Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Hoher Spann

Wie man für 30 Mark in Fußstapfen des Großen Vorsitzenden treten kann – ein Besuch bei Maos Schuster.

Peng Jizeng

Der, den wir suchen, ist in keinem Pekingführer aufgelistet. Kein Reisebüro kennt seinen Namen und kein Wegweiser verrät, wo er zu finden ist. Allzu verwechselbar ist sein altes Hofhaus. Wäsche hängt im Gang, auf dem Boden sind runde Kohlebrickets aufgestapelt und mitten auf dem Weg steht eine große Plastikwanne mit frisch gespühltem Geschirr.

Doch unter Freunden von Mao-Kitsch und Kommunismus-Nostalgie wird die Wegbeschreibung zu seinem Haus als eine kleine, geheime Sensation weitergegeben: Peng Jizeng nähte Maos Schuhe. Und der 81jährige, den alle nur „Maos Schuster“ nennen, ist noch immer voll im Geschäft. 500 Meter südlich vom Platz des Himmlischen Friedens, wo in einem Protzbau Maos mit Formaldehyd aufgepumpte Leiche aufgebahrt ist, liegt in einem kleinen, verwinkelten Gässchen seine winzige Wohnung.

Peng freut sich über Besuch. Und schon auf den ersten Blick hält er, was die Gerüchte über ihn versprechen: Maos Schuster ist der skurrilste und liebenswürdigste spin-off des Maokults. Der kleine Kahlkopf mit dem Maoanzug bildet mit seinem dunklen Sechs-Quadratmeter-Zimmer eine harmonische Einheit: Alles ist hier  der Schuhmacherei gewidmet. Bis unter die Decke stapeln sich Leder und Leisten. Auf dem Tisch steht ein verschmierter Leimtopf, daneben einige Flaschen Schnaps. Ein wenig Licht fällt durch die speckigen Fenstergläser und beleuchtet eine Nähmaschine. Hinten ein schmales Bett.

„Ich hatte nie ein Schild an meiner Tür“, lacht  Peng mit zahnlosem Mund, „aber die Leute haben mich immer gefunden.“ Er weiß, warum wir gekommen sind und fürchtet sich nicht vor der großen Nikon, die wir verstohlen aus dem Rucksack kramen. Er nimmt die blaue Kappe ab, rückt seine Maokluft zurecht, setzt sich an die Nähmaschine und guckt in die Kamera. Klick, klick. Peng lächelt nicht und macht keine Faxen. Auch in der Selbstdarstellung ist Peng ein solider Handwerker.

So sehr wir auch suchen – von der Mao-Kleidung abgesehen, fehlt jede Spur des großen Vorsitzenden. Kein Poster, kein rotes Buch und nichts von all dem Devotionalien-Kitsch, der nur hundert Meter entfernt den Touristen angeboten wird.

„Sie haben also für Mao die Schuhe gemacht?“ versuchen wir ihn zu locken. „Ja, Schuhe machen ist mein Beruf – schon seit 67 Jahren“, beginnt Peng zu erzählen. Seine Kindheit verbrachte der Bauernsohn auf dem Feld; wo damals die arme Familie ihren Lebensunterhalt zusammenstotterte, liegt heute der Pekinger Flughafen. Mit vierzehn schickte der Vater seinen Sohn als Schusterlehrling in die Stadt – gegen Kost und Logis. Zum Frühlingsfest gab es Einkaufsgeld für neue Kleidung. Die Werkzeuge, mit denen er heute arbeitet, erinnern noch an diese Zeit. „Das war noch echtes Handwerk.“ sagt er, schüttelt traurig den Kopf und läßt uns auf dem Bett Platz nehmen. Wir müssen unsere Schuhe ausziehen, und der alte Schuster kritisiert, wie minderwertig unsere teuren Timberland-Boots verarbeitet sind: „Pappe in der Sohle und viel Plastik.“ erklärt er und zeigt uns ein Paar von ihm gefertigter Halbschuhe: Feines, festes Obermaterial, die Sohle ist aus dickem Leder, vielfach genagelt. Robuste, klassische Handarbeit.

