Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Glorreiche Zeiten

Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.

China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen „glorreichen Zeitalters“. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?

China im Jahr 2013 – dieses Szenario gehört derzeit zu den populärsten Diskussionsthemen in chinesischen Internetforen und Intellektuellenzirkeln. Doch was wie die Großmachtfantasie einer parteiinternen Denkfabrik klingt, ist in Wirklichkeit der Inhalt einer schwarzen Satire, die China als real existierende Anti-Utopie beschreibt.

In dem Roman „Das glorreiche Zeitalter – China 2013“ verlegt der in Peking lebende Hongkonger Autor Chan Koon-Chung George Orwells Stalinismusparabel „1984“ in die nahe Zukunft der Volksrepublik. Pekings Big-Brother-Maschinerie hat die Chinesen erfolgreich gehirngewaschen, das Volk vibriert vor patriotischem Hochgefühl, die Stimmen von Menschenrechtsaktivisten, Demokratiekämpfern und Zensurgegnern sind verstummt. „Natürlich ist das alles Fiktion“, sagt Chan und lächelt vielsagend. „Aber Chinas Realität nähert sich meinen Beschreibungen ziemlich schnell an – man kriegt es regelrecht mit der Angst zu tun.“

Dabei wirkt Chan eigentlich nicht wie einer, der sich fürchtet. Der knapp 60-Jährige verbreitet das Selbstbewusstsein eines Kosmopoliten, der in vielen Kulturen und Sprachen zu Hause ist. Sein langes graumeliertes Haar ist sorgfältig frisiert, die Kleidung strahlt lässigen Luxus aus, und zum Interview schlägt er ein Nobelhotel in der Pekinger Innenstadt vor, wo er mehrere Wohnungen besitzt. Doch gerade seine Distanz und finanzielle Unabhängigkeit erlauben es ihm, sich öffentlich Sorgen über Chinas Entwicklung zu machen – und zu formulieren, was viele Chinesen denken, aber nicht auszusprechen wagen. „Die Regierung greift zu immer härteren Methoden, um Konformität durchzusetzen und jegliche Kritik zu unterdrücken“, sagt Chan. „2008, nach den Olympischen Spielen, hat diese Kampagne eine ganz neue Dimension angenommen, weshalb ich mich entschieden habe, die gegenwärtige Entwicklung in einem Buch zu Ende zu denken.“

Als er ein Jahr später fertig war, wusste er, dass „Das glorreiche Zeitalter“ in China keine Chance auf Veröffentlichung haben würde. Stattdessen erschien das Buch nur in Hongkong und Taiwan in einer bescheidenen Auflage von 12 000 Stück. Doch obwohl Pekings Zensurbehörden verhindern konnten, dass der Titel offen in Buchläden verkauft wird, hat er im Internet schnell Kultstatus erreicht. Über Chatforen oder Twitternetzwerke werden geschmuggelte oder raubkopierte Exemplare ausgetauscht, auf Dutzenden Webseiten lässt sich das Buch kostenlos herunterladen. Die Textdatei hat Chan selbst zur Verfügung gestellt. „Mein Buch ist ein offener Text“, sagt er lachend.

Über die Anzahl seiner Leser kann Chan nur spekulieren, doch nach der Resonanz unter Chinas Bloggern zu urteilen, könnte er Bestsellerstatus genießen. Ein Twitterbenutzer mit dem Codenamen „Haohaolee“ schrieb: „Mein Vater hat die elektronische Version gelesen, ohne zu wissen, das die Handlung im Jahr 2013 spielt und gedacht, alles sei die heutige Wahrheit.“ Ein anderer bezeichnete das Buch als „Lehrwerk für alle, die noch nicht gemerkt haben, in was für einem Zensursystem wir leben“.

