Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Granatäpfel statt Kirschen

Wo Vertrautes vergeht, hat Sinnsuche Hochkonjunktur. Ein Pekinger Jungphilosoph versucht, seine orientierungslosen Landsleute mit den Lehren des Endzeitdenkers Konfuzius aufzufangen.

„Unsere Welt ist wie ein Granatapfelbaum, an dem Kirschen wachsen“, sagt Pang Fei und vergewissert sich mit einem raschen Blick, ob alle ihm folgen können. „Aber am Ende“, er macht eine Pause, „am Ende werden wir zu unseren Anfängen zurückkehren.“ Seine Zuhörer nicken, einige lächeln. Pang genießt die Stille, die seinem kleinen Vortrag folgt, und gießt seinen Gästen neues Wasser auf die Teeblätter in ihren Pappbechern. Es ist kalt und nicht gerade gemütlich. Die Farbe pellt sich von den Wänden, obwohl man die neueste Weißschicht noch riechen kann. Aber was spielt das schon für eine Rolle? Wichtig ist, dass an Granatapfelbäumen Granatäpfel wachsen und dass Kirschen an den Kirschbaum gehören. Alles andere ergibt keinen Sinn.

Sinn ist Pangs Metier, und wenn er darüber redet, fangen viele Sätze mit „am Ende“ an. Eine Art Berufsjargon. Pang ist Philosoph und damit Experte darin, Dinge zu Ende zu denken. Obwohl der 33-Jährige nicht wie der geborene Vordenker daherkommt – seine Handbewegungen sind unruhig, seine Sprechweise stockend, seine Formulierungen treffen oft erst auf Umwegen den Punkt – ist Pang mit seinen Gedanken ein gefragter Mann. Er spricht in Schulen, Universitäten, Unternehmen und im Fernsehen, veranstaltet Diskussionsrunden und gibt eine Zeitschrift heraus. Vor allem aber betreibt er in seinem Haus im Norden Pekings Chinas erste private Philosophieschule, eine Institution für letzte Fragen in einer Gesellschaft, in der sich alles um Neuanfänge und die nächste Herausforderung dreht.

„Lange Zeit glaubten alle Chinesen, man müsse ‚nach vorn gehen‘, denn ‚vorn‘ hieß weg von Chaos und Armut“, erklärt Pang. „Aber inzwischen fragen sich immer mehr Menschen, wo unsere Entwicklung hinführen soll.“ Es sind nicht die Reformverlierer, die zu Pang kommen, sondern vorrangig Erfolgreiche. Sie sorgen sich weniger um die gängigen chinesischen Endzeit-Szenarien – mangelnde Demokratie, Korruption in der Kommunistischen Partei, Verschuldung der Staatsbetriebe, Umweltverschmutzung oder die wachsende Wohlstandskluft – als darum, ob Chinas Erfolg das Ende der chinesischen Kultur bedeutet.

Kulturverschleiß ist in China ein Angstthema geworden. „Früher hat der Konfuzianismus unsere Gesellschaft getragen, dann der Kommunismus, aber heute verbindet uns nichts mehr“, warnt Li Lulu, Soziologe an der Pekinger Volksuniversität, einer von unzähligen Pessimisten, die sich in China derzeit öffentlich Sorgen machen. Sie sehen sich nicht als Wertkonservative, sondern als Pragmatiker, denn gerade die chinesischen Traditionen und Tugenden sind in den Augen vieler Chinesen ein Hauptfaktor für Chinas wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahrzehnte. Der konfuzianische Mix aus staatlicher Autorität, familiärem Zusammenhalt, Arbeitsdisziplin und Lerneifer hat die Chinesen zusammengeschweißt, obwohl der Westen fest mit Chinas Zerfall rechnete.

Doch inzwischen sind die Menschen im Land nicht mehr so sicher, wie gut ihr gesellschaftlicher Kitt noch hält. „Die sozialen Bezugssysteme des chinesischen Alltags lösen sich auf“, fürchtet Li. Der Staat habe sich aus der Versorgung seiner Bürger zurückgezogen; ein neues Sozialsystem gebe es noch nicht. Die traditionell großen Familienverbände seien durch die Ein-Kind-Politik innerhalb einer Generation auf Kleinstfamilien zusammengeschrumpft. Die Gesellschaft zersplittere und der Erfolgsdruck auf die Jungen steige, weil in Zukunft ein einzelner den Lebensabend der Eltern und womöglich noch der Großeltern finanzieren muss – eine Verantwortung, vor der viele Kinder kapitulieren, indem sie mit ihrer Familie brechen. „Wir werden immer mehr zu einem Volk ohne Moral und Werte“, glaubt Li. „Ich betrüge dich heute und du mich morgen – das ist jetzt die Essenz unserer Gesellschaft.“
Konkurrenzkultur lautet das neue Schlagwort. So erhebt der 2004 erschienene chinesische Bestseller „Wolf Totem“ den Wolf zum neuen Leittier der Chinesen: Jeder müsse seine Zukunft selbst in die Hand nehmen und sein Glück der Welt allein oder in kleinen Rudeln abringen. Inzwischen hat der Roman eines emeritierten Politologen den Status einer Lebensberatungsbibel und ist das erfolgreichste chinesische Buch seit Maos kleinem roten.

Wenn es schwierig wird, besinnt man sich auf alte Traditionen – in China auf die von vor 2500 Jahren

Pang Fei hätte das Zeug zum Wolf gehabt. Vor sieben Jahren machte er an der Peking-Universität, der besten Hochschule des Landes, seinen Abschluss in Philosophie. Viele Türen standen ihm offen: eine Uni-Karriere, ein guter Job, ein Auslandsstipendium. Einige Zeit lernte Pang am Goethe-Institut Deutsch, er wollte in Bochum Hegel studieren. Seine Eltern, einfache Arbeiter aus Chinas Nordosten, wären stolz auf ihn gewesen. Doch er entschied sich anders. Er mietete in der Nähe der Peking-Universität ein kleines Haus und eröffnete seine Schule für klassische Kultur. „Yidan“ nannte er sie: „Freude an der Hingabe“.

