Bernhard Bartsch

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Hampelmanns Heimat

Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.

Schleifer von Schaukeltierkufen bei der Firma YifaLiu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. „Den hat meine Mama für mich geklaut“, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen – und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas.

Diandian und ihre Eltern, die vor drei Jahren aus der armen Provinz Anhui in die südchinesische Industriestadt gezogen sind, haben kaum eine Vorstellung davon, welche Reise das Spielzeug aus ihrer Fabrik vor sich hat – ebenso wenig wie man sich am anderen Ende der Welt groß Gedanken über dessen Herkunft macht. Dabei stammen Hunderttausende Geschenke, die bald unter deutschen Weihnachtsbäumen liegen, aus Yunhe. Allerdings laufen hier nicht die billigen Plastikpuppen oder Stofftiere vom Band, die „Made in China“ seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben. Yunhe fabriziert die Kinderzimmerausstattung der wirtschaftlich Privilegierten, ökologisch Aufgeklärten und pädagogisch Bewussten: Holzspielzeug.

Mindestens jedes zweite Bauklötzchen, Holzauto oder Schachspiel stammt aus Yunhe, schätzt man in der Branche. „Unser Weltmarktanteil liegt sicher bei fünfzig Prozent“, sagt Gao Jun, Vizedirektor von Yunhes Industriebehörde. „Es könnten aber auch zwei Drittel sein – so genau weiß das niemand.“ So gut wie alle internationalen Spielzeugmarken lassen in Yunhe von chinesischen Unternehmen produzieren, auch die aus Deutschland, wo mehr Holzspielsachen verkauft werden als in jedem anderen Land.

In den Musterregalen der Hersteller finden sich Brettspiele von Ravensburger oder Stecksets von Coppenrath und Die Spiegelburg. Auch in Deutschland verkaufte Marken wie Sevi aus Italien oder Boikido aus Frankreich beziehen die Waren aus Yunhe, ebenso Großkonzerne wie Ikea und Toys ‚r‘ us.

Selbst die hölzernen Engelsfiguren, Pyramiden und Krippen, die derzeit hunderttausendfach auf deutschen Weihnachtsmärkten verkauft werden, sind zum großen Teil in den heißen Sommermonaten in Yunhes Akkordschnitzereien gefertigt worden. Verheimlichen lässt sich die chinesische Herkunft zwar nicht, aber oft wird sie verschleiert.

He Bin, Besitzer der Firma Hexin„Bei in Deutschland gefertigten Waren drucken die Hersteller ganz groß ,Made in Germany‘ auf die Packung, aber bei ihren chinesischen Auftragsprodukten kann man das Ursprungsland kaum finden“, sagt He Bin, Geschäftsführer von Hexin, einem der größten Unternehmen der Stadt. „Einige Marken behandeln es geradezu als schmutziges Geheimnis, dass sie in China produzieren lassen.“ Dabei hätten Qualitätsskandale um vergiftetes oder unsicheres Spielzeug aus China, die in den vergangenen Jahren die Branche erschütterten und das Vertrauen in Namen wie Fisher Price oder Disney beschädigten, bisher nie Holzspielsachen betroffen. „Unsere Qualität steht der deutschen in nichts nach“, behauptet He, „und das zu einem Bruchteil des Preises“.

Obwohl Yunhe sich heute als „Heimatstadt des Holzspielzeugs“ bezeichnet, ist der Ort keineswegs eine traditionelle Handwerkshochburg, sondern verdankt seine Berufung einer planwirtschaftlichen Ad-hoc-Entscheidung. Anfang der 70er-Jahre reiste der Leiter der lokalen Wirtschaftsbehörde nach Schanghai und besuchte unter anderem eine Holzspielzeugfabrik. An die üppigen Wälder seiner Heimat denkend, kam er auf die Idee, den Standortfaktor Holz zum Kern seiner Industrialisierungspolitik zu machen. Schon zwei Jahre später produzierten in Yunhe zehn kommunale Betriebe Spielzeug, Abakusse und Klappstühle, die von einer staatlichen Handelsfirma vertrieben wurden.

Als China sich dann Anfang der 80er dem Ausland öffnete, profitierte auch Yunhe. Die Stadt hat 200 000 Einwohner. Rund 150 000 Menschen sind in der Holzindustrie beschäftigt, etwa die Hälfte sind Wanderarbeiter aus anderen Provinzen. „Bei uns gehören mehr als 700 Unternehmen in der Holzspielzeugindustrie“, sagt Gao. Das sind neben den großen Fabriken auch Werkzeughersteller, Sägewerke und Holzhändler. Der Rohstoff wird heute größtenteils aus Russland importiert – die Bergwälder der Region sind längst abgeholzt.

