Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Ich bin fett, ich bin stark“

Das Hausschwein Zhu Jianqiang, das nach dem verheerenden Erdbeben in Südwestchina 36 Tage unter Trümmern überlebte, gilt den Chinesen als nationales Vorbild in Sachen Krisenbewältigung.

zhu_jianqiang_1„Ich bin fett, ich bin stark“, stand auf den T-Shirts, mit denen kürzlich eine Gruppe chinesischer Manager vor dem Jianchuan Museum in Chengdu aus ihren Limousinen stieg. Sie waren in die Hauptstadt der Provinz Sichuan gereist, um Chinas populärsten Motivationscoach zu besuchen: ein graues Hausschwein, das den Namen Zhu Jianqiang trägt. „Zhu“ heisst Schwein und „Jianqiang“ kräftig, zusammen also in etwa: Sau Stark.

Einer nach dem anderen liessen die Konzernlenker sich neben dem trägen Borstenvieh fotografieren, mit Victory-Zeichen, geballter Faust oder demonstrativ auf dem Wohlstandsbauch ruhender Hand. Über der Szene spannte sich ein rotes Banner mit der Aufschrift: „Lernen von Zhu Jianqiang“. Diesen Slogan führen chinesische Unternehmer, Ökonomen und Politiker derzeit gleichermassen im Munde, in der Hoffnung, China damit den Weg aus der Krise zu weisen. Wenn Konfuzius das wüsste!

Seinen Ruhm – und die Rettung vor dem Schlachter – verdankt Zhu Jianqiang dem verheerenden Erdbeben, das am 12. Mai in Südwestchina rund 70.000 Menschen tötete und ganze Landstriche verwüstete. Auch in dem Bauerndorf Tuanshan stürzten die meisten Gebäude ein, darunter der Stall der bis dahin namenlosen Sau, die in einem Trümmerhohlraum gefangen verschüttet wurde, aber unverletzt blieb. 36 Tage nach der Katastrophe fanden Soldaten das bis auf die Knochen abgemagerte Tier, das statt 150 Kilogramm nur noch 50 wog. Die lokale Presse widmete dem Fund einen Artikel, der den Kurator des Jianchuan-Museums zu einem Werbegag inspirierte. Er kaufte das Schwein für die Glück verheissende Summe von 3008 Yuan (350 Euro), schenkte dem Besitzer noch 10.000 Yuan Wiederaufbauhilfe obendrauf und liess der Trümmersau zwischen seinen Exponaten aus der Revolutionszeit ein Gatter bauen. Die neue Attraktion bekam den Namen Zhu Jianqiang.

In chinesischen Medien und Bloggerforen traf die Aktion sofort einen Nerv. Pekings Propagandaapparat hatte unmittelbar nach dem Beben begonnen, das kollektive Trauma in ein nationales Erweckungserlebnis umzumünzen. Krisenbewältigung wurde zur chinesischen Volkstugend stilisiert. Noch ein halbes Jahr nach der Katastrophe erinnern die Staatsmedien täglich an die Rettungsaktionen; landesweit rühmen Ausstellungen die Leistungen der Helfer. Doch mit dem widerstandsfähigen Ruinenschwein als Maskottchen erhielt die Kampagne einen Glanz, der den Indoktrinierungsfeldzügen der Kommunistischen Partei ansonsten abgeht. Auch Chinesen gehen Tierschicksale oft näher als menschliche.

Über acht Millionen Einträge zu Zhu Jianqiang finden sich inzwischen im chinesischen Internet. Viele davon nehmen das Thema äusserst ernst. So widmete der prominente Ökonom Shi Hanbing der Sau einen Essay mit dem Titel: „Was können Unternehmen von einem Schwein lernen?“ Seine Antwort: „In der Krise sollte man ausharren und sich auf die eigenen Reserven verlassen können, statt gleich die Regierung um Hilfe zu rufen.“ Ausserdem seien Schweine friedliebend und fügten ihren Artgenossen keinen Schaden zu.

Auch Liu Yonghao, einer der reichsten Männer Chinas, rief Ende Oktober beim chinesischen Unternehmertag seine Kollegen auf, sich an dem Schwein ein Beispiel zu nehmen. „Wenn schon Schweine so hartnäckig sein können, wie sehr dann erst wir Menschen“, forderte Liu. „Alle Unternehmen sollten von Zhu Jianqiang lernen.“ Für seine Hope Group, die ausgerechnet Tierfutter herstellt, spannte er das Tier gleich in eine Werbekampagne ein. Vor dem Erdbeben sei das Schwein mit den Produkten seiner Firma gefüttert worden, behauptet Liu. Nur so habe es die Kraft aufbauen können, 36 Tage zu überleben. Auch heute sei des dem Hope-Futter zu verdanken, dass Zhu Jianqiang inzwischen wieder über hundert Kilo wiege. Zusätzlich lässt das Museum seinem Starschwein allerdings auch täglich zwei Spaziergänge und vier zwanzigminütigen Massagen angedeihen.

Angesichts seines engen Terminkalenders kann das Tier derartige Sonderbehandlung gebrauchen. Das Jianchuan-Museum bekommt inzwischen mehr Besucher als je zuvor, insbesondere von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Lektion in Durchhaltevermögen und Disziplin erteilen wollen. Ein Unternehmer aus Chengdu glaubt ausserdem, dass die Sau inzwischen wieder kräftig genug sei, um Gesellschaft von einem Eber zu bekommen. Der Name Zhu Jianqiang ist bereits als Marke geschützt und soll eine landesweite Restaurantkette zieren, in der dann die Nachfahren von Sau Stark doch noch auf den Tisch kommen sollen.

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 18:25 Uhr

 

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