Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Gott vom Fließband

Die größte Bibelfabrik der Welt steht in China. Das Buch der Bücher ist dort ein Bestseller.

Bibelfabrik Nanjing (Copyright Martin Gottske)Als Gott die Heilige Schrift unter die Menschen bringen wollte, bestellte er Moses zum Diktat auf den Berg Sinai. Es muss ein langer Aufstieg gewesen sein, denn das Volk Israel hatte genügend Zeit, ihn für tot zu erklären, vom Glauben abzufallen und eine goldene Kalbsgottheit zu erschaffen, bevor der Stammesvater mit Steintafeln beladen zurückkehrte. Offenbar muss auch der Höchste gemerkt haben, dass dies auf Dauer keine optimale Lösung sei, jedenfalls ist er heute weniger wählerisch, von wo aus sein Wort verbreitet wird. Wie Hemden und Haarreifen wird heute auch die Heilige Schrift in China produziert. In einem unscheinbaren Industriegebiet am Stadtrand des ostchinesischen Nanjing liegt hinter roten Backsteinmauern die größte Bibelfabrik der Welt. Alle fünf Sekunden läuft hier eine Frohe Botschaft vom Band. „Kurz vor Weihnachten haben wir unsere 50-millionste Bibel gedruckt“, sagt Peter Dean, Fabrikleiter der Amity Printing Company, einer Kooperation zwischen dem Hilfswerk der protestantischen Kirche Chinas und der internationalen Vereinigten Bibelgesellschaft (UBS), der neben 175 anderen auch die Deutsche Bibelgesellschaft angehört. „Die Nachfrage in China ist einfach gewaltig.“

Die Zahl der chinesischen Christen liegt je nach Schätzung zwischen 25 Millionen und 120 Millionen. Zwar versucht die Kommunistische Partei seit bald sechs Jahrzehnten, die Chinesen von den Vorzügen des Atheismus zu überzeugen. Doch seitdem der Glaube an das sozialistische Paradies auf Erden seine Überzeugungskraft verloren hat, verzeichnen die Religionen wieder starken Zulauf. Das Christentum, dessen Wertesystem vielen Chinesen wie ein maßgeschneiderter Gegenentwurf zum Radikalkapitalismus ihres Alltags erscheint, hat dabei besonders hohe Wachstumsraten. Wofür nicht zuletzt die Amity Printing Comany verantwortlich sein dürfte, die in China seit 20 Jahren ein Quasi-Monopol für den Druck von Bibeln besitzt.

„Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Unsere Bibeln sind in keiner Weise zensiert“, erklärt Dean beim Rundgang durch die Druckerei, die derzeit aus allen Nähten platzt. Weil im Lager kein Platz mehr ist, stehen auch in der Werkshalle volle Paletten. 400 Menschen in blauen Arbeitskitteln arbeiten an den beiden Produktionsstraßen. Die Maschinen stammen größtenteils aus Deutschland, England und Japan. 2007 wurden hier über sechs Millionen Bibeln gedruckt, davon 80 Prozent für den chinesischen Markt, der Rest für den Export. „Wir drucken hier in 90 Sprachen“, sagt der Neuseeländer, der sein Handwerk in Augsburg lernte und seit 15 Jahren in Nanjing lebt. Um mit der Nachfrage Schritt halten zu können, baut Amity in einigen Kilometern Entfernung eine neue Fabrik mit einer Kapazität von einer Million Büchern pro Monat. Jede vierte Bibel wird in Zukunft in China gedruckt.

„Was mit der Bibel in China passiert ist, grenzt an ein Wunder“, sagt Kua Wee Seng, Chinakoordinator der UBS. „Sie verkauft sich mehr als jedes andere Buch. Dabei ist es nur wenige Jahre her, dass Bibeln verboten waren.“ Während der Kulturrevolution (1966-1976) wurde das „Heilige Dogma“, wie die Bibel auf Chinesisch heißt, sogar öffentlich verbrannt. Doch 1979 erlaubte die Partei den Kirchen, wieder ihre Tore zu öffnen und religiöse Schriften zu verlegen. Der protestantische Bischof von Nanjing war einer der ersten, der eine Drucklizenz beantragte. Da die Kirche keine eigenen Pressen hatte, wurden die Bibeln ausgerechnet in der Druckerei der Volksbefreiungsarmee hergestellt. Die ersten Ausgaben, die von Nanjing ins ganze Land geliefert wurden, bestanden aus mehreren Bänden und waren kaum zum mehrmaligen Lesen geeignet. Denn dünnes, reißfestes Papier war im Mangelwirtschaftsland China nicht zu bekommen.

Doch es dauerte nicht lange, bis sich der Bibelnotstand international herumsprach und Christen weltweit sammelten, um ihren chinesischen Glaubensbrüdern Rollen mit gutem Papier zu schicken. „Bis heute bekommen wir Papierladungen geschickt“, sagt Dean. „Dabei können wir die gleiche Qualität inzwischen auch in China beziehen.“ Um Spenden legal annehmen zu können, gründete Chinas protestantische Staatskirche die Amity Stiftung, ein diakonisches Hilfswerk. Diese eröffnete 1985 zusammen mit der UBS die Nanjinger Druckerei. Ihre Entwicklung lässt sich an den Gedenkplaketten im Foyer ablesen: Ende 1987 lief die erste Bibel vom Band. Für die ersten zehn Millionen Exemplare brauchte die Fabrik acht Jahre, für die nächsten nur noch vier, danach drei und zuletzt nur noch zwei.

