Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Ich spekuliere nur“

Chinas Starblogger Han Han malt sich aus, wie weit Chinas Zensoren wohl gehen werden, um die Kontrolle über das Internet aufrecht zu erhalten. Eine Satire.

Wenige Tage, nachdem Google im Streit um Hackerangriffe und gefilterte Suchergebnisse seinen Rückzug aus China angekündigt hat, veröffentlicht der Schriftsteller, Blogger und Autorennfahrer Han Han auf seinem Blog eine Zensursatire. Nur wenige Stunden nach ihrer Veröffentlichung wird sie von den Behörden gelöscht. Mit Genehmigung des Autors hier eine gekürzte Version:

Jahr 2010: China beginnt eine Internet-Säuberungskampagne mit dem Slogan: „Wen man drei Tage lang nicht haut, der steigt einem aufs Dach.“ (Chinesisches Sprichwort für unartige Kinder. Anmerkung B.B.)

Juni 2010: Die Regierung startet die Kampagne „Schützt die Kinder“. Informationen, welche die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefährden könnten, werden strikt verboten. Die Regierung betont, dass alles, was mit Pornografie zu tun hat, Obszönität und Feudalismus verkörpere und daher zensiert werden müsse. Grundschüler werden mobilisiert, um durch die Straßen zu marschieren und gegen das „Gelbe“ zu demonstrieren. (Gelb ist die Farbe der Pornografie; Chinas Behörden rechtfertigen damit die Internetzensur, obwohl in Wahrheit die politische Kontrolle im Fordergrund steht. Die Grundschülermobilisierung spielt auf die Roten Garden der Kulturrevolution an. B.B.)

Juli 2010: Das Komitee Patriotischer Grundschüler erklärt, dass die fünf gelben Sterne der Nationalflagge im Widerspruch zur fortschrittlichen Ideologie stehen. Die zuständige Behörde entscheidet, die Sterne von gelb in rot zu ändern.

August 2010: Die Regierung stellt fest, dass die roten Sterne auf rotem Grund nicht mehr zu erkennen sind. Vertreter der Grundschüler schlagen vor, die Sterne grün zu färben, um den „Grünen Damm“ zu symbolisieren („Grüner Damm“ ist der Name einer Zensur- und Spionagesoftware, die Chinas Regierung 2009 auf allen neuen Computern installieren wollte. Nach öffentlichem Protest wurde die Einführung verschoben. B.B.). Die Regierung baut im Internet eine neue Große Mauer. Sie beruht auf der kollektiven Weisheit unzähliger chinesischer Experten, die in einem Militärstützpunkt arbeiten. Satellitenfotos ihres Lagers werden in- und außerhalb Chinas mit einem im Bau befindlichen Flugzeugträger verwechselt.

Januar 2011: Die Regierung stellt in ihrem jüngsten Konjunkturpaket 100 Milliarden Yuan bereit, um Kommentarschreiber für Internetforen einzustellen. Das Planziel für 2011 beträgt 100 Milliarden positive Kommentare. In großen Internetforen erreicht das Verhältnis von professionellen Kommentarschreibern und normalen Benutzern 50:50.

2011: Es erscheinen Ankündigungen von Google, Youtube, Facebook und Twitter, dass sie nach China zurückkehren und Benutzer zur Registrierung eingeladen sind. Die Mutterkonzerne in den USA dementieren das, doch ihre Erklärungen werden sofort zensiert. Benutzer, die sich bei den genannten Webseiten registrieren, werden vom Große-Mauer-System erkannt und ihre Computer neu installiert. Wer hinterher eine gewöhnliche Webseite aufrufen will, erreicht automatisch die Volkszeitung und die Nachrichtenagentur Xinhua. Wer ein Chatforum besuchen will, landet bei „Starke Nation“ oder „Forum Eisenblut“. Und wer ein Videoportal ansehen will, wird ans Zentralfernsehen weitergeleitet. Sobald das System reinstalliert ist, können die Einstellungen nicht mehr geändert werden. Der Preis für Computer steigt um hundert Prozent. Rechner werden zum Spekulationsgut. Wer einen neuen Computer kauft, kann nur noch die zuvor genannten Webseiten öffnen.

