Bernhard Bartsch

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Hunger ist stärker als Propaganda

Die gewaltsame Isolation Nordkoreas bekommt Löcher – durch Handys und Schwarzhandel

Seit Beginn der kalten Jahreszeit schweifen die Blicke der Nordkoreaner, die nahe der Grenze zu China leben, besonders sehnsüchtig auf die andere Seite. Im Sommer ist es nur die nächtliche Beleuchtung, die ihren Neid erweckt; in ihren eigenen Dörfern gibt es keinen Strom. Im Winter kommen noch die Rauchsäulen hinzu, die anzeigen, dass in den chinesischen Häusern geheizt wird, während sie selbst meist nur mit Decken und Körperwärme gegen die sibirische Kälte ankämpfen. Dass es in der Volksrepublik China genug zu essen gibt, kann man aus der Ferne zwar nicht sehen, aber bekannt ist es den Nordkoreanern allemal. Auch wenn sie es offiziell gar nicht wissen dürfen.

Die Demokratische Volksrepublik Korea, wie ihr Land offiziell heißt, gehört zu den ärmsten Staaten der Erde. Ihr Diktator Kim Jong-Il, der sich „Geliebter Führer“ nennen lässt, verbietet seinem Volk seit Jahrzehnten, am wachsenden Wohlstand der Region teilzuhaben. In den neunziger Jahren, als Südkorea bereits zu den entwickelten OECD-Staaten gehörte und in China eine kaufkräftige Mittelschicht entstand, starben in Nordkorea zwischen 600 000 und eine Million Menschen den Hungertod – drei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Und die Not ist nicht Vergangenheit. Nach Angaben von Organisationen wie dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sterben derzeit wieder Nordkoreaner an Unterernährung.

Im Lauf des Winters könnte es zu einer dramatischen Lebensmittelkrise kommen, woran nicht nur Naturkatastrophen und schlechte Ernten schuld sind, sondern vor allem Kims Weigerung, genügend ausländische Hilfslieferungen anzunehmen. Denn damit sein Regime sich an der Macht halten kann, muss Nordkorea bleiben, was es ist: das isolierteste Land auf dem Planeten. In keinem anderen Staat werden Nachrichten aus dem Ausland rigider abgeblockt und durch fabrizierte Wahrheiten ersetzt. Radios sind so gebaut, dass sie nur den offiziellen Staatssender empfangen können. Das Wort Internet dürften die meisten Nordkoreaner noch nie gehört haben.

„Wenn die Staatsmedien alle Probleme des Landes auf die amerikanischen Imperialisten schieben, wird das von den meisten Nordkoreanern geglaubt“, sagt Andrei Lankov, Nordkoreaspezialist an der Kookmin-Universität in Seoul. „Man darf nicht unterschätzen, was für Wunder Propaganda bewirken kann.“ Zweifel oder gar Kritik an der offizielle Linie sind lebensgefährlich. „Gegenüber Widerspruch zeigt das Regime null Toleranz“, erklärt Lankov. „Wer das Falsche sagt, ist innerhalb kürzester Zeit tot, womöglich mit seiner ganzen Familie.“ Doch die hermetische Abschottung und totale Kontrolle ist löchrig geworden.

Weil das Verwaltungssystem marode und die sozialistische Versorgungswirtschaft zusammengebrochen ist, florieren Korruption und Schwarzmärkte. Tausende Nordkoreaner fliehen jährlich über die Grenze. Mit China blüht ein reger Handel, und durch die fremden Produkte verbreitet sich auch eine Vorstellung davon, wie es außerhalb von Nordkorea sein muss. „Die Gesellschaft verändert sich“, sagt Charles Armstrong, Koreanist an der Columbia University in den USA. „Die Menschen bekommen immer mehr Informationen, etwa durch die Berichte von Auslandsreisen, über DVDs oder Telefone.“ In der Grenzregion lässt sich mit eingeschmuggelten Handys im chinesischen Mobilfunknetz telefonieren. Unter den Eliten sind inzwischen auch DVD-Spieler und ausländische Filme verbreitet. „In der Oberschicht wissen alle ziemlich genau Bescheid, wie es um Nordkorea steht“, meint Lankov. Wenn die Eliten dennoch nicht gegen das Regime rebellieren, dann einerseits aus Angst vor Kims Unterdrückungsapparat und andererseits, weil sie zu den Profiteuren der Diktatur gehören. Und solange der Machterhaltungstrieb der Kimdynastie ungebrochen ist, können die Nordkoreaner kaum darauf hoffen, dass die Abwendung einer Hungersnot für ihre Regierung höhere Priorität hat als die eigene Herrschaftssicherung.

Zuverlässige Informationen darüber, wie viel Lebensmittel Nordkorea in den kommenden Monaten fehlen, gibt es nicht. Die Datenlage über die landwirtschaftliche Produktion des Landes ist sogar so schlecht, dass Südkoreas Regierung auf Experimentierfarmen Nordkoreas Anbaumethoden imitiert, um über die Erträge Rückschlüsse auf die Ernährungssituation im Nachbarland zu ziehen. Eine Studie des Washingtoner Peterson-Instituts für Internationale Wirtschaft kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Lage in vielen Teilen des Landes brenzlig sei, wenn auch nicht so schlimm wie in den Neunzigern. Lokale Bauernmärkte lindern die Not.

Bernhard Bartsch / Stuttgarter Zeitung, 14. November 2008

Bernhard Bartsch | 14. November 2008 um 03:42 Uhr

 

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