Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Großes Rad statt kleiner Schrauben

Chinas Regierung glaubt an die Macht der Technik. Megaprojekten sollen die Umwelt retten, die Wasserversorgung sicherstellen und die Energieversorgung sichern.

Wie aberwitzig muss ein Plan sein, um als unrealisierbar zu gelten in einem Land, das schon in vorchristlichen Zeiten seine Grenze mit einer über 6000 Kilometer langen Mauer zu sichern begann und im 6. Jahrhundert einen 1800 Kilometer langen Kanal aushob, damit Reis per Schiff aus dem fruchtbaren Süden in die Hauptstadt Peking transportiert werden konnte? Wang Xiushuns Vorhaben scheint jedenfalls plausibel genug, um seit mehreren Jahren Chinas höchste Politiker zu beschäftigen. Der Unternehmer will Wasser aus dem ostchinesischen Bohai-Meer in einer riesigen Entsalzungsanlage in Süßwasser umwandeln, dann auf die Spitze eines 1200 Meter hohen Gebirgszuges pumpen und von dort in einer 600 Kilometer langen Pipeline nach Xilinguole leiten, eine Steppenregion in der Inneren Mongolei. „Mit dem Wasser können wir Umweltprobleme lösen und riesige Flächen guten Ackerlands schaffen“, wirbt Wang. Außerdem sollen seine Wasserlieferungen ermöglichen, dass die in Xilinguole abgebaute Kohle vor Ort zu Koks veredelt werden kann, statt erst hunderte Kilometer auf Lastwagen und Zügen verfrachtet zu werden. „Dieses Jahr wird das Projekt sicherlich genehmigt“, sagt Wang und plant bereits, die Leitung für sein entsalztes Meerwasser gleich noch 2000 Kilometer zu verlängern, um die ebenfalls dürregeplagten Provinzen Gansu und Xinjiang zu versorgen. Über 200 Millionen Yuan (22 Millionen Euro) habe er schon in die Vorbereitung gesteckt, erklärt Wang und scheint keinen Zweifel zu haben, dass sich seine Investition auszahlen wird. Denn in ganz Nordchina ist das Wasser knapp – und Bedarf die Mutter aller Geschäfte.

Ob seine Rechnung aufgeht, könnte sich Anfang März erweisen. Dann veröffentlicht Chinas Regierung ihren neuen Fünfjahresplan, das Schlüsseldokument für die Politik der Jahre 2011 bis 2015. Über den Inhalt der Richtlinien wird in Peking seit Monaten spekuliert und diskutiert. Zwar sind bisher nur Eckpunkte bekannt und pro forma muss erst noch Chinas Quasiparlament, der Nationalen Volkskongress, bei seiner Jahrestagung darüber beraten und abstimmen, doch Wangs Hoffnung auf politischen Rückenwind scheint nicht unbegründet. Bei der Lösung von Chinas größten Problemen setzt die Parteispitze auf gewaltige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen. Ob  Wasserversorgung, Umwelt- und Klimaschutz oder Energiesicherheit – zahlreiche Herausforderungen will Peking mit Megaprojekten und Forschungsinitiativen angehen, die im Idealfall Befreiungsschläge werden sollen.

Wie dringend das Land dramatische Maßnahmen ergreifen muss, lesen die Chinesen seit Wochen täglich auf den Titelseiten ihrer Zeitungen: Seit Jahresbeginn leidet Nordchina unter einer verheerenden Dürre, die nicht nur auf geringe Niederschläge zurückzuführen ist, sondern vor allem menschengemacht ist: durch übermäßigen Wasserverbrauch, sinkende Grundwasserspiegel, Erosion und Umweltverschmutzung. Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Verseuchung von Luft, Wasser und Böden im Jahr 2008 Folgekosten von 144 Milliarden Euro verursacht habe, was rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Eine andere Untersuchung, für die unter anderem Greenpeace verantwortlich zeichnet, veranschlagt den Schaden sogar mehr doppelt so hoch. Demnach soll die Verschmutzung des Jahres 2007 Kosten von 1,75 Billionen Yuan oder 7,1 Prozent des BIP angerichtet haben. Außerdem ist China der weltgrößte Produzent von Treibhausgasen, und die Emissionen werden weiter steigen, solange das Land seinen schnell wachsenden Energiebedarf wie bisher zu 70 Prozent aus Kohle deckt. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass China mit seiner langen Küste und seinen unterschiedlichen Klimazonen besonders schwer von den negativen Auswirkungen der Erderwärmung betroffen sein wird.

