Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Hörsaal der Hörigen

Erschreckt durch die Umwälzungen im Nahen Osten trimmt Chinas Regierung seine Studenten mit Gewalt auf Linie.

Die Aufforderung zum Verrat erfolgte im Namen der Moral. Pekinger Studenten erhielten kürzlich Formulare mit den Namen ihrer Kommilitonen, auf denen sie beurteilen sollten, wen sie für moralisch vorbildlich hielten – und wen nicht. „Wir waren ziemlich schockiert“, erzählt eine Studentin. Denn keiner machte sich Illusionen darüber, auf welche Informationen es die Universitätsleitung abgesehen hatte: Wer zeichnet sich durch Patriotismus und Parteitreue aus, und wer wagt es, vor anderen Kritik an Chinas Machtstrukturen oder Medien zu üben? „Von seinen Kommilitonen angeschwärzt zu werden, kann schwere Folgen haben, etwa den Ausschluss von Stipendien, Praktikumsplätzen oder Jobs“, sagt die Mittzwanzigerin. „Das sind Zustände wie in der Kulturrevolution.“

Gegenüber ihren Kommilitonen würde sie eine derartige Bemerkung derzeit nicht wagen, aus Angst vor Denunziation. Denn die Kulturrevolution (1966 – 1976) gehört zu den dunklen Kapiteln volksrepublikanischer Geschichte, welche die Partei gerne aus dem kollektiven Gedächtnis löschen würde und über die Chinas Jugend besser nicht sprechen sollte.

Dabei fühlen sich derzeit viele chinesische Studenten an die Zeiten linksradikaler Gehirnwäsche erinnert, die sie nur vom Hörensagen kennen und von denen es eigentlich hieß, sie seien ein für alle Mal vorbei. Doch neuerdings wird ideologische Schulung an den Universitäten wieder groß geschrieben und unverhohlen davor gewarnt, von der Parteilinie abzuweichen – offenbar eine Reaktion auf die Revolten im Nahen Osten. „Die Volksaufstände in Nordafrika und im Nahen Osten schüren in der kommunistischen Partei Ängste, dass es auch in China zu Unruhen kommen könnte“, sagt Zheng Yongnian, Direktor des Instituts für Ostasienstudien in Singapur. „Um das zu verhindern, sind ihr alle Mittel recht.“

Zahlreiche Studenten und Dozenten Pekinger Universitäten berichten, dass sich das geistige Klima in den vergangenen Monaten gewaltig verschlechtert habe. Um die Jugend auf Linie zu halten, wurden an vielen Universitäten neue Überwachungsstrukturen geschaffen, mit denen Studenten, die aus der Reihe tanzen, identifiziert und wieder in Reih und Glied gebracht werden sollen.

„Früher konnte man im Unterricht offen über alles reden, aber neuerdings reagieren die Studenten verschreckt, wenn man politisch sensible Themen anspricht“, sagt ein ausländischer Professor, der seit vielen Jahren in China unterrichtet. „Keiner will vor seinen Kommilitonen etwas Falsches sagen.“ In vielen Klassenräumen seien kürzlich offen sichtbar Überwachungskameras und Mikrofone angebracht worden, angeblich zum Schutz vor Dieben, aber dieser Begründung glauben auf dem Campus wenige.

Ein anderer Dozent berichtet von einer Sprachstudentin, die in ihrer Abschlussarbeit einen kritischen Vergleich der journalistischen Standards chinesischer und westlicher Medien angestellt hatte. „Inhaltlich und sprachlich war die Arbeit hervorragend“, sagt der Betreuer. „Aber als die Unileitung davon erfuhr, wurde eine Kritiksitzung einberufen und die Bewertung zur Strafe herabgesetzt.“ Die Studentin muss den ideologischen Fehltritt mit schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt bezahlen – ein Fall, der anderen Studenten als warnendes Beispiel dient.

