Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Grau im Grün

Chinas Pläne, Elektroautos massenhaft auf die Straße zu bringen, gehen nicht auf. Hersteller müssen ihre Prognosen drastisch senken – trotz hoher Subventionen.

Die Prototypen sind alle wieder da, oft in grün oder hellblau, und wo bei anderen Autos die Tanköffnung ist, ragen demonstrativ Stromkabel heraus: Auf der Automobilmesse im südchinesischen Guangzhou zeigen internationale und chinesische Marken einmal mehr ihre Vorbereitung für die Ära der Elektroautos, von denen sich viele die nächste große Revolution der Fahrzeugindustrie versprechen. China spielt dabei eine Schlüsselrolle: Dem riesigen Wachstumsmarkt mit seinem gewaltigen Aufholbedarf und seinen ehrgeizigen Wirtschaftsplanern traute die Branche bisher zu, zum ersten Massenmarkt für E-Mobile zu werden. Doch inzwischen ist die Euphorie verflogen: Die chinesischen Hersteller, die eigentlich längst Zehntausende Elektroautos auf den Straßen haben wollten, müssen ihre Prognosen drastisch zurückschrauben, der Ausbau an Infrastruktur stockt und selbst aus Peking hört man neuerdings skeptische Töne.

„Alle sind ein wenig realistischer geworden“, sagt VW-China-Chef Karl-Thomas Neumann. Zwar seien die Voraussetzungen für die Einführung von E-Mobilen in China besser als in den meisten anderen Ländern, aber die Erwartungen an das Tempo müssten neu überdacht werden. Peking hat offiziell das Ziel ausgegeben, bis Ende des Jahrzehnts fünf Millionen E-Mobile im Einsatz haben zu wollen. Doch obwohl die Regierung dafür einen 100 Milliarden Yuan (11,6 Milliarden Euro) schweren Entwicklungsfonds aufgelegt hat, stellte zuletzt sogar Premier Wen Jiabao in Frage, ob die Vorgaben erreicht werden können. „Wir waren alle ein bisschen geschockt“, gesteht Neumann.

Chinesische Hersteller hatten in den vergangenen Jahren angekündigt, mit staatlicher Unterstützung innerhalb kurzer Zeit zehntausende Elektroautos in Umlauf bringen zu wollen. 2005 erklärte Wissenschaftsminister Wan Gang, bis 2010 solle China eine Produktionskapazität von 500.000 E-Mobilen haben. Tatsächlich sind heute in China aber nur 4000 E-Mobile im Einsatz. Die Hoffnung, dass staatliche Anreize ausreichen würden, um Millionen Chinesen zum Kauf von Elektroautos zu bewegen, ist verflogen. Obwohl die Regierung vor zwei Jahren Autokäufern in 13 Städten versprach, den Erwerb eines Elektroautos mit 130.000 Yuan (15.000 Euro) zu subventionieren, machten kaum Kunden davon Gebrauch.

Vor allem der in der Branche lange gefeierte Konzern BYD, an dem der US-Investor Warren Buffett beteiligt ist und der auch gemeinsam mit Daimler an E-Autos arbeitet, gilt in China inzwischen als Synonym für die überzogenen Hoffnungen. Das Unternehmen, das eigentlich schon Ende 2009 mit dem Export beginnen wollte, schweigt sich heute über seine Produktionszahlen völlig aus. Chinesische Medien zweifeln inzwischen sogar offen an der Seriosität des Unternehmens.

Als Entwicklungsbremse erweisen sich laut Neumann auch die chinesischen Auflagen zum Technologietransfer. Um die Entwicklung der einheimischen Industrie zu fördern, verlangt Peking von chinesischen Elektroautos, dass eine der drei Hauptkomponenten – Motor, Batterie oder Elektronik – von einem chinesischen Unternehmen hergestellt wird. Internationale Zulieferer sollen dadurch gezwungen werden, in China neue Gemeinschaftsfirmen zu gründen, an denen per Gesetz die chinesische Seite die Mehrheit hält. Bei ausländischen Herstellern stößt das auf Widerstand, und viele haben Sorgen, dass die Richtlinien noch weiter verschärft werden könnten. „Wenn zusätzliche Vorschriften erlassen werden, wird es nur noch schwieriger gemacht“, sagt Neumann. Bei VW glaubt man inzwischen, dass auch in China die Einführung von E-Mobilen nicht in einem Schritt, sondern über die Zwischenstation von Hybridantrieben erfolgen werde. Die Wolfsburger wollen kommendes Jahr eine Testflotte auf die Straßen bringen. Die Produktion werde 2013 oder 2014 richtig aufgenommen11

Bernhard Bartsch | 21. November 2011 um 03:47 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Annett

    24. November 2011 um 16:46

    Hallo Herr Bartsch,
    schön, dass es Ihren Blog gibt, denn die Beiträge geben mir die Bestätigung, dass es sich weiterhin lohnt hier in Asien zu wohnen. Anderswo wäre es weitaus nicht so „spannend“.
    Zu einem Ihrer letzten Artikel „Grau im Grün“ hätte ich gern einen wichtigen Fakt nachgefragt. Sie schreiben, dass die E-Cars mit 130.000 Yuan subventioniert werden, doch wieviel soll denn das Auto eigentlich kosten? Sind sie dermaßen überteuert, dass sich keiner rantraut? Gab es eigentlich Versuche, Teile der riesigen Regierungsflotte mit E-Cars auszustatten?
    Viele Grüße
    Annett
    http://www.mybeijing.de