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Grausame Praxis

China Beamte zwingen eine Frau, im siebten Monat abzutreiben, und beschimpfen ihren Mann als Verräter. Ein öffentlicher Aufschrei kostet die Kader nun den Job.

Die Jagd zog sich über Tage hin. Ende Mai hatten die Beamten des Bezirks Zhenping in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi erfahren, dass Feng Jianmei im siebten Monat schwanger war. Es war ihr zweites Kind, und nach den Regeln der chinesischen Geburtenpolitik war das verboten. Aus Angst, ein zusätzliches Baby in ihrer Neugeborenenstatistik könnte ihnen Ärger einbringen, griffen die Kader zu drastischen Maßnahmen. Tagelang fahndeten sie nach der 23-Jährigen, die sich vorsichtshalber nur noch selten zu Hause aufhielt. Am 2. Juni fanden die Beamten sie doch und verlangten ein Bußgeld von 40 000 Yuan (5200 Euro), falls sie ihr Kind behalten wolle. Weil die Familie das Geld nicht aufbringen konnte, zerrten die Offiziellen Feng ins Krankenhaus und befahlen einem Arzt, ihr ein wehenförderndes Mittel zu verabreichen. Nach mehreren Stunden wurde das Kind tot geboren.

Grausame Zwangsabtreibungen wie diese dürften sich in China täglich abspielen, obwohl erzwungene Schwangerschaftsabbrüche als Mittel zur Durchsetzung der Geburtenpolitik seit Jahren verboten sind. Staatlich kontrollierten Medien schweigen das dunkle Kapitel in der Regel tot, doch Fengs Schicksal hat die Öffentlichkeit erschüttert. Den Unterschied machte ein Foto, das Fengs Mann Deng Jiyuan ins Internet stellte. Es zeigt die blutverschmierte kleine Leiche, die im Bett neben ihrer Mutter liegt. In Webforen und per Mikroblog verbreitete sich das Bild so schnell, dass Chinas Zensoren die Lawine nicht mehr stoppen konnten. Hunderttausende Internetnutzer kommentierten den Fall. Viele sehen ihn als symptomatisch für die Selbstherrlichkeit, mit der viele Beamte Gesetze ignorieren und sich darauf verlassen können, dass die Kommunistische Partei die Fehler ihrer Kader deckt.

Die Verantwortlichen waren sich ihrer Sache offenbar so sicher, dass sie die Bevölkerung gegen Deng Jiyan aufzuhetzen versuchten. Nachdem dieser mit einem Journalisten des „Stern“ über den Fall gesprochen hatte, ließen die Beamten rote Banner drucken, auf denen dazu aufgerufen wurde, „die Verräter hart zu schlagen“ und aus der Stadt zu vertreiben. Rund vierzig Menschen demonstrierten mit den Transparenten vor dem Krankenhaus, in dem Feng behandelt wird. Vergangenen Sonntag wurde ihr Mann offenbar verschleppt.

Erst als es im chinesischen Internet erneute Proteste gab, zogen die Behörden die Notbremse. Zwei Beamte, darunter der Chef der örtlichen Familienplanungskommission, seien entlassen und fünf weitere Kader bestraft worden. Der Fall erinnert an die Geschichte von einem der bekanntesten chinesischen Menschenrechtsaktivisten: 2005 half der blinde Anwalt Chen Guangcheng in der ostchinesischen Provinz Shandong einer Gruppe von Frauen, die Opfer illegaler Zwangsabtreibungen und -sterilisationen geworden waren, ihren Fall vor Gericht zu bringen. Örtliche Kader ließen Chen daraufhin festnehmen und zu vier Jahren Haft verurteilen.

Nach seiner Entlassung wurde er mit seiner Familie in Dongshigu ohne Rechtsgrundlage unter Hausarrest gestellt, und wiederholt zusammengeschlagen. Im April gelang Chen die Flucht in die USA. Die Pekinger Regierung behauptet bis heute, der Fall sei streng nach den Gesetzen behandelt worden.

Bernhard Bartsch | 29. Juni 2012 um 10:12 Uhr

 

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