Bernhard Bartsch

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Heißes China

Während sich die Weltwirtschaft nur langsam erwärmt, kämpft China bereits wieder gegen eine Überhitzung.

Peking. China scheint derzeit mit Luxusproblemen zu kämpfen. Während der Rest der Weltwirtschaft noch immer damit ringt, nach der Krise zu substanziellen Wachstumsraten zurückzufinden, bemüht sich Peking bereits wieder darum, seinen Boom zu drosseln: Die Volksrepublik erhöhte ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 5,56 Prozent und belastete damit weltweit die Aktienmärkte.

Dass die aktuell stärkste globale Wachstumslokomotive die Bremse zieht, kam für viele Marktteilnehmer offenbar überraschend. Dabei zeigt die Entscheidung nur erneut, dass Chinas Wirtschaft vor ganz anderen Problemen steht als die westlichen Industrienationen. Ihre größte Herausforderung besteht nicht darin, hohe Wachstumsraten zu erreichen – dass sie dazu mit hohen Staatsinvestitionen in der Lage ist, hat sie seit Ausbruch der Finanzkrise eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Viel schwieriger ist es, Chinas Wirtschaft auf einen nachhaltigen Entwicklungsweg zu steuern – und dabei gilt, dass nicht alles Wachstum auch automatisch gutes Wachstum ist.

Schon vor der Krise wollte die Regierung ihr Wirtschaftsmodell umstellen: weg von Exportabhängigkeit, Ressourcenverschleiß und Umweltverschmutzung, hin zu Binnenkonsum, Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit. Angesichts des Konjunktureinbruchs musste sie den Pfad der Tugend verlassen und die Wirtschaft mit hohen Infrastrukturinvestitionen und einer Politik des billigen Geldes am Laufen halten. Das schaffte zwar Millionen Jobs, vor allem für die arme Landbevölkerung. Doch die Maßnahmen gaben auch neuen Investitionsblasen Nahrung und befeuerten Spekulationen am Aktien- und Immobilienmarkt. Das Ergebnis waren wachsende Wohnungs- und Verbraucherpreise. Die Inflationsrate lag zuletzt mit 3,5 Prozent über der von der Regierung angestrebten Höchstmarke von drei Prozent.

Höhere Zinsen sollen die Nachfrage drosseln und damit den Preisanstieg bremsen. Gleichzeitig sollen sie signalisieren, dass die Regierung ihre Ankündigungen ernst meint, die Erhöhung der Immobilienpreise einzudämmen. Einige Experten rechnen damit, dass noch weitere Zinserhöhungen folgen werden. Die Analysten der Deutschen Bank erwarten in den kommenden zwölf Monaten zwei weitere Anhebungen, die UBS geht sogar von drei Zinserhöhungen aus. Und die Leitzinsen sind nur eine von mehreren Maßnahmen, mit denen die Regierung die Wirtschaft vor der Überhitzung zu bewahren versucht.

Nachdem die Kreditvergabe in den vergangenen Jahren explodiert war, mussten die Geschäftsbanken die Eigenkapitalquote erhöhen und bekamen Kreditober-grenzen auferlegt. Auch die Anhebung des Yuan-Kurses um rund drei Prozent in den vergangenen zwei Monaten ist in diesem Zusammenhang zu sehen: Ein stärkerer Yuan verbilligt Importe und vermindert damit den Inflationsdruck. Experten erwarten allerdings, dass der Yuan-Anstieg fürs erste beendet ist. Chinas Zentralbank möchte keine großen Experimente machen, sondern lieber mehrere kleine.

Bernhard Bartsch | 20. Oktober 2010 um 03:36 Uhr

 

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