Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Herz in Sojasoße

Mo Yans Romane sind auch eine Liebeserklärung an seine Heimatregion Gaomi. Jetzt ist der Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers eine nationale Attraktion.

Sie haben die Rettiche aus dem Boden gerissen, und die Äste von den Bäumen gerupft. Mehrere Dachziegel sind verschwunden, und aus dem Plumpsklo in der Ecke des Hofes stinkt es. „Alles ziemlich verrückt“, brummt Guan Moxin bei seinem täglichen Inspektionsgang durch das kleine Gehöft seines Bruders. Zum Glück lasse sich die Haustür abschließen, meint Guan, sonst hätten die Souvenirjäger sicher auch drinnen geplündert. Nicht, dass in dem verlassenen Bauernhaus etwas Wertvolles zu holen wäre: ein alter Wok, ein paar zerzauste Besen, eingestaubte Bettmatten, zwei kaputte Koffer. Doch seit der ehemalige Bewohner am 11. Oktober den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen hat, ist seine Geburtsstätte im ostchinesischen Landkreis Gaomi eine nationale Attraktion geworden, und sein älterer Bruder zu ihrem unfreiwilligen Verwalter.

„Auf diesem Bett wurde Mo Yan geboren“, sagt Guan, während er in einem Zimmer des mit gelbem Lehm verputzten Hauses steht,“und das hier war sein Ehebett.“ Hinter ihm drängt sich eine Gruppe Eisenbahnarbeiter in den Raum. Sie bauen in der Gegend eine Schnellbahntrasse und haben gehört, dass nahebei das Geburtshaus von Chinas erstem Nobelpreisträger sei – das jedenfalls ist die Lesart der Kommunistischen Partei, die frühere Preisträger wie den inhaftierten Aktivisten Liu Xiaobo oder den Exilschriftsteller Gao Xingjian tot schweigt. Die Eisenbahnarbeiter jedenfalls sind einfach vorbeigekommen, und weil Guan ein höflicher Mensch ist, hat er ihnen aufgemacht. So wie schon unzähligen Besuchern vor ihnen. Allein zweihundert Journalisten habe er in den vergangenen Wochen empfangen, schätzt er. Mo Yan sei in Peking und gehe seit Wochen nicht ans Telefon. „Wahrscheinlich will er mit all dem hier nichts zu tun haben.“

Dabei ist Gaomi Mo Yans Welt. Der 57-jährige Romancier ist nicht nur hier geboren worden. Der Landkreis in der Provinz Shandong ist auch Schauplatz der meisten seiner rund zwanzig Romane. „In diesem Buch beschwöre ich die erzürnten Geister der Helden, die durch die grenzenlosen roten Hirsefelder meiner Heimat schweifen“, lautet die Widmung, die er seinem ersten Bestseller „Das Rote Kornfeld“ voranstellte, einem Epos über Gaomi im antijapanischen Krieg. „Ich, euer unwürdiger Nachkomme, bin bereit, mir das Herz aus der Brust zu reißen, es in Sojasauce einzulegen, durch den Fleischwolf zu drehen, auf drei Essschälchen zu verteilen und es euch in den Hirsefeldern als Opfergabe darzubringen. Guten Appetit!“

Derart exaltierte Liebeserklärungen an Gaomi sind für viele Kritiker der Stoff, aus dem Mo Yans gesamtes Werk vor allem gestrickt ist. Hier verbrachte er die ersten 21 Jahre seines Lebens, in denen er noch seinen bürgerlichen Namen Guan Moye trug. Er ging dann zur Armee und wurde von dort bald ins Korps der staatlich bezahlten Autoren aufgenommen und nahm den Künstlernamen Mo Yan an. „Keine Worte“ bedeutet das in etwa. Dem Korps gehört Mo Yan bis heute an, außerdem ist er Vizepräsident des staatlichen Schriftstellerverbandes, weswegen Regimekritiker die Vergabe des Nobelpreises an ihn scharf kritisierten. Mo Yans Frau, die er während der Kulturrevolution bei der Arbeit in einer Fabrik kennengelernt hat, lebte mit der gemeinsamen Tochter bis 1988 in dem alten Lehmhaus. Dann nahm sich die Familie eine Wohnung in der Kreisstadt und begann, den größten Teil des Jahres in Peking zu verbringen. „Aber Mo Yan kommt noch immer häufig zurück“, erzählt sein Bruder, „und wenn er hier ist, fügt er sich ein, als wäre er nie weggegangen.“

