Bernhard Bartsch

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Google geht aufs Ganze

Google betreibt seinen chinesischen Suchdienst künftig von Hongkong aus. Peking sieht das als Affront.

Herr Sun ist ein Zensor. Für einen großen chinesischen Internetkonzern reinigt er Blogs und Chatforen von „ungesunden Inhalten“: pornographischen Bildern und Gewaltdarstellungen, vor allem aber kritischen Texten, die den zentral kontrollierten Wahrheiten der Kommunistischen Partei zuwiderlaufen. „Wir bekommen jeden Tag neue Listen mit Begriffen, die wir überprüfen müssen“, erzählt Sun.

Dazu gehören „Demokratie“, „Tiananmen“ und „Dalai Lama“, aber etwa auch „Namibia“, wo der Sohn von Staatspräsident Hu Jintao unter Korruptionsverdacht geraten ist. „Wenn ein Wort in einem unerlaubten Zusammenhang auftreten, sperren wir die Seite und verfolgen natürlich auch nach, wer das geschrieben hat“, erklärt der Endzwanziger. Besonders stolz ist er auf seinen Job nicht, aber es ist der beste, den er finden konnte.

In Zukunft wird Sun noch etwas genauer hinschauen müssen. Denn nachdem Google in der Nacht zum Dienstag überraschend begonnen hat, seinen chinesischen Suchdienst von Hongkong aus zu betreiben, um die Zensurbestimmungen in der Volksrepublik zu umgehen, könnten unliebsame Informationen sich leichter verbreiten als bisher. Zwar haben Chinas Zensurbehörden angekündigt, die Kontrolle von Internetinhalten nicht lockern zu wollen. Doch ob sie dabei so weit gehen würden, die Seite „Google.cn“ vollständig zu blockieren, ließen sie vorerst offen.

Die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong ist zwar seit 1997 Teil der Volksrepublik, genießt aber nach der Regelung „Ein Land, zwei Systeme“ volle Presse- und Meinungsfreiheit. So konnten chinesische Internetbenutzer mit dem umgeleiteten Google-Dienst am Dienstag unzensiert nach kritischen Themen suchen. Viele der gefundenen Links ließen sich allerdings nicht öffnen, weil Chinas sogenannte „Great Firewall“ ausländische Seiten automatisch auf sensible Begriffe scannt und gegebenenfalls blockiert.

Auf einer neu eingerichteten Seite zeigt Google künftig an, welche Dienste in China erreichbar sind. Am Dienstag funktioniert die Suche nach Webseiten, Bildern und Nachrichten, während die Videoseite YouTube und die Publishing-Tools Sites und Blogger blockiert wurden.

Mit dem Umzug nach Hongkong geht der wochenlange Machtkampf zwischen Google und Chinas Regierung in die entscheidende Runde. Google hatte am 12. Januar erklärt, sich nicht länger an diese Vorschriften zur Selbstzensur halten zu wollen, nachdem Server des Unternehmens angeblich von chinesischen Hackern angegriffen worden waren, die unter anderem Emailkonten chinesischer Dissidenten ausspionieren wollten. Chinas Regierung bestreitet, in Hackeraktivitäten verwickelt zu sein, und wirft Google politische Motive vor. Der Streit belastet auch die Beziehungen zwischen Peking und Washington. Mehrere Verhandlungsrunden zwischen Google und der Regierung scheiterten.

Diese fuhr am Dienstag scharfe Rhetorik auf. „Google hat ein schriftliches Versprechen gebrochen, das es beim Eintritt in den chinesischen Markt abgegeben hat“, wiederholte ein Regierungssprecher die offizielle Position, dass jedes ausländische Unternehmen sich an chinesische Gesetze halten müsse, wozu für Suchmaschinenbetreiber auch die Selbstzensur vor Ergebnissen gehört. „Die Filterung der Suchfunktion aufzuheben ist vollkommen falsch.“ Peking kündigte Google ein „Nachspiel“ an, ohne die Drohung allerdings zu konkretisieren.

Bei Google glaubt man allerdings, mit der Verlagerung nach Hongkong einen rechtlich einwandfreien Ausweg gefunden zu haben. Google-Manager David Drummond bezeichnete das Arrangement auf dem Firmenblog als „sinnvolle Lösung zu unseren Herausforderungen – sie ist vollständig legal und wird den Informationszugang für Menschen in China bedeutend erhöhen“. Drummond erklärte, das Unternehmen wolle andere chinesische Geschäftsaktivitäten, darunter sein Entwicklungslabor und den Anzeigenverkauf, weiterhin aufrecht erhalten.

Da Google fürchtet, seinen chinesischen Angestellten könnten nun Repressalien drohen, stellte Drummond klar, die Entscheidungen seien alle in den USA gefallen. Aktuell beschäftigt das Unternehmen in China an drei Standorten rund 600 Mitarbeiter. Doch selbst wenn das Unternehmen sein Chinageschäft auf Pekings Druck vollständig schließen müsste, wäre die Auswirkung auf die Bilanz des Unternehmens gering. Laut Branchenanalysten beläuft sich Googles Umsatz in China auf gerade einmal 200 Millionen Dollar – das ist nicht einmal ein Prozent des Gesamtumsatzes von jährlich 22 Milliarden Dollar.

Anders als in den meisten Ländern ist Google im chinesischen Suchmaschinenmarkt mit einem Anteil von 35 Prozent nur die Nummer zwei, hinter dem von der Regierung unterstützten chinesischen Konkurrenten Baidu mit über 60 Prozent. Baidu könnte nun zum Nutznießer von Googles Rückzug werden. Allerdings versucht auch der Rivale Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing in China Fuß zu fassen.

Bernhard Bartsch | 23. März 2010 um 17:13 Uhr

 

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