Dass die Internetpolizei es bisher nicht geschafft hat, das Buch zu stoppen, liegt nicht zuletzt am klug gewählten Namen. „Shengshi Zhongguo“, so der Originaltitel, ist ein fester Begriff, der seit über zweitausend Jahren die ruhmreichsten Phasen der chinesischen Geschichte beschreibt. „Die Han-Dynastie, die Tan-Dynastie, die Qing-Dynastie – das waren Chinas glorreichste Epochen“, sagt Chan, „und die Kommunistische Partei will jetzt auch so gesehen werden.“ Wollten die Zensoren Chans Buch im Internet unauffindbar machen, müssten sie im Suchmaschinengedächtnis auch viele jener Legenden löschen, aus denen Chinas Patriotismus seine Kraft bezieht.

So berührt Chan ein sensibles Thema, wenn er die Frage, wie stolz die Chinesen tatsächlich auf ihr Land sein sollten, zur Triebkraft seines Buches macht. Im Zentrum seiner Geschichte steht ein taiwanesischer Schriftsteller namens Chen, der im Peking des Jahres 2013 ein sorgloses Dasein führt. „Das China, das wir heute sehen, ist großartig“, findet Chen. Als einziges Land habe die Volksrepublik die Finanzkrise unbeschadet überstanden, während andere Länder im Chaos versinken. „Wir leben harmonisch“, meint er.

Doch dann begegnet Chen zwei alten Bekannten, Fang Caodi und Xiao Xi, die früher zu jener kleinen Gruppe politischer Dissidenten, intellektueller Querdenker und kritischer Ausländer gehörten, die Chinas Regierung als „Störenfriede“ bezeichnete – und von denen man seit Beginn des „glorreichen Zeitalters“ nichts mehr gehört hat. Selbst die Regimegegner sind verwirrt: „Niemand kritisiert mehr die Regierung, alle sind so zufrieden“, wundert sich Xiao. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei ebenso in Vergessenheit geraten wie Maos Kulturrevolution. „Es ist, als ob bestimmte Erinnerungen kollektiv in ein schwarzes Loch gefallen sind.“ Die Erklärung dafür ist, wie sich bald herausstellt, ebenso einfach wie grauenhaft: Die Geschichte von Chinas scheinbar unaufhaltbarem Aufstieg ist reine Fiktion.
Kurz vor dem Beginn des vermeintlichen „glorreichen Zeitalters“, so erfahren die Helden, waren Chinas wirtschaftliche und soziale Probleme wegen der neuen Finanzkrise außer Kontrolle geraten, im Land herrschte Anarchie. Doch die Partei war bestens vorbereitet: Nachdem die Menschen eine Zeit lang unter Aufständen, Plünderungen und Lebensmittelknappheit litten, ließ sie die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Diese ließ alle Widerständler verschwinden und versetzt seither das Trinkwasser mit einer Chemikalie, die die Menschen euphorisiert und unangenehme Erinnerungen tilgt. „High-lailai“ nennt die Partei den nationalen Drogenrausch, von dem nur der innerste Führungszirkel im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai ausgenommen ist. Damit es niemand merkt, hat man alle Informationen über die Chaostage aus den Medien und dem Internet gelöscht – es existiert nur noch die Wahrheit, die der Partei passt.

Wenn Chans Geschichte auch über weite Strecken einem Hollywood-B-Movie näher ist als Orwells eleganter Prosa in „1984“, so greift sie doch mitten in die bedeutendste Debatte ein, die derzeit in der Volksrepublik geführt wird: Wer darf entscheiden, was chinesisch ist? Denn hinter der fiktiven High-lailai-Droge verbirgt sich nichts Anderes als der staatlich geschürte Nationalismus, mit dem sich die Partei einen ideologischen Schutzschirm vor Angriffen aufbaut. Kommunismus spielt in China schon lange keine Rolle mehr – die neue Leitidee heißt nationale Wiedergeburt. „Dazu wird die chinesische Geschichte nach einem einfachen Muster uminterpretiert“, erklärt Chan. „China war immer großartig, bis es vom Westen schlecht behandelt wurde, doch dann kam die Kommunistische Partei, und jetzt geht es wieder weiter wie früher.“

„Chinesisch“ ist demnach, was dem Regime nützt. Alles andere wird als „westlich“ diskreditiert. „Die Partei beschäftigt einen riesigen Apparat von Akademikern, der dieses Konzept mit Inhalten füllt“, sagt Chan. „Damit kann niemand mehr die Regierung kritisieren, denn das wird dann automatisch zu einer Kritik am Chinesischsein an sich.“ Die Masche komme gut an. Vor allem bei jungen Chinesen gewönnen Patriotismus und antiwestliche Ressentiments oft geradezu fanatische Züge.

