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Giftige Kapseln

Ein neuer Produktskandal erschüttert China: Pharmafirmen haben krebserregende Gelatine verwendet, um Materialkosten zu sparen.

Die Vorstellung im Internet klingt vertrauenserweckend. „Unsere Firma ist auf die Produktion von Gelatine spezialisiert (…) und wurde als Exportbasis für Medikamente und Lebensmittel vorgeschlagen“, präsentiert sich die Xueyang Glair Gelatin Factory aus der nordchinesischen Provinz Hebei auf einer englischsprachigen Webseite. Neben chinesischen Kunden hatte Manager Song Xunjie offensichtlich auch den internationalen Markt im Visier. Doch als Anfang der Woche die Polizei bei der Fabrik vorfuhr, fand sie die Anlage in Flammen stehend. Manager Song Kunjie hatte mit den Polizeibeamten gerechnet und bei dem Versuch, belastende Beweise zu vernichten, lieber gleich sein ganzes Werk angezündet.

Denn die Xueyang Glair Gelatin Factory ist eine von Dutzenden chinesischen Fabriken, die in Chinas jüngsten Produktskandal verwickelt sind. Millionen Kapseln für Medikamente wurden aus Gelatine hergestellt, die hohe Mengen an Chrom enthielt, das in Gerbereichemikalien verwendet wird und neben Leber- oder Nierenschäden auch Krebs verursachen kann. Wie die Gelatine in Songs Fabrik produziert wurde, war am vergangenen Sonntag in einem Enthüllungsbericht des Staatssenders CCTV zu sehen: Berge von Lederabfällen wurden in Kalkwasser und Salzsäure eingeweicht, dann in riesigen Bottichen aufgekocht, abgekühlt und zu Granulat zermahlen. Das Endprodukt hätte höchstens als Industrieklebstoff verkauft werden dürfen, niemals für Lebensmittel oder gar Medikamente.

Noch ist das Ausmaß des Skandals nicht absehbar, doch schon jetzt ist offensichtlich, dass es auf mehreren Ebenen verbrecherischen Vorsatz und gravierende Kontrollfehler gegeben haben muss. Mehrere Fabriken in Hebei und Jiangsu sollen die toxische Rohgelatine hergestellt und an Kapselhersteller geliefert haben, die damit bei Materialkosten rund ein Drittel sparen konnten. Im Landkreis Xinchang in der Provinz Zhejiang, wo rund ein Drittel aller chinesischen Medikamentenkapseln hergestellt werden, wurden 43 Fabriken vorübergehend geschlossen. Nach chinesischem Gesetz hätten sie die Chromrückstände in ihren Kapseln untersuchen müssen, doch mehrere Werke verfügten nicht einmal über die dafür notwendige Ausrüstung. Auch die Pharmakonzerne, welche die Kapseln verwendeten, prüften nicht nach. Neun Medikamentenhersteller, darunter in China prominente Marken wie Xiuzheng, Gela oder Tonghua Golden Horse, mussten insgesamt 13 Produkte vom Markt nehmen, die meisten davon Massenprodukte, die rezeptfrei verkauft wurden. Außerdem wurde die giftige Gelatine auch in Joghurt und Fruchtgelee verwendet. Nach Angaben der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua wurden bisher 22 Menschen verhaftet.

Wie viele Patienten Opfer des Skandals wurden, ist bisher unbekannt, und die chinesischen Medien, die den Fall aufgedeckt haben, wagen offenbar nicht, darüber zu spekulieren. Doch die Verunsicherung in der Öffentlichkeit ist groß. Schließlich reihen sich die Enthüllungen in eine lange Reihe vergleichbarer Fälle, die beweisen, wie schlecht Chinas Kontrollmechanismen noch immer funktionieren. 2008 erkrankten rund 300 000 Kleinkinder, die vergiftete Babymilch getrunken hatten, an Nierensteinen; mindestens sechs starben. 2010 kam es zu mehreren Todesfällen durch verdorbene Kinderimpfstoffe. Weil zahlreiche ranghohe Politiker in den Fall verwickelt waren, vertuschten die Behörden den Fall. Vergangenen November flog eine Bande auf, die in industriellem Maßstab gefälschte Medikamente hergestellt hatte, unter anderem aus Viehfutter. In ihren Lagern wurden 65 Millionen Tabletten sichergestellt.

Auch Ekelskandale um Gelatine hat es in China schon mehrfach gegeben. Schon 2004 berichtete das Staatsfernsehen über ähnliche Fälle. 2009 recherchierte die Zeitung Southern Metropolis Daily erneut die gleichen Missstände. Damals konnten die schädlichen Stoffe in einer ganzen Reihe von Lebensmitteln nachgewiesen werden: in Joghurt und Speiseeis, Sülze und Wurst. Zwar verspricht die Regierung nach jedem Skandal von Neuem, ihre Anstrengungen intensivieren zu wollen. Doch Experten sehen ein grundlegenderes Problem: Öffentliche Kontrolle durch Verbraucherschutzverbände oder Medien ist in China nur begrenzt möglich. Zwar waren es diesmal Journalisten des Staatsfernsehens, welche die Missstände aufdeckten. Doch wie umfassend die Behörden den Fall aufklären oder wie fair die Opfer entschädigt werden, dürfen sie nicht hinterfragen.

Bernhard Bartsch | 19. April 2012 um 05:57 Uhr

 

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