Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Hart, aber nicht herzlich

Peking wirbt für sein „chinesisches Modell“ eines friedlichen Aufstiegs. Doch China hat in der Welt zwar Bewunderer und Neider, aber kaum echte Freunde.

China gibt derzeit den Weltenretter. Die Volksrepublik will der angezählten Eurozone eine „helfende Hand“ entgegenstrecken, verspricht Premier Wen Jiabao. Die Dankbarkeit, mit der sein Angebot in Europa und an den Aktienmärkten angenommen wird, erfüllt die Chinesen mit patriotischem Stolz. Genüsslich berichten die Staatsmedien, wie einst mächtige Nationen, die China gerade noch Ratschläge in Sachen Reformen und Menschenrechte erteilten, nun als Bittsteller dastehen. Der gefühlte Abstand zur Supermacht USA schrumpft. Nicht nur in China sind viele davon überzeugt, dass die Ära der globalen Vorherrschaft des Westens zu Ende ist und die Volksrepublik auf der internationalen Bühne bald die Hauptrolle spielen wird.

Je stärker die Chinesen in den Vordergrund treten, umso akuter stellt sich die Frage, was ihr wachsender Einfluss für die Welt bedeutet. Pekings Regierung spricht bereits selbstbewusst von einem „chinesischen Modell“. Demnach soll Chinas Aufstieg friedlich vonstattengehen und nicht nur der eigenen Bevölkerung, sondern der gesamten Menschheit dienen. Es wäre das erste Mal in der Geschichte, dass eine Großmacht eine andere ablöst, ohne dass es darüber zum Krieg kommt.

Doch ganz so weit sind wir noch nicht, und das „chinesische Modell “ existiert ohnehin nur auf dem Papier. In der Realität wird den chinesischen Strategen zunehmend klar, dass ihr Land zwar Bewunderer und Neider hat, aber kaum echte Freunde. Ob Amerikaner, Europäer, Afrikaner oder die asiatischen Nachbarn – das Ausland betrachtet China meist als einen Staat, mit dem man zwar gerne Geschäfte macht, dem man ansonsten aber skeptisch gegenübersteht. Die rabiaten Methoden, mit denen die Kommunistische Partei ihre Herrschaft im eigenen Land sichert, und die nationalistischen Parolen, mit denen sie ihr Volk zusammenzuschweißen versucht, schüren Zweifel an der Vision vom „friedlichen Aufstieg“. So sehr die harten Fakten für die Volksrepublik sprechen, so sehr sprechen die weichen Faktoren gegen sie.

Zwar gewinnt Chinas Stimme in internationalen Verhandlungen und Organisationen zunehmend an Gewicht. Doch ihre Wunschrolle als Leitnation der Entwicklungs- und Schwellenländer kann die Volksrepublik bisher nicht ausfüllen. Dass Peking nach der Finanzkrise 2008 glaubte, sich in der Nachbarschaft ein dominanteres Auftreten leisten zu können, hat sich gerächt. Länder wie Südkorea, Japan, Vietnam und Indien sehen Chinas Großmachtgebaren mit wachsender Beunruhigung und versuchen ihrerseits, Allianzen zu schmieden, um Pekings Einfluss in der Region einzudämmen.

In Peking tut man derartige Vorbehalte als letztes Gefecht der alten Strukturen ab. Die Systemfrage, lange ein Angstthema der Kommunistischen Partei, wird auf einmal auch in China diskutiert: Vor dem Hintergrund der Ratlosigkeit in Europa und den USA verweisen chinesische Politiker gerne auf die Mängel des westlichen Modells von Demokratie und Kapitalismus, um im Umkehrschluss sofort die Überlegenheit ihres „Sozialismus mit chinesischen Eigenschaften“ zu propagieren.

Dabei ist es keineswegs ausgemacht, dass die derzeitige Misere Europas und Amerikas tatsächlich zu Chinas Vorteil ist. Das chinesische Wirtschaftswachstum hängt noch immer maßgeblich von der Konsumkraft in den Industrieländern ab. Und so mächtig Peking außenpolitisch auftrumpfen mag, so machtlos steht die Partei vielen ihrer eigenen innenpolitischen Herausforderungen gegenüber. Die Korruption grassiert und unterwandert das Vertrauen in die Regierung. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Um die Stabilität zu gewährleisten, weiß sich Peking keinen besseren Rat als immer stärkere Zensur und Repressionen. Eine Supermacht stellt man sich anders vor – vor allem, wenn man ihr Bürger ist.

Bernhard Bartsch | 16. September 2011 um 03:00 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.