Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Gott auf der Müllkippe

Unter Chinas Wanderarbeitern findet das Christentum viele Anhänger. Sie wissen, was es bedeutet, ein Kreuz zu tragen.

Das Kreuz ist auf eine Kiste gemalt, die auf einem abgewetzten Tischchen steht. Davor sitzen eng gedrängt zwei Dutzend Menschen in wattierten Wintermänteln. „Glauben findet nicht in prächtigen Gebäuden statt, sondern in unseren Herzen“, erklärt Missionar Jia. „Wir Christen wissen, dass Gott zu uns Menschen kommt – keine andere Religion hat einen solchen Gott.“ Die Stimmung ist aufgewühlt, es wird viel geweint, und jedes Amen bricht aus den Gläubigen heraus wie ein Befreiungsschrei. „Gott, du bist unsere Hoffnung “ singen sie in inbrünstiger Polyphonie und rollen dann einen roten Teppich aus, auf dem einer nach dem anderen niederkniet, um von Jia das Abendmahl zu empfangen. Von außen drücken neugierige Kinder ihre Nasen gegen die beschlagenen Scheiben.

Die kleine Gemeinde teilt nicht nur ihren Glauben, sondern auch ihren Arbeitsplatz: eine Abfalldeponie im Norden Pekings. Hunderte Lastwagen liefern hier jeden Tag die Überreste des Großstadtlebens an und überlassen sie einem Heer von Müllsammlern, das mit Stöcken nach Plastikflaschen, Eisendrähten oder Pappen stochert. Was übrigbleibt, türmen Bagger zu stinkenden Bergen auf. In deren Windschatten stehen ärmliche Betonbaracken, die ihren Bewohnern nicht einmal einen Anstrich wert sind. Einer der Räume ist ihre Kirche.

Jeden Mittwoch- und Sonntagabend versammeln sie sich hier zu einer Art neuzeitlichem Katakomben-Christentum. Denn eigentlich ist Religion in China nur in den offiziellen Staatskirchen erlaubt, in denen die Partei überwachen kann, was gepredigt wird. Doch die Müllsammler, die als Wanderarbeiter nach Peking gekommen sind, weil ein schlecht bezahlter Knochenjob in der Metropole immer noch besser ist als gar keine Arbeit in ihrem Heimatdorf, fühlen sich in den Gemeinden der reichen Stadtbewohner nicht willkommen. Deswegen organisieren sie sich lieber in informellen Hauskirchen, trotz drohender Repressalien. Einmal standen bereits Polizisten vor ihrer Tür, konfiszierten alle Bibeln und verbrannten sie.

„Wanderarbeiter sind Opfer ständiger Diskriminierung und leiden darunter sehr“, sagtHuang Jianbo, Anthropologe an der Pekinger Volksuniversität. „Obwohl Chinas Städte von ihnen gebaut werden und sie dort die Dreckarbeit machen, sind sie nur Bürger zweiter Klasse.“ Als Huang vor fünf Jahren begann, das Selbstbild von Chinas rund 200 Millionen Wanderarbeitern zu erforschen, machte er dabei eine Entdeckung, die Pekings atheistischer Führung zu denken geben sollte: Unter den Migranten findet das Christentum immer mehr Anhänger. „Wer einer Kirche angehört, kommt mit dem Leben in der Stadt besser klar und hat ein größeres Selbstbewusstsein“, sagt der Völkerkundler.

Dabei gehe es nicht nur um die praktische Unterstützung innerhalb einer Gemeinschaft, sondern vor allem um spirituelle Sinnstiftung in einer Welt, in der ein gnadenloser materieller Wettbewerb herrscht. „Das Christentum gibt den Menschen eine Möglichkeit, über ihre eigenen Probleme nachzudenken und sie in Worte zu fassen“, erklärt Huang. „Wanderarbeiter wissen, was es bedeutet, ein Kreuz zu tragen.“ Das Christentum sei deshalb für Wanderarbeiter attraktiver als traditionelle chinesische Religionen wie Buddhismus oder Taoismus.

Verbreitet wird Gottes Wort von Gläubigen wie Missionar Jia, einem Mittvierziger aus der Südost-Provinz Anhui, der tagsüber wie alle anderen in den Abfallbergen schuftet und nach Feierabend in der Bibel liest. Eine theologische Ausbildung hat Jia nicht, aber seine Familie ist seit Generationen christlich. „Ich bin schon als Kind getauft worden“, erzählt er. Dabei war öffentliche Religionsausübung in der Mao-Zeit strikt verboten.

Jia versteht es, seinen Gemeindemitgliedern zu zeigen, wie viel von ihrem eigenen Leben in der Bibel steckt. Denn stammt nicht Jesus selbst aus dem Wanderarbeiter-Milieu? Josef war Schreiner in Nazareth, und ausgerechnet als seine Frau Maria hochschwanger war, verlangten die römischen Bürokraten von ihm, wegen einer Volkszählung zurück in seine Heimatstadt Bethlehem zu reisen. Offenbar galt schon zu Zeiten Jesu ein Vorläufer des chinesischen „Hukou“-Systems, jener restriktiven Wohnsitzbindung, die alle Chinesen an ihren Heimatort bindet und es Wanderarbeitern praktisch unmöglich macht, ganz in die Stadt umzusiedeln oder ihre Kinder dort auf eine staatliche Schule zu schicken.

Doch Jias Gott ist nicht nur voller Verständnis und Sympathie für das Migrantenschicksal, er ist seinem Volk auch ein praktischer Helfer. „Mein Sohn war früher klein und spindeldürr“, erzählt der Missionar. „Dann hat er Gott gebeten, ihn groß und kräftig zu machen, und schaut ihn euch jetzt an!“ Neben ihm sitzt ein properer Zehnjähriger, der strahlend berichtet, dass Gott ihm inzwischen auch bei den Schulaufgaben helfe.

Seine Gemeindemitglieder berichten von ähnlichen Wundern. Frau Wus Sohn verschwendete früher Zeit und Geld in Internetcafés, wofür sein Vater ihn verprügelte. „Ich wollte mich schon scheiden lassen“, sagt die Enddreißigerin. „Aber dann habe ich Gott gefunden und bin ein anderer Mensch geworden.“ Mit dem Christentum kehrte in der Familie wieder Frieden ein, und heute ist der Teenager ein fleißiger Schüler. „Jesus Christus liebt die Menschen“, sagt Frau Wu mit Tränen in den Augen. Und sie legt gleich noch einen Gottesbeweis nach: Vor ein paar Tagen sei ihr Hund verschwunden, und sie habe sich schon damit abgefunden, dass er von Nachbarn heimlich getötet und verspeist worden sei. „Aber gestern Morgen saß er plötzlich wieder auf einem Müllberg und bellte zu mir herüber.“

Ein älterer Mann sieht in seinen Gebeten den Grund für die guten Geschäfte, die seine Tochter mit ihrem Kiosk mache, und auch für den Bürojob, den sein Sohn nach dem Schulabschluss gefunden habe. Seine Kinder werden einmal nicht mehr wie er im Müll stochern müssen. Früher sei er Buddhist gewesen, erzählt er, aber irgendwann sei es ihm wie Betrug vorgekommen, dass die Götter nur für Menschen tätig werden, die ihnen teure Räucherstäbchen anzünden. „Das Christentum ist die höchste aller Religionen“, sagt er, „denn es bringt den Menschen bei, ehrlich und anständig zu sein.“

Bernhard Bartsch | 25. Dezember 2010 um 17:41 Uhr

 

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