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Hunderte Tote bei chinesischem Erdbeben

400 Tote und 10.000 Verletzte bei Beben der Stärke 7,1 in der Provinz Qinghai. Die Opfer sind größtenteils Tibeter.

„Wir graben mit den Händen nach Überlebenden. Die Toten liegen auf der Straße und die Verletzten sitzen daneben. Niemand kommt uns zu Hilfe, es ist eiskalt und wir wissen nicht, wo wir heute Nacht schlafen können.“ Mit diesen Worten beschrieb am Mittwochabend ein Augenzeuge am Telefon die Lage nach dem schweren Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai. Am frühen Morgen hatte ein Beben der Stärke 7,1 die Menschen überrascht und die 100.000-Einwohner-Stadt Jiegu größtenteils zerstört. Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua sprach zunächst von 400 Toten und 10.000 Verletzten. Viele Menschen werden allerdings noch unter den Trümmern vermisst. „Es ist mit hohen Opferzahlen zu rechnen, weil das Erdbeben am frühen Morgen passierte und viele der Bewohner noch nicht aufgestanden waren“, zitierte Xinhua einen Experten des nationalen Erdbebenamtes in Peking, Sun Shihong. „Viele sind in eingestürzten Häusern begraben.“ Da es allerdings schon zwei Stunden zuvor leichte Erdstöße gegen hatte, könnte zumindest ein Teil der Menschen vorgewarnt gewesen sein. Bis zum Abend wurden 25 Nachbeben registriert.

Das Epizentrum lag 50 Kilometer westlich von Jiegu, der größten Stadt in der zu 97 Prozent von Tibetern bewohnten Präfektur Yushu. Da sich das Katastrophengebiet in einer abgelegenen und dünn besiedelten Bergregion in einer Höhe von 4000 Meter über dem Meeresspiegel befindet, gestaltet sich die Notversorgung schwierig. Erst knapp sieben Stunden nach dem Beben traf das erste Flugzeug mit Bergungskräften und Hilfslieferungen der Volksbefreiungsarmee ein. Der größte Teil der Rettungsmannschaften wird nicht vor Donnerstag oder Freitag erwartet, weil er auf dem streckenweise schlecht ausgebauten und verschneiten Landweg aus der 800 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Xining unterwegs ist. In Yushu herrscht zu dieser Jahreszeit Dauerfrost, nachts gibt es zweistellige Minusgrade.
Die Pekinger Zentralregierung versicherte, dass alle Kräfte zur Rettung der Opfer mobilisiert würden und schickte Vize-Premier Hui Liangyu, um den Einsatz zu koordinieren.

Doch in den für die Bergung von Überlebenden entscheidenden Stunden nach dem Beben sind die Bewohner von Jiegu weitgehend auf sich allein gestellt. „Unsere Stadtregierung und die Polizei waren auf eine solche Katastrophe offenbar überhaupt nicht vorbereitet“, sagte ein Tibeter. „Die Soldaten und Polizisten kümmern sich nur um die offiziellen Regierungsgebäude im Stadtzentrum, aber nicht um die Wohnbezirke der normalen Bevölkerung.“ Nach Angaben des Krisenstabs sind 85 Prozent der Gebäude der Stadt zerstört, insbesondere die meist aus Holz und Lehm gebauten Wohngebäude.

Das Beben weckt in China Erinnerungen an die verheerende Katastrophe in der Provinz Sichuan im Mai 2008 (siehe Kasten). Damals hatte vor allem der Tod tausender Kinder in marode gebauten Schulen, sogenannten „Tofu-Gebäuden“, die Chinesen schockiert. Inwiefern sich die Tragödie in Jiegu wiederholt, ist noch unklar. Eine Angestellte des lokalen Regierungskindergartens erklärte telefonisch, ihre Gebäude seien zwar beschädigt, es habe aber keine Toten gegeben. Jiegus Pädagogische Hochschule sei dagegen jedoch vollständig in sich zusammengebrochen. „Da sich das Beben über eine Stunde vor Unterrichtsbeginn ereignet hat, dürfte niemand in den Klassenzimmern gewesen sein“, erklärte die Kindergärtnerin. „Allerdings gibt es in Jiegu einige Internate für die Kinder aus der Umgebung.“ Telefonanrufe bei mehreren Schulen wurden am Mittwoch direkt zur Einsatzzentrale des Katastrophenschutzes weitergeleitet, aber nicht beantwortet.

Bernhard Bartsch | 14. April 2010 um 18:00 Uhr

 

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