Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Ich übe Kritik, weil ich China liebe“

Die Schriftstellerin Dai Qing spricht über die Frankfurter Buchmesse, das Stigma des Störenfrieds und Chinas Kultur der Unfreiheit.

Dai_Qing_(Copyright_Bernhard_Bartsch)Frage: Frau Dai, Sie hätten dieses Wochenende bei einer Vorbereitungskonferenz für die Frankfurter Buchmesse auf dem Podium sitzen sollen, wurden aber auf Druck der chinesischen Mitveranstalter ausgeladen. Warum hat die Regierung solche Angst vor Ihrer Meinung?

Dai: Ich gelte in China als Störenfried. Deshalb möchte die Regierung mich mundtot machen – ganz egal um welches Thema es geht. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass ich immer nur schlecht über mein Land oder unser System reden würde. Ich bin keine aggressive Aktivistin, sondern eine Schriftstellerin, die Bücher und Artikel über Themen wie Umweltschutz oder Geschichte schreibt. Damit möchte ich das Leben in meinem Land verbessern. Und wenn ich China dabei kritisiere, dann nur, weil ich China liebe.

Wie sind sie in die Rolle des Störenfrieds geraten?

In den Achtzigern war ich Kolumnistin für die Guangming-Tageszeitung. Eines der Themen, mit dem ich mich beschäftigt habe, war der Drei-Schluchten-Staudamm, der damals geplant wurde. Unter Wissenschaftlern war das Projekt äußerst umstritten, aber die Regierung ließ keine Zweifel zu. Dahinter steckte vor allem Li Peng, der seine ganze Karriere vom Bürgermeister bis zum Premierminister auf dem Staudamm aufgebaut hat. Weil die Ergebnisse meiner Recherchen in den Zeitungen nicht gedruckt werden konnten, habe ich ein kleines Buch daraus gemacht und an alle Mitglieder des Volkskongresses und des Politbüros geschickt.

Geht das denn im Internetzeitalter überhaupt noch?

Das wäre das Thema, über das ich in Frankfurt hätte referieren wollen – von einem literarischen Standpunkt aus. Wer China heute verstehen will, muss wissen, welche Veränderungen es durchgemacht hat. In den ersten zwanzig Jahren der Volksrepublik gab es im Grunde gar keine Literatur, sondern nur Propaganda. Die Revolution war wichtig, nicht das Individuum. Nach 1978 kam dann eine Phase, die ich die Zeit der „aufgebundenen Füße“ nenne. Da sah das kulturelle Leben in China ungefähr so aus wie der befreite Fuß eines Mädchens, dem man im Kindesalter die Füße gebrochen und eingebunden hat. Das war kein sehr schöner Anblick, aber immerhin besser als die Ursprüngliche Verkrüppelung. Die Regierung war damals bereit, ein gewisses Risiko einzugehen, aber nach den Ereignissen vom 4. Juni wurde ihr das zu heikel. Deshalb verfolgt sie heute eine andere Strategie: Wo es um Unterhaltung geht, ist in China alles sehr frei – aber wenn es um Meinungen geht, stehen überall rote Ampeln. Viele Autoren unterwerfen sich dem, selbst große wie Mo Yan, der in seinen Büchern zwar viele wichtige Fragen anschneidet, aber nie dorthin geht, wo es wirklich sensibel wird. Ich kann mich solchen Regeln nicht unterwerfen, auch wenn das den Preis hat, dass meine Bücher in China nicht erscheinen können. Mein neuestes Buch, in dem es um investigativen Journalismus in China geht, konnte ich nur schwarz drucken lassen – kein Verlag wollte es annehmen.

Ein Schreibverbot umfasst offenbar auch ein Auftrittsverbot. Sind Sie denn in der Vergangenheit schon häufig an Reisen gehindert worden?

Oh ja – und früher waren die Methoden noch ungleich rabiater. Als ich 1991 gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, kam der damalige amerikanische Außenminister James Baker nach China und ich sollte ihn treffen. Um das zu verhindern, ließ mich die Regierung in eine andere Stadt veschleppen. Dabei hatte ich gar nicht vor, mit Baker über die Regierung zu schimpfen, sondern wollte ihm erklären, wie schwierig das Leben für die Mehrheit der Chinesen ist – und dass Staatsmänner wie er diese Alltagsprobleme bei aller großer Politik nicht aus dem Blick verlieren sollten. Da ist die Situation heute schon besser: Diesmal hat man nicht mich verschwinden lassen, sondern nur mein Einladungsschreiben. Und dass ich nun trotzdem fliegen kann, zeigt ja, dass man die Repressalien manchmal auch umgehen kann. China macht Fortschritte, aber leider viel zu langsam.