Man würde gerne mit Mo Yan selbst darüber sprechen. Doch der Preisträger ist seit Mitte Oktober abgetaucht, um seine Nobelvorlesung zu schreiben, die er an diesem Freitag in Stockholm halten wird, bevor die Preise am kommenden Montag offiziell verliehen werden. 2009 erzählte er in einem Interview mit diesem Autor aber ausführlich, wie sehr seine Literatur in Gaomi verwurzelt ist. „Gaomi ist meine literarische Heimat“, sagte er damals. Zwar habe er als junger Mann wie viele Chinesen versucht, dem Landleben zu entkommen. Beim Schreiben habe er sich aber immer wieder auf seine Heimat zurückgeworfen gefühlt. „Erst hat mich das eingeschränkt“, gestand er. „Aber dann habe ich gemerkt, was für ein Schatz das ist.“

Denn zur Schriftstellerei brachten ihn nicht die großen Werke der Literatur, sondern die Geschichtenerzähler seiner Heimat, die das Volk abends mit wilden Anekdoten von Helden und Schönheiten, Geistern und Dämonen unterhielten. Ihre Erzählweise, drastisch und ungestüm, ist zur Sprache seiner Bücher geworden, und ihre Stoffe beflügeln bis heute seine Fantasie. „Die Weltliteratur ist immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben, der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht“, sagte Mo Yan vor drei Jahren im Interview. „Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, bei mir eben Gaomi.“ Natürlich sei das Gaomi seiner Büchern nur zum Teil echt, aber seine Beschreibungen von Brutalität, Leiden und Exzessen hätten durchaus reale Wurzeln und viele seiner Nachbarn oder Verwandten seien Vorbilder seiner Romanfiguren geworden.

Mo Yans jüngstes Werk mit dem Titel „Frosch“ basiert etwa auf der Lebensgeschichte seiner Tante Guan Yilan, die fünfzig Jahre lang als sogenannte Barfußärztin in den Dörfern der Region unterwegs war und die Bauern mit ihrem selbst angeeigneten medizinischen Wissen versorgte. „Ich habe Moye zur Welt gebracht und später auch seine Tochter“, erzählt die 75-Jährige. Wie die meisten Familien in Gaomi wohnt auch ihre nicht mehr in einer Lehmhütte, sondern hat sich vor einigen Jahren ein Steinhaus gebaut. Das Geld stammt zumeist von den jüngeren Verwandten, die ihr Glück in Chinas boomenden Städten wie dem 100 Kilometer entfernten Qingdao gesucht haben. Auf Tante Guans Hof geht es noch immer bäuerlich zu. Hühner gackern, Mais liegt zum Trocknen aus, im Toreingang plaudert ihre Tochter mit den Nachbarn. „Moye hat immer gerne zugehört“, erinnert sich Guan. „Wenn ich von meinen Hausbesuchen erzählt habe, konnte er nie genug bekommen.“ Schon früh habe der Junge angefangen, sich auch selbst Geschichten auszudenken, denen die anderen Kinder gebannt zuhörten, obwohl sie ihnen nachts Alpträume bescherten. Dass Moye Schriftsteller wurde, habe deshalb niemanden gewundert, auch wenn die Welt der Literatur den Dorfbewohnern fremd sei. Seine vielen Bücher, die der treue Neffe der Tante über die Jahre schenkte, habe sie an ihre Kinder weitergegeben, erzählt Guan, auch den neuen Roman über ihr eigenes Leben. „Meine Kinder können mehr damit anfangen als ich“, sagt die alte Laienärztin, aber das kann auch einfach eine diplomatische Antwort sein. Denn auch ihre Tochter erklärt, dass sie schon lange nichts mehr von ihrem Cousin gelesen habe, und vielleicht bedeutet „schon lange“ auch „noch nie“.

Es ist schwer, in Gaomi jemanden zu finden, der neben Mo Yan, dem früheren Dorfbewohner, oder Mo Yan, dem Nobelpreisträger, auch Mo Yan, den Autor, kennt. Erkundigt man sich bei den Nachbarn nach seinen Büchern, lachen sie nur. Selbst sein Bruder gesteht ein, schon länger nichts mehr von ihm gelesen zu haben, und auf die Frage, was ihm in Erinnerung geblieben sei, erklärt er, alle Bücher seien sich doch „recht ähnlich“. In Gaomis staatlicher Buchhandlung liegen zwar große Stapel mit Neudrucken aus, doch selbst hier kennen die Verkäuferinnen nur „Das Rote Kornfeld“ – in der Verfilmung des Starregisseurs Zhang Yimou, der für seinen Regieerstling 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt. Zwar hätten sich Mo Yans Romane seit Mitte Oktober gut verkauft, erzählen die Buchhändlerinnen, doch die Kunden seien vorwiegend Behördenmitarbeiter aus dem Landkreis, die Mo Yans gesammelte Werke als Geschenke verteilten.