Chinas Studenten sind nicht die Einzigen, die derzeit unter Druck stehen. Auch für Journalisten oder Bürgerrechtler werden die Spielräume sukzessive kleiner. Als Ausgangsdatum der Kampagne sehen viele chinesische Beobachter die Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratieaktivisten Liu Xiaobo.

Bisheriger Höhepunkt ist die Verhaftung des Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei. „Die Summe der Ereignisse ist besorgniserregend und zeigt einen klaren Trend“, sagt Markus Löning (FDP), Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, der diese Woche in China war. „Im politischen Bereich sind die Reaktionen auf kritische Äußerungen im vergangenen Jahr deutlich schärfer geworden.“

Dass die Partei besonders die Universitäten ins Visier nimmt, hat gute Gründe. „Die Regierung weiß noch sehr genau, dass die letzte große Herausforderung ihrer Macht im Frühjahr 1989 von den Studenten ausging“, sagt Politologe Zheng. Keine chinesische Gesellschaftsgruppe weiß besser über das Weltgeschehen Bescheid als die gut ausgebildete Jugend, die per Internet und dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse Zugang zu Informationen hat, die Peking seinem Volk lieber verheimlichen will, seien es wunde Punkte in der chinesischen Geschichte oder Details über den zivilen Ungehorsam in Tunesien, Ägypten oder Libyen.

Außerdem sehen viele chinesische Studenten ihrer Zukunft mit großer Sorge entgegen. „Die Akademikerarbeitslosigkeit ist für die Regierung ein großes Problem“, sagt der Soziologe Li Tao von der Singapore National University. „Vor einigen Jahren war ein Universitätsstudium noch ein Garant für einen guten Job, aber inzwischen müssen viele junge Menschen feststellen, dass sie ihre Träume trotz fleißigen Lernens nicht erfüllen können.“ Paradoxerweise profitiere die zweite Generation des chinesischen Wirtschaftswunders weniger von dem Aufschwung als die erste. „China steht vor gewaltigen sozialen Problemen, für die noch keine Lösung in Sicht ist“, sagt Li.

Derartige Erkenntnisse widersprechen Pekings optimistischen Prognosen, dass China unter der Führung der KP einen „wissenschaftlichen Entwicklungsweg“ eingeschlagen habe, auf dem das Leben immer besser werde. Umso wichtiger ist es deshalb für die Regierung zu verhindern, dass sich an den Universitäten falsche Gedanken ausbreiten.

Führend ist dabei die renommierte Peking Universität, die kürzlich ein Zentrum einrichtete, an dem auffällige Studenten zu Beratungsgesprächen vorgeladen werden sollen. Zu den „Zielstudenten“ gehörten solche mit „radikalen Gedanken“ und „unabhängigem“ oder „exzentrischem“ Lebensstil, hieß es in einer offiziellen Mitteilung der Uni. Auch Studenten mit psychischen Problemen, chronischen Krankheiten oder Geldsorgen sollen hier Hilfe bekommen und mit den Beamten „ideologische Probleme und praktische Themen“ besprechen“. Das Studentenbüro jeder Fakultät steht jeweils dafür gerade, dass an der Abteilung keine Unregelmäßigkeiten auftreten.

Im chinesischen Internet rief die Ankündigung der für ihre freiheitlichen Traditionen bekannten Elitehochschule wütende Reaktionen hervor. Intellektuelle beschwerten sich, dass damit unabhängiges Denken unterbunden und Chinas Fortschritt in Richtung einer modernen Wissensgesellschaft behindert werde. „Wie definiert die Peking Universität eigentlich radikale Gedanken?“, mokierte sich ein Blogger. „Radikale Gedanken sollten wir nicht verhindern, sondern fördern, denn wenn China eine blühende Zukunft haben soll, brauchen wir bessere Ideen, als die Partei zu bieten hat.“

Bernhard Bartsch | 20. Mai 2011 um 02:48 Uhr

 

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