Auch bei der Selbstdarstellung hat die Regierung offenbar nicht allzu viel dazugelernt. Schon Olympia war in vieler Hinsicht ein PR-Desaster, und jetzt droht auch die Buchmesse zu einem zu werden.

Die Regierung hat in meinem Fall einen gewaltigen Fehler gemacht. Hätte sie mich von vornherein nach Frankfurt fahren lassen, wäre meine Anwesenheit nie ein Medienthema geworden. Ich hätte in einem kleinen Saal zu ein paar hundert Leuten gesprochen, und alle hätten hinterher gesagt, dass die chinesische Regierung inzwischen sehr tolerant und souverän sei. Aber nun beschäftigt sich ganz Deutschland mit dem Thema und fasst sich an den Kopf.

Da Sie bei der Konferenz ja nur im Publikum sitzen werden: Welche Frage wollen Sie denn stellen?

Ich möchte von den Beamten der Presse- und Publikationsbehörde wissen, warum es in China nach 60 Jahren Volksrepublik noch immer kein Verlags- und Pressegesetz gibt, das Autoren sagt, was sie dürfen und was nicht. Wenn jemand schon meine Freiheit begrenzt, dann soll er mir wenigstens sagen, wo diese Grenzen genau liegen. Bisher sind wir der Willkür von Beamten ausgeliefert. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit ein Buch aus dem Englischen übersetzt, und als ich das Manuskript einreichte, sagte man mir, ich dürfe nicht als Übersetzerin auftauchen, weil ich ja Publikationsverbot habe. Ich habe gefragt, wo denn das Gesetz ist, das besagt, dass man als gesperrter Autor automatisch auch ein gesperrter Übersetzer ist. Das war dem Beamten sehr peinlich und schließlich konnte mein Name doch erscheinen. Allerdings wurde er so klein gedruckt, dass ihn niemand bemerkt hat.

Noch ist unklar, ob die offiziellen chinesischen Vertreter an der Konferenz in Frankfurt teilnehmen werden. Falls sie kommen: Was glauben Sie, werden sie Ihnen entgegnen?

Natürlich werden sie sagen, dass es in China einen Rechtsstaat mit Presse- und Meinungsfreiheit gebe. Aber allein durch meine Anwesenheit wird diese Behauptung schon lächerlich. Denn wie kann in China von Freiheit die Rede sein, wenn meine persönliche Freiheit bei einem kurzen Auftritt bei einer kleinen Konferenz in Frankfurt aufhört?

ZUR PERSON

Dai Qing, 68, gilt als Chinas prominenteste Investigativ- und Umweltjournalistin. Ihr Vater, Fu Daqing, war ein bekannter kommunistischer Intellektueller, der 1944 im antijapanischen Krieg starb. Die damals Dreijährige wurde daraufhin von General Ye Jianying, von 1978 bis 1983 amtierendes chinesisches Staatsoberhaupt, adoptiert. Bekannt wurde sie in den Achtzigern unter anderem mit Büchern, in denen sie auf die Umweltkatastrophe durch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms aufmerksam machte. Als im Frühjahr 1989 die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens protestierten, galt die kritische Redakteurin der Guangming-Zeitung vielen Demonstranten als Heldin, so dass bald Plakate mit der Aufschrift „Dai Qing, wo bist du?“ auftauchten. Dai versuchte allerdings, die Studenten zur Aufgabe zu bewegen, weil sie ein blutiges Ende voraussah. Trotzdem wurde nach dem Massaker vom 4. Juni auch Dai für zehn Monate inhaftiert.

Danach erklärte sie öffentlich ihren Austritt aus der Kommunistischen Partei und arbeitet seitdem als Buchautorin und Aktivistin. 1992 erhielt sie den Freiheitspreis des Internationalen PEN.
Als es dann im Parlament zur Abstimmung kam, haben 33 Prozent der Delegierten gegen den Staudamm gestimmt. So etwas hat es in China vorher und nachher nie wieder gegeben, denn eigentlich müssen Vorschläge der Parteiführung natürlich mit 98 oder 99 Prozent abgenickt werden. Der Fall hat der Regierung gezeigt, wie mächtig Informationen sind – und wie wichtig es ist, sie zu kontrollieren.

Bernhard Bartsch | 11. September 2009 um 17:58 Uhr

 

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