Ehrgeizige technologische Projekte sollen Abhilfe schaffen. „Chinas Regierung wird sehr viel Geld in Branchen stecken, die sie für strategisch wichtig hält“, sagt der Ökonom Yang Mu von der National University of Singapore. „Dazu gehören insbesondere erneuerbare Energien und andere sogenannte grüne Technologien.“ Die Strategie sei zwar nicht neu, aber künftig werde die Entwicklung noch schneller vorangetrieben als bisher. So kündigte Wissenschaftsminister Wan Gang, der in Deutschland studiert und über zehn Jahre lang in der Fahrzeugentwicklung bei Audi gearbeitet hat, kürzlich in einer Rede an, in den kommenden fünf Jahren mehr internationale Spitzenexperten nach China locken und allein zehn Milliarden Dollar für Kooperationsprojekte mit US-Forschern ausgeben zu wollen. Und das ist nur eines von vielen Teilbudgets.

Zwar gilt China noch immer als Land der nachholenden Modernisierung. Doch ausgerechnet in der zukunftsträchtigen Umwelttechnologiebranche rechnen sich die Chinesen realistische Chancen aus, international mit an der Spitze der Entwicklung stehen und eine neue Exportindustrie aufbauen zu können. „Fortschritt im technischen Bereich kann nur dort stattfinden, wo Ingenieure in der Realität Erfahrungen sammeln können“, sagt Yang. „China plant so viele neue Anlagen, dass die Ingenieure erstklassige Möglichkeiten haben, neue Technologien in der Praxis zu erproben und schrittweise zu verbessern.“

Besonders in die Entwicklung von erneuerbaren Energien wie Wind-, Wasser- und Sonnenkraft pumpt der Staat Geld. Dadurch soll die Belastung der Umwelt und der Atmosphäre durch Kohlekraftwerke, aus denen bisher noch immer 70 Prozent des chinesischen Stroms stammt, reduziert werden. Bis 2015 soll der Anteil von erneuerbaren Energien, der aktuell bei zehn Prozent liegt, auf mindestens 11,4 Prozent steigen und 2020 nicht weniger als 15 Prozent erreichen. Dafür soll in fünf Jahren 50 Prozent mehr Strom aus Wasserkraft gewonnen werden als 2010, ein Ziel, für das sich das Land bisher fünf Jahr länger Zeit lassen wollte. Die Kapazität von Windkraftanlagen dürfte sich vervielfachen. Schon heute hat die Volksrepublik mehr installierte Turbinen als jedes andere Land. Allein 2010 stieg die Kapazität um 60 Prozent. Außerdem ist China der größte Produzent von Solarzellen, mit einem Weltmarktanteil von 30 bis 45 Prozent, so eine Studie des World Resources Institute (WRI). 90 Prozent davon wird bereits exportiert – sehr zur Sorge westlicher Konkurrenten, die ihre Position als Vorreiter in Umwelttechnologien plötzlich gefährdet sehen.