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Die Spenden aus dem Ausland machen die chinesischen Bibeln billig. Eine Gesamtausgabe gibt es heute schon für 9,5 Yuan (89 Cent). Das Angebot umfasst dutzende Ausstattungen: im Leder- oder Stoffeinband, mit Reißverschluss oder Index, mehrsprachig oder als Studienausgabe mit verschiedenen Übersetzungen und Kommentaren. Auch Kinder- und Blindenbibeln werden produziert. „Besonders gut laufen im Moment Taschenausgaben“, sagt Dean. „Das zeigt uns, dass die Zahl der jungen Gläubigen zunimmt.“ Erhältlich sind Bibeln in China allerdings nicht in normalen Buchhandlungen, sondern nur an offiziellen Verkaufsstellen der Kirche. War es früher ein Problem, die Bibeln zu den Menschen zu bekommen, so gibt es inzwischen landesweit 55.000 Vertriebspunkte.

Zwar muss die Kirche sich die Zahl der gedruckten Bibeln von der Zentralregierung genehmigen lassen, doch Dean sieht keinerlei Anzeichen, dass Peking das Angebot vorsätzlich knapp halten würde. Zwei Mal sei es in den vergangenen Jahren vorgekommen, dass mitten im Jahr die Bibeln auszugehen drohten und kurzfristig eine Lizenz für eine halbe Million zusätzliche Exemplare erteilt wurde. „China ist ein nachfragegesteuerter Markt“, sagt Daniel Willis von der Australischen Bibelgesellschaft, einem der Hauptsponsoren der Nanjinger Druckerei. Dass in den vergangenen Jahren mehrfach Ausländer verhaftet wurden, die Bibeln nach China zu schmuggeln versuchten, ist für ihn unverständlich. „In einigen Fällen handelte es sich um Bibeln, die von Amity gedruckt wurden“, erklärt er. Einen wirklichen Anreiz zum Schmuggel haben nur christliche Gruppen wie die Mormonen, deren Bibel andere Texte enthält als die Standardausgabe und deren Schriften in China nach wie vor verboten sind.

Die meisten Nanjinger Druckereiarbeiter sind sich indessen kaum bewusst, wie politisch ihre Arbeit ist. Nur wenige von ihnen sind Christen, denn Mission unter den Angestellten wird in der Fabrik nicht betrieben. „Ich habe mal ein bisschen drin gelesen“, sagt eine junge Packerin namens Xu, „aber vor allem bin ich hier, um Geld zu verdienen.“ Von christlicher Menschenliebe profitiert sie trotzdem: Ihr Gehalt ist mit monatlich 2000 Yuan (187 Euro) rund doppelt so hoch wie in vergleichbaren anderen Fabriken.

CHRISTEN IN CHINA

Wie viele Chinesen Christen sind, lässt sich nur schätzen. Die Annahmen schwanken zwischen 25 Millionen und 120 Millionen. 16 Millionen sind Mitglieder der staatlichen „Patriotischen Vereinigung“ der katholischen und protestantischen Kirche. Darüber hinaus existieren zahlreiche katholische Untergrundkirchen, die den Vatikan als höchste Instanz anerkennen, und protestantische Hausgemeinden. Ihre Anhänger riskieren schwere Strafen, denn aus Angst um ihre Autorität verbietet die Kommunistische Partei alle Organisationen, die nicht der Staatsgewalt unterstehen.

Internationale Menschenrechtsgruppen werfen China immer wieder Einschränkungen der Religionsfreiheit vor. So wurden in den vergangenen Monaten dutzende Anführer der Untergrundkirche verhaftet und hunderte Chinesen mit ausländischem Pass, die in Hausgemeinden aktiv waren, des Landes verwiesen. Im November sah Chinas Regierung sich sogar gezwungen, Berichte zurückweisen, dass Bibeln kommenden Sommer im Olympischen Dorf verboten sein würden.

Fünf Glaubensrichtungen sind in China zugelassen. Katholizismus, Protestantismus und Islam sind dabei relativ klein im Vergleich zu den traditionellen chinesischen Religionen Buddhismus und Taoismus, deren Anhängerschaft auf rund 400 Millionen geschätzt wird. Die überwiegende Mehrheit der 1,3 Milliarden Chinesen gilt jedoch als atheistisch.

Bernhard Bartsch | 20. Dezember 2007 um 09:16 Uhr

 

2 Kommentare

  1. Im Lande der Bibeln – This is 廣州市 calling  ⁄  Ein FSJ beim DAAD – Made in China™

    25. Januar 2010 um 17:46

    […] Bernhard Bartsch: “Gott vom Fließband” […]

  2. Im Lande der Bibeln This is 廣州市 calling

    19. Juni 2010 um 10:17

    […] Bernhard Bartsch: “Gott vom Fließband” […]