In der zweiten Phase der Internetsäuberung werden alle Suchmaschinen gesperrt. In großen Portalen und Zeitungen erscheinen Artikel mit Überschriften wie „Suchen hat uns faul gemacht“ oder „Internetsuchen führen bei Grundschülern zu schweren Beeinträchtigungen der Gehirnaktivität“ usw. Die Parteiführung erklärt: „Wir benutzen nie Suchmaschinen. Die heutige Situation zeigt eindeutig, dass Internetsuchdienste hundert Nachteile und keine Vorteile haben.“

2012: Sina.com (Chinas größtes Internetportal, auf dem auch Han Hans Blog erscheint. B.B.) berichtet, dass ein Dorfkader Bestechungsgeld in Höhe von 500 Yuan kassiert hat. Die Nachricht wird in China zur meistgelesenen Nachrichtengeschichte des Jahres 2012, mit über 500 Millionen Seitenaufrufen. Viele Menschen lesen sie mehrfach und halten dies für einen neuen Höhepunkt der Kontrolle des Staats durch die Medien. Trotzdem geben in einer Internetumfrage 90 Prozent an, der Artikel hätte nie erscheinen dürfen, weil er die soziale Stabilität gefährde und zu ethnischen Unruhen führen könne.

2013: Internetforen akzeptieren keine Kommentare mehr. Der Chinesische Schriftstellerverband übernimmt das Internet und liefert künftig alle Inhalte. Das Internet wird von Web 3.0 auf Web 0.3 zurückgesetzt.

2015: Die Regierung schaltet das Internet vollständig ab und führt einen zentralen Onlinecomputer ein. Computer haben keine Tastatur mehr, sondern nur noch eine Maus.

2016: Die Zahl der chinesischen Internetbenutzer fällt unter eine Million (Heute: 380 Millionen. B.B.). Alle Webseiten werden zu einer einzigen zusammengelegt und Nachrichten mit der Volkszeitung synchronisiert. Im gleichen Jahr verschwindet in China die Internetindustrie. Fünf Millionen Menschen verlieren ihren Job. Da es keine Emails mehr gibt, finden 100.000 neue Anstellungen in den wiederbelebten Postämtern. Die Volkszeitung schreibt: „Eine Industrie wurde geopfert für die Stabilität der Nation. Es hat sich gelohnt.“

Die Hauptnachrichtensendung berichtet, dass die Nation vom Zerfall bedroht gewesen wäre, hätte man das Internet weiterbetrieben. Die anti-chinesischen Kräfte aus dem Ausland und Separatisten aus dem Inland hätten das Internet benutzt, um die Massen aufzuhetzen. Glücklicherweise ergriffen die zuständigen Behörden harte Maßnahmen und verhinderten eine Verschlechterung der Situation.

2017: Die Arbeitslosenzahlen steigen dramatisch an. Der Zusammenbruch der Internetindustrie hat zu einer schweren Rezession geführt. Die Regierung erklärt, Produktionsbetriebe seien künftig wieder das Rückgrat der Nation. China will alle natürlichen Ressourcen einsetzen, um billig exportieren zu können.

Feindliche anti-chinesische Kräfte aus dem Ausland verbünden sich und verabschieden in den Vereinten Nationen eine Resolution, die den Import chinesischer Waren weltweit verbietet. Damit protestieren sie gegen die Schließung des Internets in China. Die Regierung reagiert empört und bezeichnet die Verwaltung des Internets als interne Angelegenheit, in die sich kein anderes Land einmischen dürfe. Die anderen Länder erwidern, dass es andersherum auch ihre interne Angelegenheit sei, den Import chinesischer Waren zu verbieten.

2019: Militärparade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik. Die Regierung erklärt, die Landesgrenzen würden geschlossen, ums sich auf die Selbststärkung zu konzentrieren. Die reaktionären Kräfte sollen vor Angst zittern. China veröffentlicht eine Nachricht an den Rest der Welt: „ Wen man drei Tage lang nicht haut, der steigt einem aufs Dach.“

(Übersetzung: Bernhard Bartsch)

Bernhard Bartsch | 18. Januar 2010 um 18:01 Uhr

 

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