Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Herr Guan teilt aus

Eine chinesische Ratingagentur zweifelt an der Kreditwürdigkeit der USA: ein PR-Gag oder ein Signal, dass Washingtons größter Gläubiger das Vertrauen verliert?

Die Ratingagentur Dagong Global Credit Rating ist alles andere als ein Global Player. Doch seitdem das Pekinger Bewertungshaus Zweifel an der Kreditwürdigkeit der USA geäußert hat, kann sich Firmenchef Guan Jianzhong vor Interviewanfragen kaum retten. Wenn sich die Haushaltslage der USA nicht bald verbessere, „werden wir die US-Anleihen definitiv herabstufen“, gab Guan mehrfach zu Protokoll. Zwar sagt er damit kaum etwas anderes als der US-Branchenriese Moody’s. Doch Zeichen aus Peking, Washingtons größtem Gläubiger, werden an den Finanzmärkten besonders aufmerksam verfolgt. Spricht Dagong nur für sich selbst – oder benutzt Chinas Regierung die Agentur, um ihren Vertrauensverlust gegenüber US-Staatsanleihen zu signalisieren?

Dass die Schuldenkrise Peking große Sorge bereitet, ist offensichtlich: Regelmäßig fordert China von den USA, für die Sicherheit seiner Anlagen zu sorgen. Zwischen 50 und 70 Prozent der chinesischen Devisenreserven, mit 3,2 Billionen Dollar die höchsten der Welt, sind in US-Schatzbriefen geparkt. Wie viel Macht Peking damit in Washington ausübt, ist allerdings umstritten. Während die einen glauben, dass die US-Wirtschaft weitgehend vom guten Willen Chinas abhängig ist, meinen andere, dass Peking gar keine andere Wahl hat, als Washington weiter Geld zu leihen. Schließlich sind die USA die größten Kunden chinesischer Exporte, und die Gefahr einer neuen Finanzkrise ist auch für Chinas Kommunistische Partei höchst bedrohlich. Dass Peking in den vergangenen Monaten vielen europäischen Regierungen in großem Maßstab Anleihen abgekauft hat, kann zwar als Zeichen gewertet werden, dass die Chinesen ihre Dollar-Investitionen zurückschrauben und ihr Risiko streuen. Ebenso gut kann es jedoch als chinesische Bemühung verstanden werden, das internationale Finanzsystem zu stabilisieren.

Die Bewertungen der Dagong Global Credit Rating dürften dabei kaum eine Rolle spielen. Das 1994 gegründete Unternehmen ist die kleinste von Chinas vier Bewertungsagenturen und die einzige, die keine internationalen Partner hat. Dagongs Konkurrenten kooperieren mit den „Drei Großen“ der internationalen Ratingindustrie: Moody’s ist an China Chengxin International Credit Rating beteiligt, Fitch hält Anteile an China Lianhe Credit Rating und Standard and Poor’s hat eine Partnerschaft mit Shanghai Brilliance Credit Rating. Dass Dagong Kunden für seine Bewertungen von US-Anleihen hat, ist unwahrscheinlich. Denn chinesische Anleger haben gar keine Möglichkeit, US-Staatspapiere zu kaufen. Die chinesische Zentralbank, die Chinas Devisenreserven verwaltet, beschäftigt ihre eigenen Analysten. So dürften Dagongs Analysen vor allem der Eigen-PR dienen. Im November hatte Dagong die US-Anleihen schon einmal abgewertet, nachdem der Fed neues Geld ins System gepumpt hatte – eine Maßnahme die von Peking scharf kritisiert wurde, weil mit einem schwächeren Dollar auch der Wert der chinesischen Anleihen sinken würde. „Wir wollen in der Welt gehört werden, und wir sind dabei auf dem richtigen Weg“, erklärte Guan diese Woche unverhohlen. Dem internationalen Medienecho nach zu urteilen hat die Aktion Dagongs eigener Bewertung gut getan.

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2011 um 11:17 Uhr

 

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