Chan und seinen Gleichgesinnten erscheint der neue Nationalismus als Verhöhnung einer Kultur, die reicher ist, als es die Partei erlaubt, und als Unterschätzung eines Volkes, das es nicht nötig hat, dunkle Kapitel seiner Geschichte in Erinnerungslöchern zu versenken. „Ich habe mein Leben in Hongkong, Taiwan und der Volksrepublik verbracht,“ erzählt der Autor. „Ich kenne alle drei Chinas – und sie sind alle sehr verschieden.“ In Shanghai geboren, wuchs Chan in Hongkong auf und gehörte in den Siebzigern zum linken Lager, das Demokratie und soziale Gerechtigkeit forderte – damals noch nicht von den Kommunisten, sondern von den britischen Kolonialherren. Gleichzeitig verstand er es, sein Gespür für soziale Stimmungen zu Geld zu machen. Er gründete eine Zeitschrift und einen Fernsehsender, produzierte Spielfilme und Fernsehstücke, arbeitete als PR-Berater und Event-Organisator. Trotz seines Erfolgs verlor er seine Ideale nicht aus den Augen: Er schrieb Romane und kulturkritische Essays.
Vor zehn Jahren zog Chan nach Peking und stellte schnell fest, wie sehr unabhängige Intellektuelle in der Volksrepublik im Abseits stehen. Je länger die Partei herrsche, desto öfter müsse sie Löschaktionen am kollektiven Bewusstsein durchführen, um ihre Macht legitimieren zu können. Neubewertungen der Kulturrevolution oder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens seien ebenso tabu wie öffentliche Diskussionen über die Minderheitenpolitik in Tibet oder die Verfolgung von Demokratieaktivisten.

Weil die Partei alle Diskussionsforen kontrolliert, beschloss Chan, den Umweg über die Fiktion zu beschreiten – ebenso wie Orwell 1948 seine Befürchtungen über die Zukunft in einen Fantasiestaat namens Ozeanien verlegte. „Ich habe ,1984′ seit dreißig Jahren nicht gelesen“, sagt Chan. „Als ich mich entschieden habe, den gleichen literarischen Trick zu benutzen, habe ich bewusst darauf verzichtet, es mir noch einmal anzuschauen.“ Doch während Orwell seine Wahrheitssucher am Ende gebrochen zurücklässt, findet Chan für seine Protagonisten einen Schluss, der etwas hoffnungsfroher wirkt. Das Dissidententrio zieht in eine ferne Region in Südchina, in der das Wasser noch so sauber ist wie im Machtzentrum und wo alle, die das wahre China kennen, frei von nationalistischer Zwangsmedikation leben können – in der Hoffnung, dass die Anti-Utopie irgendwann eine neue Utopie gebiert. Doch wann das sein könnte, traut sich Chan nicht zu sagen.

Bernhard Bartsch | 22. Februar 2010 um 11:42 Uhr

 

3 Kommentare

  1. Georg Fuchs

    24. Februar 2010 um 15:31

    Existiert bereits eine englische oder deutsche Übersetzung dieses Buches (und sei es nur als pdf) oder existiert nur die chinesische Originalversion?

    Vielen Dank und herzliche Grüße!

  2. Bernhard Bartsch

    24. Februar 2010 um 16:38

    Nein, eine Übersetzung gibt es noch nicht, obwohl die englischen Rechte an dem Buch angeblich bereits verkauft sind.

  3. Motivation « Fette Jahre lesen

    03. März 2010 um 18:51

    […] diesem chinesischen “1984″ erfuhr ich durch einen Artikel von Bernhard Bartsch, der verschieden verkürzt in der Tagespresse erschien. Der Roman heißt […]