatstadt Kimchaek das mächtige Amt des Propagandachefs bekleidete. Die Kinoangestellten aber wollten sich nicht von einem Schüler herumkommandieren lassen. „Sie haben mir zwei Ohrfeigen gegeben und mich zurück in die Schule geschickt“, erinnert sich Gwon. „Um mich zu rächen, warf ich brennende Strohballen durch das Klofenster des Kinos.“ Zwar konnte der Brand schnell gelöscht werden. „Aber das Feuer hatte im Foyer einige Bilder von Kim Il Sung angekokelt“, sagt Gwon. „Darauf stand die Todesstrafe.“

Selbst dem Sohn einer Elitefamilie konnte ein solches Vergehen nicht verziehen werden – schließlich steht es in Nordkorea sogar unter Strafe, Zeitungsseiten mit Bildern der Kims als Einwickelpapier oder Sitzunterlage zu benutzen. Drei Wochen wurde Gwon eingesperrt, während sein Großvater bei Kim um das Leben des Enkels bat. Schließlich begnadigte der Führer den Jungen, unter der Auflage, dass er nie wieder in Kimchaek auftauchen dürfe und einer Organisation unterstellt werde, die ihn Disziplin lehre.

So kam der 13-Jährige unter die Aufsicht eines Onkels, der ein Ausbildungskontingent für Spezialkräfte kommandierte – eine Karriereentscheidung, die unumkehrbar war: „Wer erst einmal Mitglied der Staatssicherheit ist, kommt da nie wieder raus“, sagt Gwon. Allerdings habe er sich im Laufe seiner mehr als 20 Jahre währenden Karriere auch nie einen Ausstieg gewünscht. „Als Geheimagent zu arbeiten ist das Beste, was einem in Nordkorea passieren kann“, sagt er. „In meiner Position stand ich über dem Gesetz und genoss alle Privilegien, die man sich vorstellen kann. Ich war wie James Bond.“ Nicht ohne Stolz zählt Gwon die Operationen auf, an denen er beteiligt war: Er wurde in Südkorea und Südostasien eingeschleust, um Überläufer zu töten, Devisen zu beschaffen und Waffen zu schmuggeln. Wie viele Menschenleben er auf dem Gewissen hat, will er nicht sagen, angeblich weil der südkoreanische Geheimdienst ihn nach der Flucht dazu verpflichtet hat, über bestimmte Details zu schweigen.

In Japan will Gwon beispielsweise an der Entführung einer Studentin beteiligt gewesen sein, die in Nordkorea bei der Ausbildung von Geheimagenten helfen sollte. Bis heute ist die Verschleppung von Japanern der größte diplomatische Konflikt zwischen Pjöngjang und Tokio.

Außerdem, sagt Gwon, habe er mehrere Jahre lang als Aufseher in Nordkoreas berüchtigtem „Konzentrationslager 22“ gearbeitet, in dem 35 000 Häftlinge leben sollen, teilweise in dritter Generation. „Das Camp ist der schlimmste Ort, den man sich vorstellen kann“, sagt Gwon. Die Insassen arbeiten in Minen und auf Feldern, mit einem Minimum an Verpflegung. Wer zu fliehen versucht oder den Gehorsam verweigert, wird öffentlich hingerichtet. Auch humanbiologische Experimente seien an der Tagesordnung. „Ich war dabei, als Giftgas an Menschen getestet wurde“, sagt Gwon.

Auch über den Umgang mit weiblichen Insassen und Untergebenen berichtet er bereitwillig: „Wenn mir eine Frau gefiel, habe ich sie mir genommen. Ich hatte uneingeschränkte Macht über das Leben anderer Menschen.“ Ob er das Gefühl vermisst? „Natürlich habe ich es genossen“, gibt Gwon zu. „In Nordkorea war ich allmächtig, hier bin ich ein Niemand.“ Ein wenig scheint Gwon es zu genießen, den Bösewicht zu spielen.

Dass er dennoch ins Feindland Südkorea getürmt sei, habe nichts mit Gewissensbissen zu tun gehabt, sondern mit einer „Frauengeschichte“. Nach einer amourösen Eskapade habe er 1999, während eines Einsatzes in Peking, den Tipp erhalten, besser nicht nach Nordkorea zurückzukehren. So blieb ihm keine andere Wahl, als in Südkorea Schutz zu suchen.

Für Seouls Geheimdienste sind Überläufer wie Gwon Glücksfälle – er selbst jedoch haderte zunächst mit seinem Schicksal. Einen richtigen Job hat er heute nicht. Zwar weist ihn seine Visitenkarte als Präsident einer Handelsfirma aus, doch in Wirklichkeit ist er nur ein Strohmann, auf den seine südkoreanischen Geschäftspartner die Verantwortung für zwielichtige Geschäfte abwälzen. Mehrfach, sagt Gwon, habe er daran gedacht, sich als Söldner in Pakistan zu verdingen oder als Personenschützer im Irak. „Nordkoreaner haben da einen guten Ruf, weil wir gut ausgebildet sind und kämpfen können“, sagt Gwon. Aber eigentlich wolle er nicht noch einmal eine kriminelle Laufbahn einschlagen.

Ganz ohne Skrupel ist Gwon heute nicht. „In Südkorea wurde mir allmählich bewusst, was für fürchterliche Dinge ich getan habe“, sagt er. „Wer in Nordkorea Macht hat, unterscheidet nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern nur zwischen Nutzen und Schaden. Es ist eine durch und durch verrottete Gesellschaft.“

Bernhard Bartsch | 28. Mai 2009 um 12:58 Uhr

 

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