„Als ich in der Lehre war, konnten sich nur wenige Leute Lederschuhe leisten.“ erzählt er, „Chinesen tragen traditionellerweise Stoffschuhe. Die sind bequem und günstig.“ Nach zwei Jahren entschied der Meister, daß ihm nun ein Monatslohn von drei Yuan fünfzig zustehe – gerade genug für einen Sack Getreide, von dem die Familie einen Monat lang essen konnte. 1941, Peking war damals schon seit vier Jahren von den Japanern besetzt, brach eine große Reisknappheit aus und Peng konnte es sich nicht länger leisten, in Peking zu bleiben. So ging er nach Zhangjiakou in der Provinz Hebei, fünf Stunden Zugfahrt von Peking entfernt. Im Yirong, dem größten Kaufhaus am Ort, betrieb er einen halb-unabhängigen Schuhmacherstand. Vier Jahre später vertrieben die Kommunisten die japanischen Besatzer und läuteten die große Gleichheit für alle ein. Der Kaufhausbesitzer erkannte die Zeichen der Zeit und rettete seinen Kopf, indem er all seinen Besitz schnell seinen Mitarbeitern überschrieb. Doch Peng galt nicht als vollwertiges Mitglied der Belegschaft und wurde von der großen Vergesellschaftung ausgeschlossen. Und in diesem Moment vollbrachte Peng – ohne recht zu wissen, was er da eigentlich tat – eine kleine Ungeheuerlichkeit: Während die Kommunisten der chinesischen Gesellschaft die Idee des Gleichheitsparadieses überstülpten und allen Privatbesitz ausmerzten, eröffnete Peng seine eigene Schusterei.

Plötzlich schwappt aus dem  Nachbarzimmer das elektronische Tingeltangel eines Computerspiels in den Raum und ein Teenager ruft: „Opa,  Telefon.“ Doch Peng hat keine Zeit. Zu sehr hat er sich darein vertieft, von den Zeiten zu schwärmen, als Schuhe noch Kleidung und nicht Konsum waren. Sein ganzes Schuh-Repertoire hat er vor uns aufgebaut: Halbschuhe, Stiefeletten, chinesische Stoffschuhe und lederne Hausschuhe mit aufgesetzten Wülsten, die aussehen wie Pascha-Puschen von Prada.

“Was hatte Mao denn für Füße?“ versuchen wir ihn zum Grund unseres Besuches zurückzubringen. Peng seufzt und kramt aus einem Schränkchen einen alten Leisten hervor. Wie eine Reliquie, die man ankucken, aber nicht anfassen darf, streckt er ihn uns entgegen. „Ein ungewöhnlich hoher Spann.“ diagnostiziert er, und weil wir uns sichtlich genieren, blickt Peng aufmunternd auf unsere Kamera. Klick, klick. Geduldig präsentiert der alte Schuster seine Trophäe. Er macht alles mit, ohne sich zum Pathos zwingen zu lassen.

Peng ist ein bodenständiger Mensch. Als in den 50er Jahren in mehreren Kampagneschüben die letzten Privatwirtschaftsgeschwüre beseitigt werden sollten, wiedersetzte er sich. Mit Erfolg: 1958 war sein Schuhladen die letzte kleine Privatwirtschaftsenklave in Zhangjiakou. Bedingung: Sein Geschäft mußte klein und unauffällig bleiben. „Klein ist öde“, meinte Peng, ging nach einigen Jahren zurück nach Peking und bekam, was er wollte: Eine Stelle imSchuhladen Neiliansheng, dem berühmtesten Schuhladen der Hauptstadt, der die Großen und Wichtigen des Landes belieferte.