Doch selbst wenn Produkte aus Yunhe europäische Normen erfüllen – die Herstellungsbedingungen tun es keineswegs. Die meisten Angestellten arbeiten zu Minimallöhnen, ohne Verträge und soziale Absicherung. „Wir kommen vom Land und haben nichts gelernt, deshalb können wir auch nicht viel verdienen“, sagt Diandians Mutter Liu Xiaoying. „Aber im Dorf gibt es für uns keine Perspektive, und wenig Geld ist besser als gar keins.“ Zehn Stunden lang malt sie täglich mit einem spitzen Pinsel Pupillen in das Gesicht von Hampelmännern. Für jedes Auge erhält sie 1,7 chinesische Fen (0,17 Cent). An guten Tagen schafft sie bis zu 2 500 Farbtupfer – macht etwas über vier Euro. Das reicht gerade, um Diandian zur Grundschule zu schicken. „Wir können ihr nicht bei den Hausaufgaben helfen, wir können ja selbst nicht lesen und schreiben“, sagt die Mutter. „Sie muss das alleine schaffen.“

Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken beschränken sich meistens auf ein paar Schilder, die pro forma an der Wand hängen, aber kaum beachtet werden. So sind etwa die Arbeiter der Firma Yifa, die sich auf Schaukeltiere spezialisiert hat, Staub und Lackdämpfen völlig ungeschützt ausgesetzt. „Am Anfang hatte ich ständig Husten, aber man gewöhnt sich daran“, sagt ein 60-Jähriger, der mit einer einfachen elektrischen Schleifmaschine die runden Kufen glättet. Eine Zeit lang habe er versucht, mit Mullmaske zu arbeiten, doch damit ließ sich kaum atmen. Professioneller Lungenschutz ist nicht nur ihm, sondern auch den Fabrikbesitzern zu teuer. Wenn er nach einer Elf-Stunden-Schicht staubbedeckt zu seiner Familie zurückfährt, hat er fünf Euro verdient. In der Hauptsaison von August bis Oktober kommt er mit Überstunden auf bis zu neun Euro.

Fabrikbesitzer He Bin kennt die Vorwürfe, die im Westen gegen derartige Produktionsbedingungen erhoben werden. „Wir wissen, dass die Situation bei uns alles andere als optimal ist“, gibt er unumwunden zu. Zwar schicken einige Markenunternehmen wie sein Großauftraggeber Trudi aus Italien regelmäßig Inspektoren, um die Produktionsqualität und bestimmte ethische Mindeststandards zu kontrollieren. Aber auch die prominentesten Kunden scheuen sich nicht, ihre Zulieferer in einen gnadenlosen Preiskampf zu zwingen. „Die Hersteller unterbieten sich gegenseitig“, sagt He. „Wir sind das schwächste Glied in der Kette.“

Arbeiterin in der Firma HexinDurch die Finanzkrise, die auch in Yunhe zeitweise zu einem dramatischen Auftragseinbruch führte, sei die Lage noch schwieriger geworden. „Die Marken geben ihren Druck an uns weiter“, sagt He. „Wenn unsere Gewinnmargen sinken, steigen automatisch die Profite der Händler. Am Preis für die Endkunden ändert sich ja nichts.“ Der deutsche Ladenpreis betrage in der Regel das Zehnfache der Herstellungskosten. Einige Marken schaffen es, ihre Produkte für das Zwanzigfache zu verkaufen.

Entsprechend gering ist der Wohlstand, der in Yunhe zurückbleibt. Glaubt man offiziellen Statistiken, erwirtschafteten die Fabriken 2008 zusammen 200 Millionen Euro. Das entspricht für die Beschäftigten einem Durchschnitts-Jahresverdienst von 1 300 Euro. In Wahrheit verdient das Gros der Arbeiter weitaus weniger, während den Besitzern der großen Fabriken Millioneneinkünfte bleiben. Wie dünn die Schicht derer ist, die mit Holzspielzeug gutes Geld verdienen, lässt sich an Yunhes Stadtbild ablesen. Nichts deutet darauf hin, dass der Ort Knotenpunkt einer globalen Industrie ist. Während in anderen chinesischen Industriestädten längst US-Fastfoodketten und internationale Markenläden um die besten Standorte konkurrieren, gibt es modernen Lifestyle in Yunhe nur als billige Kopie: Burger isst man im chinesischen Restaurant „Tigergeneral“, die besten Anzüge hat die Marke „Chairman“ und ein Teehaus hat sich den scheinbar fortschrittlichen Namen „Original Espresso“ gegeben. Während die technisierte Kunststoffbranche eine Vielzahl von Ingenieuren und geschulten Arbeitern braucht, kommen in der Holzverarbeitung größtenteils ungelernte Tagelöhner zum Einsatz. Das Spielzeug der deutschen Besserverdiener stammt also aus einer Armeleute-Industrie.

He Bin, dessen Vater Mitte der 80er-Jahre Yunhes erste Privatfabrik eröffnete, will das ändern und Holzspielzeug auch in China bekanntmachen – unter seiner eigenen Marke Benho. Bisher hat der chinesische Markt dafür nur ein Volumen von vier Millionen Euro, obwohl die Familien der städtischen Mittelschicht für die Förderung ihres – in der Regel einzigen – Kindes tief in die Tasche greifen. 18 eigene Läden hat He Bin schon. Als Werbung hat er einen Animationsfilm mit Holzspielzeugen produziert, der Kindern Umweltbewusstsein beibringen soll. 2010 soll daraus eine Fernsehserie werden. „Wenn Holzspielzeug in China ein ähnliches Image bekommt wie in Deutschland, sind unsere Probleme gelöst“, sagt He Bin. „Aber leider sind die Konsumgewohnheiten noch völlig umgekehrt: Holz gilt in China als altmodisch und Plastik als modern.“

Bernhard Bartsch | 19. Dezember 2009 um 17:22 Uhr

 

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