Yidan ist gleichzeitig ein Sozialprojekt und eine Geschäftsidee – ein Ansatz, der so alt ist wie die chinesische Philosophie. Vor rund 2500 Jahren war in China schon einmal alles zu Ende. Fürsten fielen übereinander her und zwangen ihre Untertanen, für sie in den Kampf zu ziehen. Die Kriege zerstörten die bescheidenen Träume, die man in der zentralchinesischen Tiefebene von einem guten Leben hatte. Nichts war mehr, wie es mal war.

Es war eine gute Zeit für Heilspropheten. Dutzende Glücksberater zogen damals durch die Kleinstaaten und suchten zahlungskräftige Kundschaft: Adlige, die unter seelischer Leere litten, oder Herrscher, die nach neuen Strategien für die Zukunft such-ten. Einige der Wanderdenker empfahlen den Rückzug ins Private, andere warben für Rechtsreformen, wieder andere kamen mit alten Werten. Einer von ihnen war Konfuzius: Früher habe jeder in der Gesellschaft seinen Platz gekannt, behauptete er. Die Fürsten hätten sich um ihre Untertanen gekümmert wie Väter um ihre Söhne und sich damit Respekt und Gehorsam verdient. Und nur so könne eine Gemeinschaft funktionieren. Sein Plädoyer für das Vertraute gefiel den Herrschern, zumal sich mit Idealen wie Unterwürfigkeit und Disziplin gut Staat machen ließ. So wurde der Wertekanon des Konfuzius für China so prägend wie das Christentum für den Westen.
„Die alten Texte sind ein Werkzeug, mit dem wir etwas über uns selbst lernen können“, sagt Pang. „Wir können sie nicht pauschal in die heutige Zeit übernehmen, aber sie sind ein Schatz an Weisheit, der uns Halt geben kann.“ Seine Schule hatte schnell Zulauf – und genügend Spender, um den Betrieb am Laufen zu halten. Denn wer zu Pangs Kursen kommt, muss nicht bezahlen, darf aber. Zwischen 600 und 1000 Renminbi (60 bzw. 100 Euro) braucht der Schulgründer im Monat. Anfangs war es knapp, aber irgendwie kam er immer über die Runden. Seit einem Jahr läuft die Schule so gut, dass Pang noch ein zweites Haus gemietet hat. 300 000 Menschen habe er schon erreicht, sagt er.

Sein Angebot ist groß: Er hält Vorträge, veranstaltet Diskussionsrunden und inszeniert manchmal auch konfuzianische Belehrungen im alten Stil. Dann trägt er ein traditionelles Kostüm und brennt vor einem Konfuziusbild Räucherstäbchen ab. Die Anwesenden müssen sich vor dem Altar, ihm und dem Gruppenältesten verbeugen. Für Kinder bietet er Kurse über den „Drei-Zeichen-Klassiker“ an, mit dem chinesische Kinder mehr als tausend Jahre lang Lesen und Schreiben lernten und dabei konfuzianische Werte aufsaugten: „Bei ihrer Geburt sind alle Menschen gut, und ihre Herzen sind sich nah. Erst durch unterschiedliche Gewohnheiten werden sie sich fremd“, lautet die erste Zeile. „Ein Vater muss sein Kind nicht nur ernähren, sondern auch für seine Bildung sorgen. Ein Lehrer muss ein Kind nicht nur unterrichten, sondern auch streng mit ihm sein“, heißt es weiter. Und: „So wie aus Jade kein Schmuck wird, wenn man sie nicht schnitzt, so findet der Mensch nicht seine Bestimmung, wenn er nicht studiert.“

Dass diese Werte nach zweieinhalbtausend Jahren innerhalb weniger Jahre hinweggespült werden sollen, kann sich Pang nicht vorstellen. „Politik und Wirtschaft sind nicht alles“, sagt er. „Aber bei der Kultur fängt alles an.“ Tatsächlich ist er längst nicht mehr der Einzige, der in China alte Traditionen verbreitet. Von Philosophieprofessoren bis zu buddhistischen Mönchen hat sich in den vergangenen Jahren eine ganze Tugendberaterzunft gebildet, die vor allem in Unternehmen und vor Regierungsbeamten Moral lehren soll – und dafür immer besser bezahlt wird. Nachdem sich vergangenes Jahr auch die Kommunistische Partei, die den feudal denkenden Konfuzius lange verfemte, an die Lehren des alten Meisters erinnerte, hat das Geschäft kräftig angezogen. Jetzt plant Pang, seine Schule zu einem landesweiten Netzwerk auszubauen. In der Provinz Hebei gibt es bereits einen Ableger, mit 20 weiteren Städten ist Pang im Gespräch. 1000 freiwillige Mitarbeiter hat er mittlerweile, bald werde er auch einige Profis brauchen.

Dass auf dem Markt der Sinnsuchenden Überkapazitäten entstehen könnten, befürchtet Pang nicht. „Immer mehr Menschen werden reich, aber gleichzeitig werden auch immer mehr unglücklich“, glaubt er. „Die heutige Welt ist zu komplex, als dass man sie verstehen könnte.“ Eine alltägliche Erfahrung der Moderne, für die es im Chinesischen einen uralten Kindervers gibt: Der Granatapfelbaum trägt Kirschen.

Erschienen in: brand eins 5/2006

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2006 um 05:28 Uhr

 

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