„Und da haben sie also Mao getroffen?“ Der Alte überhört die Frage. „Ich war stolz auf meine Arbeit.“ entgegnet er, während er den Leisten vorsichtig wieder verstaut. „Ich wollte gar nicht Geld verdienen, ich wollte einfach nur gute Arbeit machen.“ Daß er Schuhe für Mao, Zhou Enlai und andere hohe Kader nähte, war für ihn immer nur eins: Bestätigung seiner Handwerkskunst. Und daß er den großen Vorsitzenden, dessen Füße er in und auswendig kennt, nie gesehen hat, ist für ihn kein Problem. „Der Chef ging zum Ausmessen und Liefern,“ erinnert er sich, „wir waren nur einfache Arbeiter.“ Das klingt nach dem kommunistischen Ideal des kleinen Rädchens im großen Getriebe. Doch auf diesem Ohr ist Peng taub: „Was soll ich mich mit Partei und Marxismus beschäftigen,“ meint er, „wo ich doch nicht mal lesen und schreiben kann?“

Als er 1980 das Pensionsalter erreichte, konnte man bei Neiliansheng nicht auf ihn verzichten und bat ihn zu bleiben. Peng wurde zum Schuster für beondere Fälle: Jahrelang schneiderte er  für die Pekinger Filmstudios klassische Mongolenstiefel, eine Besonderheit, die er in Zhangjiakou gelernt hatte.
„Und Mao, was war nun mit Mao?“ Peng nimmt ein Paar Stoffschuhe mit Ledersolen vom Tisch und eine geflochtene Bastsohle aus dem Regal über seinem Kopfkissen. „Mao trug immer nur Stoffschuhe mit Bastsohle.“ sagt er. „Er machte sich nichts aus teuren Sachen.“

Umgerechnet 30 Mark will Peng heute für ein paar massgeschneiderter Mao-Slipper haben. Billiger ist die Massenware in den Konsumtempeln der Prachtstraße Wangfujing auch nicht, und Pengs Qualität ist unschlagbar. „Die jungen Leute können das alles nicht mehr.“ Er kniet auf dem Boden und skizziert unsere Füße auf ein Stück Packpapier. „Sie haben seit der Gründung der Volksrepublik immer ein gutes Leben gehabt und genug zu essen. Da wollen sie nicht lernen.“

Für Peng eine Marktlücke: Vor einigen Jahren gründete er mit zwei gleichaltrigen Kollegen noch einmal eine kleine Schusterei. Da war er zwar nicht mehr der einzige Privatunternehmer in der Stadt, dafür aber der älteste. Doch der Laden wuchs ihm über den Kopf und er arbeitet nun zuhause. Um Aufträge muß er sich nicht sorgen: Die Mund-zu-Mund-Propaganda unter Mao-Groupies funktioniert bestens. Mehrmals pro Woche kommen Besucher, fast ausschliesslich Ausländer. Denn die Chinesen sind ihrem großen Vorsitzenden, der China aus der einen Katastrophe rettete um es gleich in die nächste zu führen, in einer innigen Haßliebe verbunden, die keinen Spaß versteht. Westliche Altachtundsechziger und ihre sich in politischer Unkorrektheit ahlenden Kinder sind dagegen ganz vernarrt in den alten Revolutionär, der für sie in Andy Warhols Pop-Porträt am besten getroffen ist. Begierig kaufen sie auf Chinas Flohmärkten all den Trödel, den chinesische Familien aus ihren Wohnungen verbannt haben: vergilbte Fotos, Mao-Büsten und Wecker, auf denen der große Vorsitzende im Sekundentakt winkt.

„Die Hälfte jetzt, die Hälfte bei Abholung,“ sagt Peng und setzt sich seine blaue Kappe auf, um uns durch den langen Gang zurück auf die Straße zu begleiten. In zwei Wochen sind unsere original Mao-Schuhe abholbereit.

Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 4. August 2001

Bernhard Bartsch | 04. August 2001 um 12:43 Uhr

 

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