Dabei ist umstritten, ob Chinas Hightech-Glaube die Probleme tatsächlich lösen kann, oder nicht viel eher neue schafft. Kritiker werfen Peking vor, lieber am großen Rad zu drehen als an kleinen Schrauben. „Echte Begeisterung für den Umweltschutz entwickelt die Regierung nur dort, wo sich alles um spektakuläre Technologien handelt mit denen sich viel Geld verdienen lässt“, sagt der Politologe Zhao Litao. So mag China heute zwar als weltweit führende Nation im Bau von Wasserkraftwerken gelten, doch der Preis dafür ist hoch, wie vor allem die ökologische Desaster des Drei-Schluchten-Staudamm belegt. Berücksichtige man den Aufwand für den Bau von Staumauern, die Umsiedlung von Millionen Menschen und andere Umweltauswirkungen, seien „Wasserkraftwerke in gewisser Hinsicht viel verschmutzender als Kohlekraftwerke“, sagte kürzlich Ling Jiang, Vize-Direktor der Abteilung für Verschmutzungskontrolle im Pekinger Umweltministerium. Ähnliche Kritik gibt es an Windfarmen: Häufig würden die Turbinen in Regionen gebaut, die nicht dafür geeignet seien, weil es nicht genug Wind gebe oder Wüstensand die Getriebe schnell zerstöre. „Oft werden Windparks nur gebaut, weil es eine politische Vorgabe ist“, sagt Ökonom Yang. „Dass Peking die Devise ‚grüne Technologien“ ausgegeben hat, verpflichtet jede Provinz dazu, ihren Gehorsam mit Vorzeigeprojekten unter Beweis zu stellen.“ Auch Chinas Weltmarktführung im Solarzellenbereich ist umstritten. Die bei der Herstellung verwendeten Chemikalien verursachten vielerorts ihrerseits zu großen Umweltschäden, klagt der Umweltaktivist Ma Jun. „Wenn Chinas Initiative für neue Energie weiterhin dem alten Entwicklungspfad folgt, bei dem Wirtschaftswachstum auf Kosten von Umwelt und Ressourcen generiert wird, dann ist das kein Grund für Zuversicht.“ Ma glaubt, China könne viel mehr erreichen, wenn die Behörden umweltbelastende Investitionsprojekte verbieten oder sicherstellen, dass Fabriken keine vergifteten Abwässer in Flüsse leiten.

Doch der Glaube an den großen Wurf scheint in der DNA des chinesischen Regierungssystems zu stecken. Den Grund dafür sehen viele Beobachter im Bildungshintergrund der Parteispitze. Seit drei Jahrzehnten wird das Land in erster Linie von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern regiert, für die der Aufbau moderner Infrastruktur das Rückgrat des wirtschaftlichen Fortschritts ist. Viele Kader haben ihre Karriere auf Großprojekten aufgebaut. In einem weithin von Korruption geprägten System bieten große Budgets außerdem reichlich Gelegenheit, Geld zu unterschlagen oder befreundeten Unternehmern Aufträge zuzuschustern.

Von dieser Kultur hofft auch Unternehmer Wang Xiushun zu profitieren. Zwar ist sein Plan, entsalztes Meerwasser ins Landesinnere zu leiten, umstritten, und der erste Entwurf wurde von Premier Wen Jiabao Ende vergangenen Jahres abgelehnt. Doch zahlreiche Ministerien stehen auf Wangs Seite. „Die Probleme sind nicht technischer oder ökologischer, sondern eher wirtschaftlicher Natur“, sagt Yang Kailin, Professor am staatlichen Institut für Wasserressourcen und Wasserkraft, einer der Architekten des Plans. „Die Regierung hat gesehen, dass sich damit viel Geld verdienen lässt, und nun wird darum gerungen, wer es bekommen soll.“ Doch selbst wenn Wang nicht zum Zug kommen sollte würden andere profitieren. Schließlich erklärte der für Wasserbauprojekte zuständige Minister Chen Lei Anfang Januar: „Die Investitionen in die Wasserinfrastruktur sind bisher völlig unzureichend gewesen.“ In den kommenden zehn Jahren werde sein Ministerium deshalb vier Billionen Yuan ausgeben – stattliche 450 Milliarden Euro.

Bernhard Bartsch | 19. Februar 2011 um 03:03 Uhr

 

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