Einer, der die Werke, die das Nobelpreiskomitee für ihren „halluzinatorischen Realismus“ lobte, tatsächlich gelesen hat, ist Zhao Chunsheng. Der Parteisekretär von Gaomis Kulturamt thront im zwölften Stock des Regierungsgebäudes in der gleichnamigen Kreisstadt. Hinter schweren Sofas stapeln sich die Präsente, die er in den vergangenen Tagen bekommen hat: edle Tees, teurer Schnaps und eine Kiste mit Rettichen. Auf dem Schreibtisch steht ein Bild von Zhao mit Mo Yan. Kennengelernt haben sie sich bei den Dreharbeiten zu „Das Rote Kornfeld“, und Zhao, damals selbst ein ambitionierter Romanschriftsteller, zeigte dem erfolgreichen Kollegen seine Manuskripte. „Mo Yan sagte: Deine Sprache ist so schön, dass du lieber Gedichte schreiben solltest“, erinnert sich Zhao lachend. Er verstand den Hinweis und schlug die Beamtenlaufbahn ein.

Freunde seien sie trotzdem geworden, sagt Zhao. Nach der Nobelpreisverkündung war Zhao der erste, der bei Mo Yan klingelte. „Er war sehr ruhig“, erzählt er. „Ich sagte, er solle feiern und Feuerwerk anzünden, aber er meinte, das würde nur die Anwohner stören, also gingen wir ein Bier trinken.“ Seitdem ist der Kulturkader zu Mo Yans inoffiziellem Pressesprecher geworden. Er organisiert seine Interviews und füttert die Presse mit Details zu den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten: Dass Mo Yan sich für das Rahmenprogramm Gaomis traditionelle Maoqiang-Musik gewünscht hat, dass er für den Preisträgerball extra Walzer gelernt hat und dass er fünf Anzüge einpackt, darunter einen Frack und einen Mao-Anzug, all das hat die Welt von Zhao erfahren.

„Für unseren Landkreis ist Mo Yan natürlich ein Glücksfall“, sagt der Beamte. Denn der Nobelpreis bietet Gaomi die Chance, mehr von Chinas Fortschritt zu profitieren als nur durch die Entsendung von Wanderarbeitern. Schon in der Vergangenheit bemühte sich Mo Yan, seiner Heimat Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bei der Verfilmung von „Das Rote Kornfeld“ bestand er darauf, dass die Dreharbeiten in Gaomi stattfanden. Viele seiner Nachbarn bekamen Komparsenrollen. Eine lokale Schnapsbrennerei nutzte den Filmerfolg, um einen nach der Hauptfigur benannten Hirseschnaps auf den Markt zu bringen, für den Mo Yan bereitwillig Werbung macht. Und im Jahr 2010 begründete Zhao ein Rotes-Kornfeld-Fest, das jeden Herbst Besucher anziehen soll. Der Romanstoff wurde dafür als Oper und Ballett aufbereitet.

Doch neuerdings hat Zhao ehrgeizigere Pläne: Er will „Rotes Kornfeld“ zu einer Tourismusmarke ausbauen, die das ganze Jahr über für Gäste sorgt. „Wir führen bereits Gespräche mit Investoren, die einen Rotes-Kornfeld-Erlebnispark bauen wollen“, erzählt er. Dort könnte es unter anderem einen Nachbau der Filmstadt geben und Aufführungen der Schlachten gegen die japanischen Besatzer, die Mo Yan in seinem Buch plastisch beschreibt. “

Auch Mo Yans Geburtshaus soll bei dem Vorhaben natürlich eine Rolle spielen“, erklärt Zhao. Bisher sei aber keine Gelegenheit gewesen, mit dem Autor darüber zu sprechen. Auch sein Bruder Guan Moxin weiß noch nicht, was mit dem kleinen Anwesen einmal passieren soll. Doch damit es der Familie keine Schande macht, hat er nach dem ersten Besucheransturm 3000 Yuan, das sind 360 Euro, von seiner Rente investiert, um den Hof ein wenig herrichten zu lassen. Neben der Haustür hat er ein Schild mit der Aufschrift „Mo Yans alte Wohnstätte“ angebracht, vor dem sich die Besucher fotografieren können. Auch an der Landstraße gibt es inzwischen einen Wegweiser. „Am Anfang habe ich noch gedacht, der Besucherstrom wird nach ein paar Tagen nachlassen“, sagt Guan. „Aber wahrscheinlich geht es jetzt immer so weiter.“

 

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 08:05 Uhr

 

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