Bernhard Bartsch

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Hasenjagd

Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.

YSLs_umstrittener_HaseDer chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. „Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann“, sagte der 45-Jährige. Die beiden Bronzeköpfe eines Hasen und einer Ratte stammen aus Pekings kaiserlichem Sommerpalast, der 1860 im Zweiten Opiumkrieg von britischen und französischen Truppen geschleift wurde. Die Zerstörung gilt in China bis heute als Symbol nationaler Schande und ausländischer Feindseligkeit. Chinesische Anwälte und Diplomaten hatten die Versteigerung durch das Auktionshaus Christie’s bis zuletzt zu verhindern versucht, weil sie „die Gefühle des gesamten chinesischen Volkes verletzt“ hätten.

Cai will seine Sabotage als patriotische Pflichterfüllung verstanden wissen. „Ich fühle mich geehrt, diese Chance gehabt zu haben“, sagte er. Cai weiß bestens, wie bei Versteigerungen der Hase läuft, schließlich betreibt er im südchinesischen Xiamen selbst ein Auktionshaus namens Harmoniekunst International. Gleichzeitig ist er Berater des Fonds für Nationalschätze, einer privaten Stiftung vaterlandsliebender Kunstsammler, die sich um die Rückkehr von Raubkunst bemühen. Im Oktober 2006 machte Cai Schlagzeilen, als er in Hongkong zum Rekordpreis von elf Millionen Euro einen 500 Jahre alten Bronzebuddha ersteigerte. „Er wird nie wieder chinesische Erde verlassen“, erklärte Cai damals. „Ich habe ihn nicht für mich gekauft, sondern für das chinesische Volk.“

Nach staatlichen Angaben sind seit dem 19. Jahrhundert 1,64 Millionen chinesische Antiquitäten ins Ausland verkauft oder geschmuggelt worden. Seit einigen Jahren bemüht sich China, die Kunstschätze zurückzubekommen. Durch Spenden und diplomatische Bemühungen sind inzwischen 4000 Stücke wieder in ihre Heimat gelangt. Aushängeschild der Kampagne ist die Suche nach den zwölf Jahrestieren, die einst im Sommerpalast einen Springbrunnen zierten. Im Jahr 2000 ersteigerte das staatliche Militärkonglomerat Poly den Tiger, den Affen und den Ochsen, später erstanden chinesische Geschäftsleute das Schwein und das Pferd. Fünf Tiere sind noch verschollen.

Nach Cais Coup will Chinas staatliche Behörde für Kulturschätze erneut mit Christie’s über die Rückgabe des Hasen und der Ratte verhandeln. Der Erbe des Designers Laurent, Pierre Berge, hat allerdings angekündigt, die Stücke nur hergeben zu wollen, wenn die Kommunistische Partei Tibet die Unabhängigkeit erlaube. Nicht zuletzt der Streit um die chinesischen Antiquitäten hatte der Versteigerung weltweite Aufmerksamkeit beschert und den Preis der umstrittenen Skulpturen auf fast das Doppelte des Schätzwertes steigen lassen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass mehrere chinesische Patrioten den Preis bei der Versteigerung untereinander in die Höhe getrieben haben.

Bernhard Bartsch | 03. März 2009 um 01:41 Uhr

 

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